Kohlbergs Stufenmodell moralischen Bewusstseins – aktuell betrachtet.

Der britische Philosoph, Politiker und Ökonom John Stuart Mill (1806 – 1873), hat in seinem 1859 erschienen Essay On Liberty (dt. Über die Freiheit) den Satz geprägt: „Wenn man die Dinge nüchtern betrachtet, so muß man sagen: wieviel Huldigung auch der wahren oder angenommenen geistigen Überlegenheit dargebracht wird, so strebt die allgemeine Neigung doch dahin, der Mittelmäßigkeit die größte Macht über die Menschen zu geben.“ (Mill 2011, 93)

Diesen Satz kann man in unterschiedliche Richtungen untersuchen und deuten, hier interessiert vor allem der letzte Teil, da dieser unter anderem bewusst und unbewusst, aktiv und passiv, sowie individuell (ich gebe der Mittelmäßigkeit Macht über mich) oder kollektiv (der Mittelmäßigkeit wird Macht über die Menschen als Gesellschaft gegeben) interpretiert werden kann.

In Zeiten, in denen weltweit am Schicksal zwölfer Jugendlicher und ihrem Fußballtrainer, die in einer Höhle in Thailand in vier (!) Kilometern Tiefe von Wasser eingeschlossen sind (man fragt sich, wer ernsthaft Jugendliche, die ausgewiesene Nichtschwimmer sind, kilometerweit in einen wasserdurchfluteten Höhlentunnel führt) mehr mediales Interesse und kollektive Betroffenheit entgegengebracht wird, als beispielsweise abertausenden ertrunkenen Geflüchteten auf den Weltmeeren oder täglich weltweit tausenden verhungerten Kindern, scheint es angebracht, den Satz Mills genauer zu beleuchten. Warum ist es (gesellschaftlich) so, dass die Mittelmäßigkeit in weiten Teilen vorherrscht?

Um sich ein Bild kognitiver Strukturen und Konzepte im Rahmen des Reifungsprozesses von Individuen zu machen, lohnt es sich unbedingt, auf das Stufenmodell des moralischen Bewusstseins des U.S.-amerikanischen Psychologen und Moralphilosophen Lawrence Kohlberg (1927 – 1987) zu rekurrieren. Es handelt sich dabei um einen mehrstufigen Prozess zur Beurteilung moralischer Fragen, der von jedem Individuum zu durchlaufen ist und zwar – und das ist eine der grundlegenden und meines Erachtens doch bahnbrechenden Erkenntnisse Kohlbergs – kulturunabhängig. Der gedankliche Rollentausch, eine kognitive Fähigkeit intersubjektive Strukturen wahrzunehmen, ist dabei entscheidend zur Beurteilung moralischer Fragen.

Die Stufen, die Kohlberg festmacht, sind:

  • Das präkonventionelle Niveau als Niveau des Kleinkindes, es geht dabei ganz wesentlich um Unlustvermeidung und gegenseitigen Nutzentausch.
  • Das konventionelle Niveau als Niveau des gut sozialisierten Kindes. Dabei steht die Orientierung an Autoritätspersonen im Vordergrund bzw. in einer etwas höheren Abstufung der Wunsch nach Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Insofern ein gewisser ethischer Relativismus oder Skeptizismus einsetzt (aber eben nur insofern!), tritt das Individuum in eine Übergangsstufe ein, die dem Niveau eines Adoleszenten, also eines (erwachsenen) Jugendlichen entspricht.
  • Das postkonventionelle Niveau als Niveau des mündigen Erwachsenen. Dieses Niveau stuft sich nochmals ab von der Fähigkeit einer liberalen Orientierung an der Gesellschaft zur höchsten zu erreichenden Stufe in Form einer autonomen (sich selbst setzenden) Orientierung an universalen oder (potentiell) zu universalisierenden ethischen Prinzipien, letztlich auf Basis der menschlichen Vernunft.

Das hört sich alles, nicht zuletzt intuitiv, ganz nachvollziehbar an, wird aber erst richtig interessant, wenn man betrachtet, wie viele Menschen sich auf welchen Niveaus moralischen Bewusstseins befinden. Nach Kohlbergs Untersuchungen – die als konzeptionell und empirisch verifiziert gelten (vgl. Ulrich 2016, 52) – erreichen lediglich 25 % der Erwachsenen einer Gesellschaft die vorletzte Stufe (liberale Orientierung im Rahmen des postkonventionellen Niveaus) und weniger als 5 % die letzte Stufe einer autonomen Orientierung an universalen, vernünftig begründbaren ethischen Prinzipen. Im Umkehrschluss bedeutet das – und diesen Tatbestand muss man sich bewusst vor Augen führen – dass 75 % der Erwachsenen einer jeden Gesellschaft auf einer konventionellen Stufe moralischen Bewusstseins stehen (geblieben sind), sich also nach wie vor auf dem Niveau eines gut sozialisierten Kindes befinden, sich an (nicht nur moralischen) Erwartungen von (auch vermeintlichen) Autoritätspersonen orientieren und die gesellschaftliche Orientierung sich im Wunsch nach der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung („Law and Order“) im wahrsten Wortsinne erschöpft. Insofern sich – beispielsweise auf Grundlage der Wahrnehmung tausender ertrunkener Geflüchteter – kein Skeptizismus einstellt, ist eine autonome Orientierung an moralischen Prinzipien, wie beispielsweise dem Humanismus, unmöglich bzw. verunmöglicht.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse gewinnen Wahlergebnisse der AfD, sämtliche Aussagen von Figuren wie Dobrindt oder Söder, die Negierung des Klimawandels oder eben fehlende Bereitschaft zumindest der Anteilnahme am Schicksal (und dann Aufnahme) Geflüchteter, die wir nicht zuletzt selbst hervorbringen aufgrund eines fortgesetzten Kolonialismus mit modernen Mitteln, auf dem nach wie vor unser Reichtum fußt, ganz neue Bedeutung. Oder anders gesagt, es findet zwar keine Umdeutung statt, aber das Ergebnis bleibt das selbe. Der Soziologe Stefan Lessenich bezeichnet diesen Tatbestand als Sozial-Nationalismus, was eine in meinen Augen unfassbare gute Beschreibung der Tatsache dessen ist, dass ein hohes Maß an Nationalismus auch in den an sich sozialisierten und an sich auch durchaus sozial eingestellten Milieus der sog. Mittelschicht, auch der gebildeten, auf breite Zustimmung stößt. Lessenich prangert das Prinzip des Fortschritts zu Lasten anderer an, wie im Sinne der globalen Externalisierung von Kosten, was die Mehrheit der Gesellschaft still mitträgt. Der Wunsch, es möge sich nichts verändern verbindet sich mit dem, der Wohlstand sei für alle da, aber nur für die, die irgendwie dazugehören.

Thailändische Jugendliche (die glücklicherweise gerettet werden konnten) sind weit weg, Flüchtlingsströme und Migration bedrohen Recht und Ordnung – und zwar ganz konkret, ganz real vor Ort.

Wenn man die wahlkampforientierten Auftritte eines Horst Seehofers im Rahmen der Debatte um Migration und die Einrichten sog. Transitzentren an den Grenzen betrachtet, national gefärbte Debatten, bar jeder Empathie („69 abgeschobene Geflüchtete an meinem 69. Geburtstag“) und Vernunft, inhuman, wirklichkeitsfremd und wirklichkeitsnegierend, die zudem jedem europäischen Geist (wenn dieser denn auf Grundlage dieser Entwicklungen betrachtet jemals real vorgeherrscht haben sollte) zuwiderlaufen, kann man wohl zweierlei konstatieren: Horst Seehofer selbst scheint auf dem moralischen Niveau eines zwar vernünftig sozialisierten Kindes, dennoch eines Kindes stehen geblieben. Und die Menschen erlauben (und zwar vor allem sich selbst), dass ein solch Mittelmäßiger über sie herrscht. Die Tendenzen weisen eher auf einen moralischen Rückschritt, denn auf einen moralischen Fortschritt hin. John Stuart Mill hat das – wie oben gezeigt – im Grunde bereits im 19. Jahrhundert erkannt.

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Zum Weiterlesen:

Immanuel Kant!

Kohlberg, Lawrence: The Philosophy of Moral Development. New York 1981.

Lessenich, Stefan: Neben uns die Sintflut. München 2016.

Mill, John Stuart: Über die Freiheit. Übers von Else Wentscher, hrsg. von Horst D. Brandt. Hamburg 2011 (2. Auflage).

Ulrich, Peter: Integrative Wirtschaftsethik. Bern 2016 (5. Auflage).

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