Kohlbergs Stufenmodell moralischen Bewusstseins – aktuell betrachtet.

Der britische Philosoph, Politiker und Ökonom John Stuart Mill (1806 – 1873), hat in seinem 1859 erschienen Essay On Liberty (dt. Über die Freiheit) den Satz geprägt: „Wenn man die Dinge nüchtern betrachtet, so muß man sagen: wieviel Huldigung auch der wahren oder angenommenen geistigen Überlegenheit dargebracht wird, so strebt die allgemeine Neigung doch dahin, der Mittelmäßigkeit die größte Macht über die Menschen zu geben.“ (Mill 2011, 93)

Diesen Satz kann man in unterschiedliche Richtungen untersuchen und deuten, hier interessiert vor allem der letzte Teil, da dieser unter anderem bewusst und unbewusst, aktiv und passiv, sowie individuell (ich gebe der Mittelmäßigkeit Macht über mich) oder kollektiv (der Mittelmäßigkeit wird Macht über die Menschen als Gesellschaft gegeben) interpretiert werden kann.

In Zeiten, in denen weltweit am Schicksal zwölfer Jugendlicher und ihrem Fußballtrainer, die in einer Höhle in Thailand in vier (!) Kilometern Tiefe von Wasser eingeschlossen sind (man fragt sich, wer ernsthaft Jugendliche, die ausgewiesene Nichtschwimmer sind, kilometerweit in einen wasserdurchfluteten Höhlentunnel führt) mehr mediales Interesse und kollektive Betroffenheit entgegengebracht wird, als beispielsweise abertausenden ertrunkenen Geflüchteten auf den Weltmeeren oder täglich weltweit tausenden verhungerten Kindern, scheint es angebracht, den Satz Mills genauer zu beleuchten. Warum ist es (gesellschaftlich) so, dass die Mittelmäßigkeit in weiten Teilen vorherrscht?

Um sich ein Bild kognitiver Strukturen und Konzepte im Rahmen des Reifungsprozesses von Individuen zu machen, lohnt es sich unbedingt, auf das Stufenmodell des moralischen Bewusstseins des U.S.-amerikanischen Psychologen und Moralphilosophen Lawrence Kohlberg (1927 – 1987) zu rekurrieren. Es handelt sich dabei um einen mehrstufigen Prozess zur Beurteilung moralischer Fragen, der von jedem Individuum zu durchlaufen ist und zwar – und das ist eine der grundlegenden und meines Erachtens doch bahnbrechenden Erkenntnisse Kohlbergs – kulturunabhängig. Der gedankliche Rollentausch, eine kognitive Fähigkeit intersubjektive Strukturen wahrzunehmen, ist dabei entscheidend zur Beurteilung moralischer Fragen.

Die Stufen, die Kohlberg festmacht, sind:

  • Das präkonventionelle Niveau als Niveau des Kleinkindes, es geht dabei ganz wesentlich um Unlustvermeidung und gegenseitigen Nutzentausch.
  • Das konventionelle Niveau als Niveau des gut sozialisierten Kindes. Dabei steht die Orientierung an Autoritätspersonen im Vordergrund bzw. in einer etwas höheren Abstufung der Wunsch nach Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Insofern ein gewisser ethischer Relativismus oder Skeptizismus einsetzt (aber eben nur insofern!), tritt das Individuum in eine Übergangsstufe ein, die dem Niveau eines Adoleszenten, also eines (erwachsenen) Jugendlichen entspricht.
  • Das postkonventionelle Niveau als Niveau des mündigen Erwachsenen. Dieses Niveau stuft sich nochmals ab von der Fähigkeit einer liberalen Orientierung an der Gesellschaft zur höchsten zu erreichenden Stufe in Form einer autonomen (sich selbst setzenden) Orientierung an universalen oder (potentiell) zu universalisierenden ethischen Prinzipien, letztlich auf Basis der menschlichen Vernunft.

Das hört sich alles, nicht zuletzt intuitiv, ganz nachvollziehbar an, wird aber erst richtig interessant, wenn man betrachtet, wie viele Menschen sich auf welchen Niveaus moralischen Bewusstseins befinden. Nach Kohlbergs Untersuchungen – die als konzeptionell und empirisch verifiziert gelten (vgl. Ulrich 2016, 52) – erreichen lediglich 25 % der Erwachsenen einer Gesellschaft die vorletzte Stufe (liberale Orientierung im Rahmen des postkonventionellen Niveaus) und weniger als 5 % die letzte Stufe einer autonomen Orientierung an universalen, vernünftig begründbaren ethischen Prinzipen. Im Umkehrschluss bedeutet das – und diesen Tatbestand muss man sich bewusst vor Augen führen – dass 75 % der Erwachsenen einer jeden Gesellschaft auf einer konventionellen Stufe moralischen Bewusstseins stehen (geblieben sind), sich also nach wie vor auf dem Niveau eines gut sozialisierten Kindes befinden, sich an (nicht nur moralischen) Erwartungen von (auch vermeintlichen) Autoritätspersonen orientieren und die gesellschaftliche Orientierung sich im Wunsch nach der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung („Law and Order“) im wahrsten Wortsinne erschöpft. Insofern sich – beispielsweise auf Grundlage der Wahrnehmung tausender ertrunkener Geflüchteter – kein Skeptizismus einstellt, ist eine autonome Orientierung an moralischen Prinzipien, wie beispielsweise dem Humanismus, unmöglich bzw. verunmöglicht.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse gewinnen Wahlergebnisse der AfD, sämtliche Aussagen von Figuren wie Dobrindt oder Söder, die Negierung des Klimawandels oder eben fehlende Bereitschaft zumindest der Anteilnahme am Schicksal (und dann Aufnahme) Geflüchteter, die wir nicht zuletzt selbst hervorbringen aufgrund eines fortgesetzten Kolonialismus mit modernen Mitteln, auf dem nach wie vor unser Reichtum fußt, ganz neue Bedeutung. Oder anders gesagt, es findet zwar keine Umdeutung statt, aber das Ergebnis bleibt das selbe. Der Soziologe Stefan Lessenich bezeichnet diesen Tatbestand als Sozial-Nationalismus, was eine in meinen Augen unfassbare gute Beschreibung der Tatsache dessen ist, dass ein hohes Maß an Nationalismus auch in den an sich sozialisierten und an sich auch durchaus sozial eingestellten Milieus der sog. Mittelschicht, auch der gebildeten, auf breite Zustimmung stößt. Lessenich prangert das Prinzip des Fortschritts zu Lasten anderer an, wie im Sinne der globalen Externalisierung von Kosten, was die Mehrheit der Gesellschaft still mitträgt. Der Wunsch, es möge sich nichts verändern verbindet sich mit dem, der Wohlstand sei für alle da, aber nur für die, die irgendwie dazugehören.

Thailändische Jugendliche (die glücklicherweise gerettet werden konnten) sind weit weg, Flüchtlingsströme und Migration bedrohen Recht und Ordnung – und zwar ganz konkret, ganz real vor Ort.

Wenn man die wahlkampforientierten Auftritte eines Horst Seehofers im Rahmen der Debatte um Migration und die Einrichten sog. Transitzentren an den Grenzen betrachtet, national gefärbte Debatten, bar jeder Empathie („69 abgeschobene Geflüchtete an meinem 69. Geburtstag“) und Vernunft, inhuman, wirklichkeitsfremd und wirklichkeitsnegierend, die zudem jedem europäischen Geist (wenn dieser denn auf Grundlage dieser Entwicklungen betrachtet jemals real vorgeherrscht haben sollte) zuwiderlaufen, kann man wohl zweierlei konstatieren: Horst Seehofer selbst scheint auf dem moralischen Niveau eines zwar vernünftig sozialisierten Kindes, dennoch eines Kindes stehen geblieben. Und die Menschen erlauben (und zwar vor allem sich selbst), dass ein solch Mittelmäßiger über sie herrscht. Die Tendenzen weisen eher auf einen moralischen Rückschritt, denn auf einen moralischen Fortschritt hin. John Stuart Mill hat das – wie oben gezeigt – im Grunde bereits im 19. Jahrhundert erkannt.

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Zum Weiterlesen:

Immanuel Kant!

Kohlberg, Lawrence: The Philosophy of Moral Development. New York 1981.

Lessenich, Stefan: Neben uns die Sintflut. München 2016.

Mill, John Stuart: Über die Freiheit. Übers von Else Wentscher, hrsg. von Horst D. Brandt. Hamburg 2011 (2. Auflage).

Ulrich, Peter: Integrative Wirtschaftsethik. Bern 2016 (5. Auflage).

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Seehofers sinnloser Satz.

Seehofers sinnloser Satz.

Der CSU-Politiker Horst Seehofer hat in seiner neuen Funktion als Innenminister der Bundesrepublik Deutschland als quasi erste Amtshandlung den bemerkenswerten Satz von sich gegeben: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Unabhängig davon, was man politisch davon halten mag, lohnt doch eine genauere Untersuchung dieser Aussage in verschiedene Richtungen:

1. Die historische und gesellschaftliche Dimension

Dass es Muslime (und damit den Islam) in Deutschland gibt und diese interaktiver Teil unserer Gesellschaft sind, kann auch Herr Seehofer nicht bestreiten, dazu halte ich ihn dann doch für zu intelligent, auch wenn er kein Historiker oder Sozialwissenschaftler ist.

2. Die logische Dimension

Damit zusammenhängend kann man noch einen mathematisch-logischen Schluss ziehen. Der Mengenlehre folgend könnte man alles das, was Deutschland ausmacht und unter dem Begriff „Deutschland“ zu subsumieren ist, erfassen. Der Philosoph Alain Badiou nennt eine solche Verfasstheit „Stätte“, oder die „auf Eins gezählte Situation“. So fällt unter die Eins „Deutschland“ alles, was „das Inventar aller Elemente der Stätte“ (Badiou 2005, 207) ist, also beispielweise alle Bürger des Landes, die Verwaltung, die Kultur, die Hochschulen, die Nationalhymne, die Gerichtshöfe, die Aktienbörsen, Synagogen, Kartoffelknödel, Almwiesen, Dönerbuden oder die Mehrwertsteuer. Selbst, wenn man wollte, könnte man also den Islam nicht aus dieser Stätte „Deutschland“ ausschließen, da er (qua bloßem Vorhandensein) in der Menge enthalten ist, die diese Eins ausmacht. Ausschließen könnte man tatsächlich (wiederum mathematisch betrachtet) die Religionen als eigene Teilmenge. In diesem Falle wäre aber das Christentum auch kein Teil Deutschlands.

Der Islam ist demnach also Teil Deutschlands, wie ebenso die Stadt Berlin, Goethes Faust, Spielplätze, die Fußball-Nationalmannschaft oder die Münchner U-Bahn. Hätte Herr Seehofer aber behauptet, die Münchner U-Bahn gehöre nicht zu Deutschland, hätte man ihn auf seinen Gesundheitszustand hin untersuchen lassen.

3. Die rechtliche Dimension

Das Grundgesetz schützt alle Menschen, sichert die Gleichbehandlung und steht für die Religionsfreiheit. Als Bundesminister wird Herr Seehofer sicherlich nicht das Grundgesetz in Frage stellen (was an sich schon strafbar wäre, er müsste sich dann als Innenminister quasi selbst verfolgen). Trivialerweise kann Herr Seehofer das also so auch nicht gemeint haben.

4. Die religiöse Dimension

Dass der vorherrschende Glaube in Deutschland das Christentum ist, würde niemand ernsthaft bestreiten. Ein so banaler Tatbestand ist es kaum wert, erwähnt zu werden. Einwenden könnte man zwar die eklatant hohe Zahl an Kirchenaustritten jedes Jahr oder die Zahl von ca. 35 % (!) konfessionsloser Menschen in Deutschland. Herr Seehofer hat aber nicht gesagt „Das Christentum ist die vorherrschende Religion“, sondern er hat gesagt „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Trotz der Muslime, die in Deutschland leben.

Die Ratlosigkeit also wächst, die Aussage „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ ist schlicht falsch und sinnlos. Somit muss es eine andere Erklärung geben.

Auf das, was Seehofer ergänzt hat, lohnt noch hier ein kurzer Seitenblick. So hat er ebenfalls gesagt: „Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir deswegen aus falscher Rücksichtnahme unsere landestypischen Gebräuche aufgeben.“ Wenn jetzt aber die Muslime zu Deutschland gehören, was Herr Seehofer ausdrücklich betont, wie kann dann deren Glaube nicht zu Deutschland gehören? Zur Argumentation siehe oben. Den zweiten Teil des Satzes sollte man getrost vergessen, da niemand ernsthaft gefordert hat, „landestypische Gebräuche“ (wären muslimische Gebräuche nicht auch landestypisch, dann für Muslime, die in diesem Land leben?) aufzugeben und was soll in diesem Zusammenhang „falsche Rücksichtnahme“ bedeuten? Das ist ein beliebter rhetorischer Kniff, etwas zu behaupten, was niemand behauptet hat, um es dann (vermeintlich) zu widerlegen.

Und damit komme ich zum Kern meiner Vermutung: Dass Herr Seehofer wohl über wenig Empathie und Phantasie verfügt – geschenkt. (So musste er selbst erst krank werden, um nach eigenem Bekunden zu verstehen, was Gesundheit und gute medizinische Versorgung bedeuten… Was zudem dennoch nicht verhindert hat, dass wir das Gesundheitssystem haben, das wir haben.) Das, was meines Erachtens tatsächlich dahintersteckt, ist (neben wahltaktischen Gründen bezogen auf die Landtagswahl in Bayern im Herbst 2018) eine gefährliche Entdifferenzierung, wie das der Philosoph und Zeitgenosse Kurt Röttgers nennt. Die Ebenen dieser Entdifferenzierung in unserer Gesellschaft sind vielfältig, der Gesamtzusammenhang bei diesen Vorgängen spielt keine Rolle mehr, Partikulares wird allgemein gesetzt, womit stets eine Entwertung der Sache einhergeht. (Vgl. Röttgers 2012, 89.) Zwar gehört eine Polarisierung seit jeher gerade zum Stilmittels des Politikers. Horst Seehofer betreibt mit seinem Satz jedoch eine eben solche Entdifferenzierung im Sinne einer Vermischung und gefährlichen Verkürzung historisch und gesellschaftlicher, logischer, rechtlicher und religiöser Tatsachen.

Was aber – in einer Zeit weltweiter Krisenherde und Kriege, Flucht- und Migrationsbewegungen, einem wieder zunehmenden Antisemitismus, Anschlägen auf muslimische Einrichtungen und Flüchtlinge in vielen Ländern, dem Klimawandel, steigender Mieten und zunehmender Kinderarmut auch in unserem Lande oder der Globalisierung ganz allgemein – was also aber im Rahmen verantwortungsbewusster Politik nottut, ist eine verstärkte Verdeutlichung von Gesamtzusammenhängen, also Differenzierung, keinesfalls Entdifferenzierung. Kluge, integrative, vorausschauende, erklärende Politik, die pro Mensch und Natur ausgerichtet ist, ist sicherlich anstrengender, als pauschale Aussagen zu verbreiten, die an ziemlich niedrige Instinkte der Dümmsten (und hier meine ich wiederum nicht unbedingt nur intellektuell, sondern vor allem arm an Herzensbildung) gerichtet sind. Eine Alternative zur Differenzierung kann es aber nicht geben.

Der Satz Seehofers ist also nicht nur falsch und sinnlos, sondern zugleich entdifferenzierend. Wenn das der Anspruch an die Tätigkeit eines Bundesinnenministers ist, dann befürchte ich nicht zuletzt deswegen sinnlose kommende Regierungsjahre.

Allerdings: Auch die Antwort unserer Bundeskanzlerin ist entsprechend banal. Sie hat lediglich erneut zu Protokoll gegeben, dass der Islam (doch) zu Deutschland gehöre. Eine in dieser Form und als Antwort auf Seehofer letztlich ebenso entdifferenzierte und entdifferenzierende Aussage. Eine wirklich mutige Entscheidung wäre es gewesen, das Kabinett sofort umzubilden – ohne Herrn Seehofer, der nicht zuletzt die Richtlinienkompetenz der Bundeskanzlerin in Frage stellt. Zumindest hätte sie Herrn Seehofer aber anempfehlen können, sich auf seinen Gesundheitszustand hin untersuchen zu lassen.

Nachtrag: Im Rahmen der Diskussion zu diesem Beitrag wurde ich noch auf eine weitere Dimension des Satzes hingewiesen (Dank an Alex Heindl!), die es lohnt, beleuchtet zu werden, nämlich die normative.

Was sich in der Aussage ausdrückt, ist unter Umständen der Wunsch Seehofers, der Islam solle nicht zu Deutschland gehören. Jetzt lässt sich spätestens seit David Hume aus dem bloßen Sein kein Sollen ableiten. Und ob dann einem demokratisch gewählten Politiker in aufgeklärten Zeiten ein solcher Satz zusteht, ist die Frage. Dass der reine Wunsch nie real werden wird, ist die Feststellung, die mit meinem Beitrag beantwortet wurde.

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Zum Weiterlesen:

Badiou, Alain: Das Sein und das Ereignis. Berlin 2005.

Röttgers, Kurt: u.a. in: Wirtschaftsphilosophie. Hagen 2012.
Siehe auch: https://www.fernuni-hagen.de/roettgers/aktuelles.shtml

Ein Artikel zu den Aussagen Seehofers findet sich hier: http://www.tagesschau.de/inland/seehofer-islam-101.html

Zum Beitragsbild: Sinnlose Sätze und sinnlose Treppen passen hervorragend zusammen, dachte ich mir. Diese skurrile Treppe findet sich in München in einem Gebäude an der Sonnenstraße. ____________________________________________

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Fehlendes Herz trifft mangelnden Verstand

Donald Trump, amtierender Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, hat die Länder El Salvador, Haiti und Nicaragua aktuell als „Drecksloch-Staaten“ bezeichnet, die letzte einer Vielzahl verbaler Entgleisungen, prä-pupertärer Sprüche („Mein Atom-Knopf ist größer als Kims“) und unfassbarer und grundfalscher Selbsteinschätzungen („Genie“).

An dieser Stelle habe ich vor einiger Zeit die Wahl Trumps zum Präsidenten begrüßt, nicht zuletzt aus Angst, was eine weitere Steigerung ins Negative bei einer nächsten Wahl bedeutet hätte und verbunden mit der Hoffnung, der Schrecken über die Wahl und der Schrecken über die Politik in der Amtszeit Trumps würde zu einer Art Läuterung in Richtung Zukunft führen.

Diesen Gedanken möchte ich hier nochmals vertiefen, zumal ich immer noch der Meinung bin, Hillary Clinton wäre keine Alternative gewesen. Duldsamkeit mit einem Mann, der sich im Oval Office von mindestens einer Praktikantin sexuell befriedigen lässt, ist – plakativ gesagt – meines Erachtens kein (moralisches) Qualifikationsmerkmal für ein Präsidentenamt. Die einzige Alternative wäre Bernie Sanders gewesen, aber dafür hat den Demokraten die Courage und Sanders das nötige Geld gefehlt.

Die Philosophie, die mich nachhaltig beeindruckt hat, ist die GWF Hegels. Die Geschichtsphilosophie und die Phänomenologie (vielleicht mit Ausnahme der Möglichkeit eines absoluten Wissens) ist für mich die einzig denkbare Lesart unserer (historischen) Menschheitsgeschichte. Eingespannt in die Dialektik zwischen objektiv Erlebtem und Vergangenem und subjektiv Empfundenem, dem Allgemeinen und dem Besonderen ist die (rückblickend) als objektiv empfundene Geschichte schon immer subjektiv geprägt. Der Weltgeist (der sich in jedem einzelnen Subjekt manifestiert) ist immer da und weiß um seinen Zweck, nämlich die Freiheit. Und die Geschichte ist der Weg, den es zu gehen gilt. Und auf diesem Weg kommt es zu Hindernissen, Rückschlägen und Zwischenfällen. Aber letztlich entsteht immer ein höherer Zustand, will sagen: Nur aufgrund dieser Hindernisse, Rückschläge und Zwischenfälle kommt es zur Weiterentwicklung individuell, aber auch kollektiv.

So wird es eine massive Gegenbewegung zu Trump geben, die – ich wiederhole mich – nur durch die (aristotelische) Läuterung einsetzen kann, die das Verhalten und die Politik Trumps hervorrufen. Nun sind wir nicht im Theater, sondern leben in der Realität und dass es während dessen zu fatalen Entscheidungen kommt, Weichen grundfalsch gestellt werden, Menschen leiden und sterben, Schicksale sich entscheiden, ist unbestritten. Ein Vorwurf, der auch an die Hegelsche Gesichtsphilosophie (z.B. im Kontext der Opfer des Nationalsozialismus) gemacht wird. Dem sei entgegnet: Ja, Subjekte wie Hitler hat es gegeben und wird es geben. Aber selbst sehen diese sich einmal nicht als „böse“ oder im Unrecht an. Und dazu kam es, kommt es und wird es auch weiterhin kommen, auch ohne die Hoffnung auf einen höheren Zustand, auf den sich die subjektiven Geister (in Zukunft) dann dialektisch hinbewegen können.

Auf heute bezogen: Ganz banal gesprochen, konnte seit Ende des Zweiten Weltkriegs in der BRD stets das gleiche Muster festgestellt werden: War eine Partei bundesweit an der Macht und konnte die eigene Politik durchsetzen, so schwang das Pendel in den Landtagswahlen während einer Legislaturperiode immer in die andere politische Richtung, ein Korrektiv über den Bundesrat wurde geschaffen. Ob das rückblickend schon in einen höheren Zustand geführt hat, ist Interpretationssache. Interessant wird zudem die Beobachtung sein, wie sich das unter Einbezug der AfD künftig darstellt. Ein anderes Beispiel: Im Rahmen der aktuell beendeten Sondierungsgespräche zu einer weiteren sog. „Großen Koalition“ aus CDU/ CSU und SPD kann schon der Verzicht auf ein Klimaziel beschlossen werden. Dieser Verzicht wird sich aber anderweitig Bahn brechen, wie beispielsweise in massiv steigenden Wahlergebnisse zu Gunsten einer Grünen Partei. Und die Folgen eines heutigen Verzichts auf ein Klimaziel werden dann irgendwann umso massiver zurückschlagen – wie auch immer – vielleicht dann auch erst einmal zu weit, bis sich ein höherer Stand des Geistes (des subjektiven Wissens in der Welt) einpendelt. Von ökologischen Auswirkungen und den damit einhergehenden Folgen und zu tragenden Konsequenzen aus der Klimaerwärmung hier ganz abgesehen.

Was wir sicherlich brauchen ist – mit dem Zeitgenossen Alain Badiou gesprochen – ein Ereignis, eine neue Fassung der Welt in einer Art und Weise, die uns heute noch unvorstellbar ist (und zwar nicht nur scheint, sondern auch tatsächlich ist!). Die Menschen zu Zeiten der Französischen Revolution konnten sich einen anderen Zustand als den der unterdrückenden Feudalherrschaft nicht vorstellen, bis die Stürmer auf die Bastille in ihrer rein subjektiven Überzeugung den Grundstein für unser heutiges demokratisch-freiheitliches Verständnis gelegt haben, das bis dahin aber noch diverse Hürden zu nehmen hatte, nicht zuletzt die Jakobiner mit der Guillotine. Trotz allen Unbehagens über viele Entwicklungen unserer Gesellschaft und in der Welt können wir uns heute aber auch (noch) nicht vorstellen und es auch nicht glauben, dass es irgendwann eine weitere Stufe, eine neue Form des kollektiv verfassten Daseins geben wird. Welche Schritte da noch zu gehen sind, steht in den Sternen, irgendwann wird sich aber nach Badiou ein „Held des Ereignisses“ (den es eigentlich gar nicht gibt…) wie Jesus Christus bzw. Paulus, Spartakus, Schönberg oder ein namenloser Demonstrant finden, der eine neue Ordnung begründet.

Wenn man sich Jugendbilder Donald Trumps anschaut, um auf den Eingang zurückzukommen, sieht man einen gar nicht unsympathischen jungen Mann, der etwas verloren dreinschaut – was frappierende Parallelen zu Bildern seines Sohns Barron aufscheinen lässt, der auch immer sehr verloren und traurig schaut, ungläubig, wo er da hineingeraten ist. Wenn Trump nicht, um seine Wiederwahl zu sichern (wie es uns Kevin Spacey in House of Cards vorgemacht hat), einen Krieg anzettelt (wo uns alles davor beschützen mag!), wird sich rechtzeitig eine Gegenbewegung gründen, die – weltgeschichtlich gesprochen – diesen Fehler wieder ausmerzt und das Pendel in eine deutliche Gegenrichtung schwingen lassen wird. Eine unehelich geborene (!), als Kind missbrauchte (!), schwarze (!) unverheiratete (!) Frau (!!) aus dem US-Fernsehen, wie Oprah Winfrey, könnt ein solcher umfassender Gegenentwurf sein, der aktuell diskutiert wird. Dass dieser Gegenentwurf dann die weiße, rassistische, bigotte Schicht Amerikas wieder einen wird, ist die logische Konsequenz des Beschriebenen, wie Donald Trump vielleicht die logische Konsequenz auf einen schwarzen, gebildeten Präsidenten Barack Obama sein musste, der wiederum die Antwort auf einen Clown wie George Bush jr. war – und so weiter.

Was sich in Donald Trump vereint, ist eine fatale Mischung aus fehlendem Herzen und mangelndem Verstand. Diese Mischung trifft sich im hasserfüllten AfD-Wähler des gut situierten Mittelstands ebenso, wie im Raser, der vor Gericht steht, weil er mit seiner Identitätsprothese, seinem Kfz, andere Menschen totgefahren hat, wie in den Menschen, die sich live im Privatfernsehen verheiraten lassen, ohne sich vorher zu kennen (was die an sich gar nicht mögliche Steigerung von Einsamkeit in vermeintlicher Zweisamkeit darstellt), wie ebenso in Thilo Sarrazin. Womit ich bei meinem Lieblingsthema bin, dem der Bildung – und da meine ich nicht (nur) die des Intellekts. Nein, lasst uns gemeinsam investieren. Zwar auch weiterhin in Bildung in Form von Wissen, vor allem aber in Bildung des Herzens: Menschenliebe, Nächstenliebe, Mitgefühl und unbedingte Partnerschaftlichkeit.

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Zum Weiterlesen:

Man verzeihe mir hier die eigentlich unverzeihliche Banalisierung der Hegelschen Philosophie. Details finden sich – neben den Originaltexten – in:

Jeschke, Walter: Hegel-Handbuch. Leben – Werk – Schule. 2. Auflage, Stuttgart 2010.

Um sich einen ersten Einblick in das unfassbare komplexe Gedankenkonstrukt Alain Badious (in der Tradition Platons, Hegels, Cantors und Lacans) zu verschaffen, sei für den Anfang ohne Einschränkung und unbedingt empfohlen:

Badiou, Alain: Ethik. Versuch über das Bewusstsein des Bösen. Wien 2003.

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Gedanken zur aktuellen „Me-Too“-Debatte.

Endlich, muss man sagen, endlich finden sich auch kritische Stimmen, die die zunehmend hysterisch anmutende „Me-Too“-Debatte hinterfragen. So sieht die Schriftstellerin Thea Dorn in den moralischen Ansprüchen, die wir an unsere Künstler stellen einen neuen Totalitarismus heraufziehen (http://www.deutschlandfunkkultur.de/thea-dorn-zur-sexismus-debatte-das-ist-ein-neuer.1008.de.html?dram:article_id=400306). Und in der Zeit erschien ein Artikel, der eine „überheizte Debatte“ anprangert, der in der Überbetonung kleinerer Fehltritte quasi dialektisch eine damit einhergehende Verharmlosung wirklicher Straftaten, wie die der sexuellen Nötigung oder Vergewaltigung sieht (http://www.zeit.de/2017/46/sexismus-metoo-sexuelle-gewalt-debatte). Daneben gibt es auch nachdenklich-kritische Stimmen, die einen Selbstreinigungsprozess in Hollywood beschwören (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/weinstein-spacey-und-die-folgen-traumfabrik-aufgewacht-a-1177567.html),was zwar wünschenswert wäre, jedoch sehr optimistisch scheint. Und – das haben die diversen bekannt gewordenen Fälle gezeigt – das Thema ist eben gerade nicht alleine auf Hollywood beschränkt.

Auf der einen Seite bleibt ein Täter ein Täter, an dieser Tatsache kann und darf man nicht rütteln, und es spielt keine Rolle, ob sich Übergriffe gegen Frauen oder Männer richten. So muss der Filmproduzent Harvey Weinstein zur Rechenschaft gezogen werden, mit allen Mittel, die rechtsstaatlich (und übrigens auch zivilrechtlich in der Frage möglicher Entschädigungen) zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite fragt man sich zunehmend irritiert, „so what?“, wenn die U.S.-amerikanische Fußballspielerin Hope Solo den ehemaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter jetzt beschuldigt, ihr vor Jahren an den Hintern gelangt zu haben. Außer einem sehr fragwürdigen Selbstbild dieses Mannes zeigt ein solcher Vorgang mangelnden Respekt und Anstand, mehr wohl aber auch nicht.

Zwei Argumente, die meines Erachtens in der Debatte nicht den Kern der Sache treffen (die Frage des Machtgefälles) bzw. weitgehend fehlen (die Abstraktion zwischen Person oder Mensch und Funktion) möchte ich hier vertiefen:

  • Das Machtgefälle

Das Argument, das immer wieder genannt wird, ist das eines Machtgefälles zwischen Täter und Opfer. Dieses Argument mag zwar richtig sein (oder anmuten), ist aber ebenso ausreichend banal. Gäbe es ein (wirkliches oder – vollkommen wertfrei – auch nur empfundenes) Machtgefälle nicht, wäre es in keinem der Fälle zu Übergriffen (wie denen des Filmproduzenten Weinstein oder des Funktionärs Blatter) gekommen. Entweder, weil der Täter keine (wirkliche oder empfundene Macht) über das Opfer gehabt hätte oder, weil das Opfer wiederum die Macht gehabt hätte, sich zu wehren. Hier sei Max Weber zitiert, der den Begriff der „Macht“ prominent wie folgt definiert:

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Frankfurt am Main 2005, S. 38.)

Die Fragen, die sich stellen, lauten also vielmehr: Was treibt einerseits einen Menschen wie Weinstein in seiner Persönlichkeitsstruktur dazu, mitleidslos seinen Willen innerhalb sozialer Beziehungen durchzusetzen, „gleichviel worauf diese Chance beruht“? Warum nimmt sich ein Sepp Blatter das Recht heraus, einer Fußballspielerin an den Hintern zu greifen? Die Psychoanalyse hat viel zu tun… Und was aber können wir andererseits gesellschaftlich ändern, damit keine soziale Beziehung (wie zwischen einem Filmproduzenten oder einem Regisseur und einem Schauspieler/ einer Schauspielerin) so empfunden wird, dass jedes Mittel zur Machtdurchsetzung angewandt werden kann oder vermeintlich darf? Wie kann man diskursiv, wie kann man politisch, wie kann man eben gesellschaftlich, wie kann man bildungspolitisch dem entgegenwirken, dass es soziale Machtgefälle gibt, die es überhaupt zulassen, dass sich Opfer nicht wehren (können) und sei es in der Angst, nicht ernstgenommen oder selbst geächtet zu werden? (Die Verarbeitung des Schocks über derartige Erlebnisse sowie bloße körperliche Überlegenheit des Stärkeren oder seelische Abhängigkeitsverhältnisse müssen hier allerdings wohl abstrahiert, dürfen dabei aber in der Untersuchung oder der Bekämpfung der Symptome nicht vernachlässigt werden.)

Welche Anstrengungen müssen wir daher in Bildung, auch Herzensbildung investieren, um Menschen zu selbstbewussten, sich ihres Werts bewussten Individuen werden zu lassen? Welche gesamtgesellschaftlichen Fragen in vermeintlich tradierten Rollenmustern und sozialen Beziehungsstrukturen müssen wir aktiv hinterfragen? Welche Anstrengungen müssen in der Sozialarbeit, der Prävention unternommen werden, um Missbrauch jeder Art zu bekämpfen, zu erkennen, proaktiv einzudämmen? Welche Anstrengungen müssen wir unternehmen, um die Kinderarmut zu bekämpfen, um wenigstens ein Mindestmaß an sozialer Teilhabe zu garantieren, unabhängig der Einkommenssituation der Eltern oder des Landstrichs, in dem ein Kind nun mal zufällig aufwächst? Solange wir als Gesellschaft tolerieren, dass die Kinderarmut zunimmt, Gelder für Jugendarbeit und Präventionsprojekte gestrichen werden und die Bildungsausgaben in einem Ersten-Welt-Land, wie der Bundesrepublik Deutschland nach wie vor, auch im internationalen Vergleich, schon alleine den bereits erkannten Bedarf noch lange nicht decken, solange das so ist, solange wir alle als Gesellschaft das tolerieren, ist es wohlfeil, prominente Fehltritte und Straftaten an den Pranger zu stellen und sich in seiner eigenen vermeintlich moralischen Überlegenheit zu suhlen.

  • Die Trennung zwischen Mensch und Funktion

Die Debatte entzündete sich im Wesentlichen an den Beispielen aus Hollywood und findet aktuell noch immer unter Referenznahme auf Erlebnisse vor allem mit Künstlern (Schauspielern, Regisseuren, aber auch Politikern und neu Sportfunktionären) statt. Nun stellt sich allerdings für mich die Frage, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ein Argument, das immer wieder genannt wird, ist das der Vorbildfunktion. Ein Argument, das bei ausbleibender wirklicher öffentlicher Empörung über die „Panama Leaks“/ die „Panama Papers“ und die offengelegte Steuerhinterziehung (zu unserer aller Lasten) durch diverse Sportler, Schauspieler und auch Politiker – vermeintlich Vorbilder – ad absurdum zu führen ist. Und wie kommt ein Volk, wie gerade das der Deutschen, von dem bei der letzten Bundestagswahl nahezu 25 % der Wahlberechtigten ihr Wahlrecht missachtet haben, und bei denen, die bei der Wahl waren, annähernd 15 % die AfD oder noch weiter rechts gewählt haben, dazu, von irgendwelchen Menschen eine Vorbildfunktion einzufordern? Hier überhöhen wir Menschen, nur weil diese in der Öffentlichkeit stehen, auch wenn der Wunsch nach Vorbildern zur Orientierung sehr nachvollziehbar ist.

Die Tatsache, dass (Sir!) Ridley Scott nun alle Szenen mit dem angeklagten Kevin Spacey aus dem aktuell nahezu fertigen Filmstreifen „Alles Geld der Welt“ herausschneidet und mit einem anderen (vermeintlich unbescholtenen, wer weiß denn schon, was Christopher Plummer in seinem privaten Leben vielleicht alles schon so getrieben hat) Schauspieler neu verfilmt, ist an Verlogenheit nicht zu überbieten. Nicht die Tatsache, dass gegen Kevin Spacey ermittelt wird, hat zu diesem Schritt veranlasst (der Grundsatz „in dubio pro reo“ scheint hier ohnehin vollkommen außen vor), sondern letztlich die Tatsache, dass der Film mit Spacey prospektiv als „Kassengift“ bezeichnet wird (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 10.11.2017, S. 11) – ein rein ökonomisches Argument, die potentiellen Opfer Spaceys sind Ridley Scott oder der Produktionsfirma, mit Verlaub, scheißegal. Die Kasse muss klingeln.

Die Tatsache, dass ein guter Künstler, ein großer Denker oder ein guter Politiker nicht per se ein guter Mensch (oder das, was wir heute darunter verstehen) sein muss, zieht sich durch unsere abendländische Geschichte seit Anbeginn vor über 2.500 Jahren. Für Platon etwa waren Sklaven keine Staatsbürger, hatten dementsprechend auch keine staatsbürgerlichen Rechte inne. Aristoteles hatte eigene Sklaven. Cicero war ein großer Redner und Politiker, ließ dabei Gegner hinrichten und äußerte sich triumphierend über die Ermordung Caesars. Soviel zum „guten Leben“, den Anfängen unserer Staatslehre oder zur Tugendlehre. Aber wer würde heute die Bedeutung der Gedanken dieser Menschen für unsere Kultur bestreiten? Jean-Jacques Rousseau gab seine fünf Kinder im Waisenhaus zur Adoption frei – ganz entgegen seiner Lehre, an die in der Tradition der Veränderungen seit der Französischen Revolution noch heute erinnert wird (vom schriftstellerischen oder botanisch bedeutsamen Werk Rousseaus gar nicht zu reden). An die Debatte um die sog. „Schwarzen Hefte“ oder die Nicht-Kommunikation zu seinem Verhalten Martin Heideggers sei hier nochmals erinnert, ohne dass man die Bedeutung der Lehre Heideggers in Anknüpfung an Edmund Husserl jemals als zu gering einschätzen könnte.

Wir täten in der Debatte also meines Erachtens gut daran, zwischen dem individuellen Menschen und seiner jeweiligen Funktion, seiner Rolle, als Künstler, Denker, Politiker zu trennen. Treffend hierzu lesen wir bei Ludwig Feuerbach:

„Was würdest du von dem Verstande eines Menschen halten, welcher die Güte der Gedichte seines Freundes also beweisen wollte: Cajus ist ein guter Mensch, ein guter Jurist, usw., also sind seine Gedichte auch gut. Du würdest lachen. Und warum? Weil er nicht diese von den übrigen Eigenschaften unterschiedne und unabhängige Eigenschaft des Dichtens, nicht diese bestimmte Qualität, aus der allein die Gedichte kommen, sondern den moralischen Menschen zum Prinzip seiner Deduktion macht.“ (Ludwig Feuerbach, Pierre Bayle – ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit, Berlin 1967, S. 99 f.)

Warum sollte also eine bei festgestellter Schuld juristisch und moralisch zu verurteilende Person, der Mensch, der zufällig den Namen „Kevin Spacey“ trägt, nicht dennoch ein herausragender Schauspieler namens Kevin Spacey sein?____________________________________________

Zum Weiterlesen:

Am 11.11.2017 erschien ein guter Artikel Heribert Prantls in der Süddeutschen Zeitung, in dem der Satz „Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“ zitiert wird. (vgl. SZ, S. 24), auch online verfügbar (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sankt-martin-was-die-sankt-martins-geschichte-heute-lehrt-1.3743693).

Zum Thema „Vorbilder“ legt Thomas Macho eine umfangreiche und lesenswerte Ausarbeitung vor. (Thomas Macho: Vorbilder, Paderborn 2011)

Der Spruch des Beitragsbilds stammt aus der aktuellen Werbekampagne des Schauspiels Frankfurt und stellt die Lebensregel der Schauspielerin Sarah Grunert dar. ____________________________________________

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Denkbare Anforderungen an eine heutige Ethik.

Im Wintersemester 2016/ 2017 fand an der Hochschule für Philosophie in München ein Seminar statt mit dem Titel „Alternative Entwürfe der Ethik“ unter Leitung von Prof. Dr. Michael Bordt SJ (dem ich an dieser Stelle nochmals danken möchte). Das Thema waren ethische Ansätze, die nur locker mit den drei großen Paradigmen der Ethik, dem Utilitarismus, der deontischen Ethik und der Tugendethik verbunden sind.

Als geistiges Ergebnis aus diesem Seminar entstand nachfolgender Text. Die Frage, der nachzugehen war, lautete, einen denkbaren Ansatz einer Ethik in post-metaphysischer und post-religiöser Zeit zu formulieren. Ich vertrete dabei drei Thesen, die ich nachstehend zur Diskussion stelle.

Erstens muss jede Ethik meines Erachtens denkbares Orientierungswissen untersuchen. Zweitens sind ethische Implikationen unumgänglich, wenn es um aktuelle, oder auch zukunftsfähige Gestaltung sozialen Zusammenlebens geht. Und drittens sollte Ethik – darauf aufbauend – einen möglichen Weg in Richtung potentiell universalisierbarer Handlungsoptionen (in einem weitestgehend Kantischen Sinne) weisen. Diese drei Voraussetzungen sind grundsätzlich notwendig, um individuelles Leben im intersubjektiven Raum persönlich und kollektiv, im besten Falle interessiert, allgemeingültig und reflektiert zu gestalten. Die Begründung der Thesen werde ich über drei ineinander verwobene Schritte vornehmen.

  • Auf der Suche nach Orientierung

Die Bildung von Theorien ist genuin menschlich. Zumindest seit 2.500 Jahren (in unserem westlich-abendländischen Philosophieverständnis) haben sich Philosophen Gedanken gemacht, wie eine (normative) Begründung des praktischen Lebens in Einklang mit sich und im Weltbezug aussehen kann. Orientiert wurde sich im Zuge dessen an der Idee des Guten (Platon), an Tugenden (Aristoteles), an einem kategorischen Imperativ (Kant) oder an utilitaristischen Begründungen (Bentham). Im Seminar haben wir Autoren gelesen, die sich mit offeneren, oftmals stärker (lebens-)praktisch konnotierten Möglichkeiten intersubjektiver Beziehungen und Formen des Zusammenlebens auseinandersetzen (wie Williams, Frankfurt oder Stemmer).

Stets geht es um das Verständnis der Person für sich selbst, wie ebenso um Orientierung, die die Menschen suchen, um über das Leben in (auch innerer) Freiheit, Selbstbestimmung, aber ebenso sozial eingebunden in einer Gemeinschaft nachzudenken. Die „alternativen Konzepte“ erheben nicht den Anspruch unabdingbarer Normativität (wohl teilweise abgesehen vom Würdebegriff Weber-Guskars), sind meist ergebnisoffener ausgestaltet und beziehen sich stark auf die allgemeine Lebenspraxis. Letztlich folgen jedoch diese Konzepte ebenso einem Ziel: der Untersuchung, wie (moralisches) Leben unter Berücksichtigung der Tatsache des Menschseins, „als Mensch“ von statten gehen kann oder welche Aspekte dafür relevant sind. Auch diese „alternativen Entwürfe“ der Ethik stellen somit stets eine Theorie dar, sind sprachlich vermittelt und verlangen, verstanden, kommentiert oder gar gelebt zu werden – nicht anders, als die Herren Platon, Aristoteles, Kant oder Bentham dies im Sinn hatten.

Der Mensch denkt eben darüber nach, was das praktische Leben ausmacht. Solches Nachdenken findet sich abstrahiert in Theorien, Konzepten und Modellen wieder, eine zutiefst menschliche Sehnsucht, die soziale Wirklichkeit erklärbar zu machen. Aber eben nur auf einer solchen Basis kann der Mensch – nach meinem Dafürhalten – parallel zur praktischen Lebensführung einen moralischen Kompass entwickeln. Wir sind sprachlich verfasste und reflektierte Wesen. Im Zuge der je individuellen Sozialisation, zu der auch Erziehung und Bildung gehören, werden Theorien verinnerlicht, die mit zur eigenen Wertebildung und der Ausformung der Persönlichkeit führen.

Alles das geschieht unzweideutig im Intersubjektiven – womit ich zur zweiten These übergehe.

  • Intersubjektivität und Zukunftsfähigkeit

Der Mensch ist ein sozial verfasstes Wesen, das eine persönliche, wie ebenso zeitlich und regional verankerte Sozialisation durchlebt. Nachdem das Individuum sich seiner Bedürfnisse, Wünsche und Werte mehr oder weniger bewusst geworden ist (die bereits zwischenmenschlich vermittelt sind), geht es um das, was sozialverträgliches Leben in gegenseitiger Beeinflussung bedeuten kann. Die Möglichkeit der Reflexion dieser Tatsachen gehört zur menschlichen Natur. Nur im Zusammenleben im Rahmen einer Gemeinschaft können (auch normativ) vorgegebene, übliche oder vereinbarte Verhaltensweisen und Regeln auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüft werden. Und nur im intersubjektiven Raum kann sich die Tatsache möglicher Sanktionierbarkeit entwickeln, nämlich immer dann, wenn ein Individuum gegen die Normen der Gesellschaft (wie Gesetze) verstößt, oder bereits gegen ganz allgemein menschliche Intuitionen und Regeln.

Zu diesen Tatsachen kommt die Antizipationsfähigkeit des Menschen hinzu. Wir können uns vorstellen, was Handlungen für die Zukunft bedeuten, wie heutige Entscheidungen auf die Zukunft wirken. Wir können die Dimension des Wunsches ermessen, unserer Nachwelt eine Situation hinterlassen zu wollen, die es potentiell ermöglicht, ein selbstbestimmtes, auch gutes Leben zu führen. Dabei geht es um Gegebenheiten der natürlichen Umwelt oder finanzielle Unabhängigkeit, vor allem jedoch um die Möglichkeit eines perspektivischen Lebens in innerer und äußerer Freiheit.

Dabei ist die Veränderlichkeit von Vorstellungen, Normen oder Ritualen und das Verständnis des Zusammenlebens in der Vergangenheit und wohl auch in Zukunft mit zu bedenken. Es geht um ein ständiges praktisches Aushandeln der Aspekte des Intersubjektiven im Wandel der Zeit, der Gesellschaft, der Systeme, des Wissens. Ich bin der Überzeugung, dass eine ethische Theorie gerade den Zukunftsaspekt (im Verständnis und im Mitbedenken der Vergangenheit) als Bestandteil eines unabschließbaren Prozesses begreifen sollte.

Mit diesem Punkt gehe ich zum letzten Begründungsschritt einer heutigen Ethik aus meiner Sicht über.

  • Die Frage der potentiellen Universalisierbarkeit

Letztlich kann die individuelle Lebensführung nur als moralisch bezeichnet werden und soziales Zusammenleben nur funktionieren, wenn Handlungen und Handlungsentscheidungen potentiell universalisierbar sind, zumindest – eben ethisch – dahingehend befragt werden. Eine Universalisierbarkeit, wie ich sie verstehe, meint ein reflektiertes und offenes Verhalten, das im Einklang mit der Person selbst steht und zudem den Menschen und der Natur, der Welt insgesamt zugewandt ist. Nur so kann der Mensch meines Erachtens einer Entfremdung von sich selbst und der ihn umgebenden Welt entgehen.

Diese Forderung wiederum ist im Rahmen der Einbettung in die ersten beiden Punkte zu betrachten. Wie ausgeführt, liefern uns Theorien und Modelle, wie ebenso die intersubjektive Aushandlung, Ideen für Möglichkeiten eines individuell und sozial allgemein moralischen Lebens. Wobei – und das sei ergänzend angemerkt – es sich dabei zum Großteil um Wertungen handelt, die sich nur im Lebensvollzug empirisch überprüfen lassen, es keine andere (eindeutige) Prüfinstanz gibt. Das Verständnis potentieller Universalisierbarkeit ist daher individuell, wie ebenso intersubjektiv und interkulturell verschieden. Es hängt von unterschiedlichen persönlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und historisch tradierten Entwicklungen, Faktoren, Ritualen und Tatsachen ab. Im Dialog (gruppenspezifisch, kulturabhängig, historisch verfasst und sich wandelnd) bildet sich dann das gemeinsame Verständnis potentiell universalisierbarer Handlungen und Handlungsoptionen heraus. Und das ist ebenso zu bedenken, wenn es um die Zukunftsfähigkeit von Entscheidungen geht. Dass Menschen sich bewusst für Handlungen entscheiden, die aus Eigeninteresse, fehlender Reflexion, bloßer Dummheit oder auch krankhaft oder bösartig einer aktuell verhandelten, potentiellen Universalisierbarkeit und Zukunftsfähigkeit zuwiderlaufen, ist als Tatsache zu akzeptieren. Hier kann wieder nur ein kollektiver Prozess in Gang gesetzt werden, der ein solches Handeln (moralisch) negativ sanktioniert und das sozial verfasste Verständnis in praktischer Interaktion sukzessive verändert. Der Zeitbezug scheint hier wieder eindeutig durch.

Schlussgedanken:

Letztlich sind wir nach wie vor – bewusst und unbewusst – durch religiöse und metaphysische Annahmen und Voraussetzungen geprägt. Man denke an Rituale (wie die Formel „So wahr mir Gott helfe“ bei Amtseiden), an das Schulfach „Religion“ oder auch an individuelle Erziehung unter einem christlichen Menschenbild der Nächstenliebe. Und im Rahmen unserer Stellung in der Welt, der Gesellschaft und der Geschichte werden diese Einflüsse explizit und implizit intersubjektiv stets mit verhandelt. Daher hat auch eine sog. post-religiöse und post-metaphysische Ethik diese Tatsachen im Sinne umfassender Reflexion mit zu bedenken.

Was dann geeignete ethische Modelle, intersubjektive Normen oder lebenspraktische Faktoren für ein Individuum oder eine Gruppe sein können, muss letztlich offen bleiben. In der Wissenschaft gibt es Platoniker, Aristoteliker, Kantianer, wie ebenso Vertreter anderer Theorien. Eine Ethik sollte den Diskurs befeuern, gleichzeitig den Wunsch nach Orientierung befriedigen und das geht nur im unabschließbaren praktischen Austausch, wie ebenso im wissenschaftlichen Austausch und unter der Aufgabe der Wissenschaft, diesen Austausch publik werden zu lassen. Und alles das steht nach meiner Meinung unter dem Vorbehalt, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg findet, Zusammenleben in Gruppen dann auch sozial zu gestalten.

Wir unterliegen Mustern historisch, kulturell und sozial tradierten Verhaltens. Letztlich bleiben wir gefangen im Spannungsfeld zwischen Idealen und Anforderungen, die wir (bereits seit Geburt intersubjektiv vermittelt) an uns selbst stellen, aber ebenso solchen, die an uns gestellt werden. Gleichzeitig wissen wir darum, den Idealen nicht immer gerecht werden zu können. Damit ein Leben nicht unter dieser Bürde zusammenbricht, sind – unter Berücksichtigung meiner drei Thesen – diese zwei Voraussetzungen unabdingbar: Erstens sollte anderen Menschen grundsätzlich offen, vorurteilsfrei und unbedingt respektvoll begegnet werden. Auf Basis der ausgeführten Aspekte eines ethisch-moralischen Lebens kann man in der Folge dann den Maßstab anlegen, ob man sich in derselben moralischen Gruppe mit anderen, damit einer Gruppe mit übereinstimmender moralischer Grundhaltung befindet, und ob die Richtschnur potentiell universalisierbaren Verhaltens konvergiert, sich also im Intersubjektiven eine Basis gemeinsamer Werte und Vorstellungen findet.

Und zweitens ist diese Tatsache zu akzeptieren, den Anforderung eben nicht immer gerecht werden zu können, aus Gründen, die in der Person liegen oder aus der sie umgebenden Welt resultieren. Daher scheint mir eine Großzügigkeit mit sich selbst und wechselseitig gleichzeitig mit anderen im Versuch der Gestaltung individuellen und sozialen Lebens unabdingbar.

Unbestritten verfehle ich die moralischen Anforderungen an mich selbst oft genug. Und Großzügigkeit mit sich selbst will gelernt sein, Vertrauen in sich selbst muss sich entwickeln. Die hier vertretenen Thesen mit dem zuletzt diskutierten Punkt einer „zugewandten Großzügigkeit“ können für mich jedoch die Frage beantworten, was letztlich eine ethische Theorie darstellt, mit der ich mich identifizieren und die mir eine Richtschnur an die Hand geben kann, mich täglich neu darum zu bemühen, mein Leben – orientiert, offen, zukunftsfähig, zugewandt, letztlich liebevoll und damit potentiell universalisierbar – zu gestalten.

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Was ist eine (philosophische) Frage?

Im Zuge eines Seminars zur „Philosophischen Gesprächsführung“ habe ich mich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie man eine Frage – und genauer: eine philosophische Frage – definieren könnte.

Nachstehend lege ich einige vorbereitende Gedanken zu dieser Frage dar, um abschließend die von mir erarbeitete Definition zur Diskussion zu stellen.

„Πάντɛς άνθρωποι τον είδέναι όρέγονται φύσει. Alle Menschen streben von Natur nach Wissen“. (Metaphysik des Aristoteles, 980 a21) Welcher Satz wäre besser geeignet, in eine Untersuchung zur Frage nach der Frage einzuleiten? Gerade das Streben nach Wissen provoziert Fragen, oft genug verwundert (be-)fragen wir uns und andere zu Sachverhalten, Erlebnissen, Ideen, Entwicklungen, Verhaltensweisen, anderen Subjekten oder Objekten. Im Streben nach Wissen sind wir auf Fragen und damit zusammenhängend auf Antworten oder zumindest Antwortversuche, auch im Dialog mit anderen, angewiesen. Was genau ist jedoch das (theoretische) Konzept einer Frage, wie kann die Frage nach der Frage definiert sein und was können Kriterien philosophischer Fragen sein?

Vom Ansatz her gilt es meines Erachtens, vom Allgemein-Abstrakten zum Speziell-Konkreten überzuleiten. Es geht also einerseits darum, zu identifizieren, was allgemeingültige Kriterien für Fragen und Fragesätze sind, die als Bestandteile in einem Sprachsystem (hier der deutschen Sprache) als semiotische Basis die Funktion einnehmen, sprachliches (und damit auch soziales) Zusammenleben mit zu begründen und mit zu garantieren.

Auf der anderen Seite geht es dann darum, die Charakteristika einer Fragestellung herauszuarbeiten, die dann die subjektive Ebene des Individuums (Erfahrungen, Vorlieben, Interessen) mit einbezieht und in der Kombination mit weiteren Voraussetzungen als speziell philosophische Fragestellung gelten kann. Es geht somit um das Zusammenspiel von formalen Regeln, der Tatsache der Förderung eines Dialogs sowie die Bedeutung einer Frage für den Einzelnen auf subjektiv-individueller Ebene bei – im letzten Schritt – zu fordernder Allgemeingültigkeit. Fragen, die in diesem Zusammenhang zu stellen sind, sind die der Semiotik und Grammatik, die der Bedeutung, die Frage nach der Antwort auf die Frage und diejenige nach dem Dialog im Sinne einer Frage-/ Antwortbeziehung, unabhängig, ob es sich um einen intra- oder intersubjektiven Dialog handelt. Ebenfalls mit einzubeziehen sind die pädagogische und entwicklungspsychologische Ebene sowie Aspekte der Handlungs- (Sprechakt-)Theorie und der Kommunikationswissenschaft. Und nicht unerwähnt bleiben soll auch der Tatbestand des Schweigens, was durchaus dialogisches Mittel sein kann. Schweigen ist die Voraussetzung für das Zuhören und damit für einen zielgerichteten, zumindest sinnvollen Dialog an sich.

Um noch den zu untersuchenden Aspekt bzw. die weitere Definitionsbedingung einer genuin philosophischen Frage mit aufzunehmen, werde ich vorab kurz darstellen, was unter „Philosophie“ verstanden werden kann, um daran anschließend aufzuzeigen, welche Aspekte maßgeblich sein könnten, eine Fragestellung als eine explizit philosophische zu identifizieren.

Harald Schöndorf definiert den Begriff der „Philosophie“ wie folgt:

„[P.] bedeutet wörtlich Liebe zur Weisheit im Sinn von Streben nach Weisheit. Dabei ist Weisheit im umfassenden Sinn eines jeglichen Wissens gemeint. […; P. stellt] die Frage nach dem Ganzen, den Gründen, dem Sinn, Ursprung und Ziel, nach dem Guten. Sie ist Orientierungswissen. […] Die P. entsteht aus dem Staunen, das über das Zweckmäßige und Nützliche, über die Probleme des Alltags und die Bedürfnisse nach reibungslosem Funktionieren hinaus fragt und am Wissen als solchem interessiert ist. Die P. fragt nach dem Warum und Wozu und nach dem Was, dem Wesen der Dinge, und zwar nicht unter einem bestimmten Blickwinkel, sondern in der Wirklichkeit als ganzer und darum für den Menschen als Menschen. […] Die P. will argumentativ überzeugen und nicht überreden.“ (Philosophisches Wörterbuch, Freiburg 2010, 360 f.)

Aus diesen Ausschnitten des Lexikoneintrags zur „Philosophie“ im Philosophischen Wörterbuch lassen sich bereits einige Voraussetzungen extrahieren: Es geht in der Philosophie um Wissen im Sinne von Fragestellungen, die über Alltägliches hinausgehen und das in typisch offener Weise (Warum? Wozu? Was?). Damit verbunden ist eine Bedeutung der Fragestellungen nach Sinn und Gründen, die somit nicht mehr partikuläre, sondern vielmehr allgemeingültige Relevanz besitzen. Dabei kann es nicht um endgültige Weisheit oder um letztendliches Rechthaben gehen, vielmehr ist der argumentative Austausch gefragt und der ist „typisch menschlich“. (Ebd.)

Gefolgert aus den bisherigen Ausführungen schlage ich folgenden Versuch einer umfassenden Definition einer Frage und – in Erweiterung dazu – einer philosophischen Frage vor:

Frage, die:

Unter einer Frage wird eine sprachliche Äußerung innerhalb eines Sprachsystems verstanden, die zumeist ein Problem des Fragenden ausdrückt, in einem dialogischen Kontext an einen oder mehrere Gesprächspartner (im Selbstgespräch auch an den Fragenden) gerichtet ist, erst in diesem intra- oder intersubjektiven Bezug Bedeutsamkeit entfaltet und in der Entwicklungspsychologie des Menschen eine entscheidende Rolle spielt. Grundlegend ist die Bedeutung der Semiotik und der Grammatik insofern, als die Frage ausgedrückt wird durch eine sprachliche, aus Worten zusammengesetzte Satzeinheit (Fragesatz), die als Entscheidungs- oder Ergänzungsfrage gestellt ist und stets mit dem Satzzeichen des Fragezeichens endet. Dabei lassen sich auf syntaktischer Ebene weiter die Alternativ-, Vergewisserungs-, die zusammengesetzte und die bedingte Frage, auf semantischer Ebene weiter die rhetorische, die Suggestiv- und die peinliche Frage (des Verhörs oder der Folter) unterscheiden. Zumeist wird auf die Frage – als Sprechakt im Sinne der Handlungstheorie – eine Antwort gesucht bzw. erwartet. Während Aussagen zu Problemen falsch sein können und es zudem auf verschiedenen Ebenen der Kommunikation (wie auf der Beziehungsebene) an sich zu Störungen kommen kann, kann eine Frage lediglich falsch gestellt, an sich im ersten Schritt aber weder wahr noch falsch sein und sollte keine Antwort ausschließen.

Um eine Frage zu einer philosophischen werden zu lassen muss das Frageobjekt über Alltägliches hinausgehen, allgemeingültige Relevanz für den Menschen als Menschen besitzen, also nach Sinn, Gründen oder Zielen fragen und ist üblicherweise als Ergänzungsfrage zu stellen oder dorthin zu entwickeln. In der Methode der regressiven Abstraktion sucht die Frage allgemeingültige Antworten auf Erlebnisse konkreter individueller Erfahrung, ohne dass die Frage ein Objekt ausschließt und ohne dass sie letztlich endgültig zu beantworten oder empirisch zu verifizieren sein kann. Im Sinne eines Philosophischen Gesprächs oder Dialogs regt die Frage idealerweise zum Nachdenken und Diskutieren an, wobei stets – unter Berücksichtigung diskursethischer bzw. achtsamer Kommunikationsregeln – auf den individuellen Wissenstand der Gesprächspartner, eine mit (reiner) Vernunft zu beantwortende, meist apriorische Fragestellung, einen potentiell möglichen Erkenntnisgewinn (auf der kollektiven Suche nach einer Lösung oder der Erweiterung individuellen Wissens) und ausreichend vorhandenes Interesse der Gesprächspartner zu achten ist. (Ergänzung: So angewandt, kann die philosophische Frage als pädagogisches Mittel im Unterricht bereits ab dem Vorschulalter eingesetzt werden und trägt bei konsequenter Anwendung und entsprechender Einhaltung vorgegebener Regularien durch Gesprächsleiter und Teilnehmer zur Ausbildung und Förderung des Wissens (auch Orientierungswissens), wie auch vielfältiger weiterer Kompetenzen bei.)

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Zum Weiterlesen (exemplarisch!):

Aristoteles‘ Metaphysik (1989). Neubearb. d. Übers. von Hermann Bonitz, 3., verb. Aufl. Hamburg: Meiner (Philosophische Bibliothek, 307).

Austin, John Langshaw; Savigny, Eike von (1998): Zur Theorie der Sprechakte. Zweite Auflage. Stuttgart: Reclam (Universal-Bibliothek, 9396).

Belnap, Nuel D.; Steel, Thomas B. (1985): Logik von Frage und Antwort. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg.

Lindseth, Anders (2005): Zur Sache der philosophischen Praxis. Philosophieren in Gesprächen mit ratsuchenden Menschen. Originalausg. Freiburg: Alber (Fermenta philosophica).

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Die neue bayerische Leitkultur.

Der Bayerische Landtag hat Anfang Dezember 2016 nach langer, erbitterter Debatte und ausdrücklich gegen die Stimmen der Opposition, gegen alle Experten, gegen Vertreter von Kirchen, Verbänden, Organisationen – dabei jedoch unter dem Applaus der AfD – das sogenannte neue bayerische „Integrationsgesetz“ beschlossen.

Integration findet schon immer statt, wird seit jeher menschlichem Dasein immanent gelebt. Jeder Umzug, da muss man nicht an Flucht und Vertreibung, sondern nur an den Umzug in einen anderen Stadtteil denken, verlangt ein Maß an Integration und diese verlangt allen Beteiligten viel ab. Funktionierende Integration ist mit gegenseitiger Rücksichtnahme, Toleranz und Offenheit unabdingbar verbunden. Warum man für solche Selbstverständlichkeiten im Jahr 2016 plötzlich ein – noch dazu singuläres – Landesgesetz braucht, erschließt sich intuitiv nicht; aber man kann sich die Inhalte dieses neuen Gesetzes ja mal ansehen.

In diesem heißt es ganz zu Anfang (Präambel):

„Ganz Bayern ist geformt von gewachsenem Brauchtum, von Sitten und Traditionen. Dieser identitätsbildende Grundkonsens wird täglich in unserem Lande gelebt und bildet die kulturelle Grundordnung der Gesellschaft (Leitkultur). Diese zu wahren, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern und Migrantinnen und Migranten zu einem Leben in unserer Gesellschaft zu befähigen, ist Zweck dieses Gesetzes.“

Im Vorfeld der Verabschiedung war kein einziger Abgeordneter, kein Regierungsmitglied der CSU in Bayern in der Lage, den Begriff der „Leitkultur“ zu definieren. Ein gewisser Markus Blume, der in der Partei für sog. „Grundsatzfragen“ verantwortlich ist, ließ sich wie folgt zitieren: „Die Werteordnung und Prägung des Landes anerkennen, kulturelle Traditionen respektieren, sich an die Gepflogenheiten des Alltags halten, andere Lebensweisen tolerieren.“ (SZ vom 25.09.2016) Gut, aber: „Sich an die Gepflogenheiten des Alltags halten“ – ja, gerne, aber will sich Herr Blume tatsächlich an die Gepflogenheiten meines Alltags halten? Oder welchen Alltag meint er? Seinen? Den seiner Frau? Den in der Schule am Elisabethplatz, genauer im dortigen Sekretariat? Den aller Bewohner des Hauses in der Blumenstraße 13? Und „andere Lebensweisen tolerieren“ – auch gerne, aber das ist es ja gerade nicht, was die CSU mit dem Gesetz bezweckt, außer es handelt sich um unsere Lebensweise.

Einige Regelungen im Detail:

Zur Präambel:

„Ganz Bayern ist geformt von gewachsenem Brauchtum, von Sitten und Traditionen“. Ja, ganz Bayern, wie ebenso ganz Hessen, ganz Niedersachsen, ganz Deutschland, ganz Europa, ganz Timbuktu und die ganze Welt seit der Besiedelung durch den Menschen geformt wurde und wird. Kultur ist immer etwas Gewachsenes, hat sich immer weiterentwickelt und wird sich immer weiterentwickeln – und gerade auch in Bayern mit beeinflusst durch Flüchtlinge und Immigranten, was zumal der CSU durch die historische Verbundenheit mit den zu uns geflüchteten, heimatvertriebenen Sudetendeutschen (und zumeist CSU-Wählern…) bewusst sein sollte. Warum eine solche banale Selbstverständlichkeit in der Präambel?

Zum Artikel 1:

Integrationsziel ist es, „in Bayern berechtigt Schutzsuchenden das Leben zu erleichtern, aber…“ – Ja, was, wieso dann „aber“? Natürlich haben sich Flüchtlinge zu integrieren. Das verlangt nicht nur der gesunde Menschenverstand, das verlangt auch ein gewisser sozialer und finanzieller Druck und im letzten Schritt auch unsere Rechtsordnung. Und (nahezu) alle Flüchtlinge tun das auch, wie ich zwischenzeitlich auch aus eigener Erfahrung in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe weiß. Und natürlich muss gegenläufig Unterstützung diesbezüglich geboten werden. Aber einen Menschen, der meist unfreiwillig sein Land und sein Eigentum verlassen hat, nahezu immer traumatisiert ist, großes Leid, Unsicherheit und Ängste durchlebt hat und das noch im Zuge einer Globalisierung, die vor allem bayerischen Waffenschmieden hervorragende Geschäfte beschert, einen Menschen, der versucht, sich eine irgend geartete neue Existenz in der Fremde aufzubauen, gesetzlich auf eine unbestimmte Leitkultur („Gepflogenheit des Alltags“) zu verpflichten, von der nicht einmal die Gesetzesväter wissen, was diese eigentlich genau ist, das ist menschverachtend und absolut mitleidslos.

Nebenbei, was auch festzustellen ist: Benachteiligte Gruppen aus politischen Gründen gegeneinander auszuspielen ist zynisch. Es ist Fakt, dass es Menschen in Deutschland und auch in Bayern gibt, die am oder unterhalb des Existenzminimums leben, keine Chance haben, auch mit dem Mindestlohn oder mit ihrer Rente ein annähernd würdiges Leben zu führen, ihren Kindern kaum Zukunft bieten oder bieten können oder gar ganz abgehängt sind. Ja, diese Menschen werden meist in einer Weise von unserem sozialen Netz aufgefangen, damit gleichzeitig aber in der Spirale gehalten und das absehbar auf die nächsten Generationen, wie die nicht vorhandene Bildungsdurchlässigkeit belegt. Aber Ängste zu schüren, Flüchtlinge würden „uns“ etwas wegnehmen oder gar mehr bekommen, als hier Geborene (eine Angst, die übrigens ironischerweise gerade auch bei sehr Wohlhabenden vorhanden ist), ist zynisch und fahrlässig. Zumal die CSU in Jahrzehnten in der Regierung oder Regierungsbeteiligung in Bund und Land genau diese Zustände mit hervorgebracht und bis heute kein wirkliches Interesse an einer Änderung hat.

Es geht im deutschen Migrations-/ Asylrecht immer um berechtigt Schutzsuchende nach dem Grundgesetz, also um politisch Verfolgte, um Menschen, die Folter erlitten haben, vor Krieg fliehen oder ganz allgemein um Leib und Leben fürchten. Was gibt es da zu diskutieren, zumal es mit der sog. „Drittstaatenregelung“ ohnehin schon zu einer massiven Einschränkung gekommen ist? Und wie wir künftig mit den sog. „Wirtschaftsflüchtlingen“ umgehen werden (müssen) – wie auch immer eine solche Bezeichnung für Menschen jemals passend (definiert) sein sollte – bleibt abzuwarten. Die Hoffnung, auf Dauer unseren Lebensstandard zu Lasten der Ärmsten dieser Welt aufrecht zu erhalten, wird eine trügerische sein.

Artikel 4:

Hier verpflichtet sich der Staat ausdrücklich nicht dazu, Deutschunterricht anzubieten, stellt die Nichtteilnahme an diesen Kursen für die Migranten aber unter Leistungsvorbehalt. Ja gut, an einem Kurs, den es nicht gibt, kann der Migrant nun mal nicht teilnehmen, wird dann aber für die Nichtteilnahme finanziell sanktioniert. Andererseits genial: Mit den gekürzten Leistungen an die Migranten kann der Staat wiederum doch Sprachkurse anbieten und somit finanziert sich der Migrant seinen Sprachkurs selbst! Warum ist nur früher niemand auf diesen einfachen Trick gekommen?

Artikel 10:

Hier werden Kitas, Schulen, Hochschulen und die Wirtschaft zur Integration der Flüchtlinge verpflichtet. So weit, so nachvollziehbar. Aber diese Verpflichtung beruht wiederum auf einer Förderung in Richtung der Leitkultur. Einer Leitkultur, die sich als Kultur per se – wie die CSU ja in der Präambel selbst schreibt – entwickelt, also auch durch den Einfluss von Migranten, andererseits von der CSU aber nicht wirklich definiert werden kann. Wer soll das verstehen?

Artikel 17a:

Wenn es sich wirklich, wie postuliert, um ein Integrationsgesetz handeln soll, stellt sich folgende Frage: Warum erhält die Polizei grundsätzlich und immer ab sofort erweiterte Kompetenzen in Flüchtlingsunterkünften? Hier geht es um Abschreckung, nicht um Integrationsgedanken. Hier offenbart sich der wahre Geist dieses Gesetzes als eben nicht Integrationsgesetz sondern als verbriefte Ab- und Ausgrenzung. Hier werden fahrlässig (und letztlich schlicht dumm) Vorurteile befeuert und Ängste geschürt. Denn: Jeder der gegen unsere Gesetze verstößt, wird selbstverständlich bestraft, wie auch bisher schon. Und dazu reichen die vorhandenen Kompetenzen der Polizei vollkommen aus.

Zusammenfassend hat man das Gefühl, dass man Aufklärung, Bildung, Information, parlamentarische und politische Arbeit, Prävention, usw. scheut und dieses Gesetz als vermeintlich einfachen Antwortversuch auf die AfD nach dem Motto „Genau und Jawoll!“ auf den Weg gebracht hat. Vermutlich werden die gleichen Wähler dieses Gesetz gut finden, die wegen des Versprechens der Einführung (!) einer Maut die CSU (als übrigens klassische „Brücken-, und Straßeneinweihungspartei“) gewählt haben, nach dem Motto: „Wenn ich in Italien zahlen muss, dann müssen die Italiener auch bei uns zahlen.“ Diese Logik hat sich mir bis jetzt nicht erschlossen, fußt wohl eher auf derartig kleinkariertem Denken, dass es einem ganz anders werden kann. Denn: Egal, dass deswegen die Maut des deutschen Urlaubers in Italien ja nicht weniger und es absehbar auch zu Mehrkosten für deutsche Autofahrer kommen wird und dass das dann exakt die Menschen sind, die gerne über steigende Kosten der öffentlichen Hand oder Pensionsansprüche deutscher Staatsbediensteter wettern – Hauptsache der Italiener zahlt jetzt endlich auch bei uns! Jawoll!

Nicht umsonst machen sich die Denker seit der Antike Gedanken um Primär- oder Kardinaltugenden, die den Menschen als Menschen ausmachen. Eine mögliche Aufzählung wäre die Siebenzahl der weltlichen und christlichen Tugenden, die da sind: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Glaube, Hoffnung, und Liebe. Und diese Tugenden sind universal.

Wiederkehrend jedoch, wenn es in Gesellschaften an einer Ausbildung der menschlichen Primärtugenden mangelt, werden Sekundärtugenden wie beispielweise Fleiß, Pünktlichkeit oder Disziplin und damit vermeintlich bürgerliche Tugenden oder auch Traditionen (Gepflogenheiten des Alltags!) in Abgrenzung zum Anderen, zum Fremden festgemacht, die rein einer instrumentellen, funktionalen und störungsfreien Aufrechterhaltung einer Gesellschaft, einer Gesellschaftsordnung dienen oder dienen sollen. Und das ist es, was die CSU mit diesem Gesetz bezweckt bzw. den „besorgten Bürgern“ suggerieren will und nichts anderes.

Ohne den deutschen Positivismusstreit der 1970/ 1980er-Jahre hier thematisieren zu wollen, sei nur der Vollständigkeit darauf hingewiesen, dass diese bürgerlichen Sekundärtugenden im Wesentlichen dem „Katalog der preußischen Tugenden“ entstammen und protestantisch-calvinistische Wurzeln haben. Ja, hat denn da in der bayerischen CSU niemand nachgedacht? Preußische Tugenden und dann noch protestantisch? Oder werden Preußen und Protestanten zwischenzeitlich etwa als tatsächlich kulturstiftend anerkannt, zumal, wenn es gegen das wirklich Fremde, den – Achtung – Flüchtling! geht? Die Verzweiflung in der CSU muss schon sehr groß sein.

Was wäre denn alternativ, die Menschen auf die Primärtugenden oder einen Teil davon zu verpflichten, diese zumindest zu stärken? Dazu bräuchte man sich kein Gesetz ausdenken. Hier muss man investieren, ja, vor allem Zeit und Mühe, in eben Kultur, in Köpfe und Gedanken, in Herzen, in Bildung und Wissen, in das Verständnis von Zusammenhängen, in Toleranz und in ein Vertrauen auf die Zukunft und in die Tatsache, dass die Menschen gemeinsam die Möglichkeit haben, sehr viel zu schaffen. Das kostet Zeit und Geld und ist sicherlich mühsam, aber mit einer langfristigen Aussicht auf Erfolg ein aus meiner Sicht unabdingbar anzupackendes und unbedingt lohnendes Projekt!

Zuletzt: Wenigstens gibt es eine Formulierung in diesem Gesetz, die zumindest Anlass zu einem kleinen (oder auch großen) Grinsen bietet. Diese Formulierung wurde sicherlich aus EU-Recht-Konformitätsgründen eingefügt, entfaltet gleichzeitig unter dem Blickwinkel der Leitkulturdebatte wirklich allergrößte Ironie: Die Verpflichtung zu „Grundkursen in Staatskunde“ bei Missachtung der Rechts- aber auch der Werteordnung (!) (Artikel 13) sowie der Besuch von Schwimmbädern erst nach potentieller „Belehrung zu den in den Einrichtungen geltenden Sitten und Gebräuchen“ (Art. 17a) richtet sich ausdrücklich auch an alle EU-Bürger und namentlich auch an Deutsche.

Hervorragend! Ich persönlich empfehle allen CSU-Wählern, zumindest den Vertretern der Einführung eines solchen Gesetzes, den Besuch eines Grundkurses in Staatskunde. Denn diesem Gesetz zu applaudieren, missachtet zumindest meine Werteordnung fundamental.

In diesem Sinne – frohe Weihnachten, allen ein friedliches Fest der Liebe und ein offenes, tolerantes, gutes neues Jahr 2017!


Zum Weiterlesen:

Die Süddeutsche Zeitung in der täglichen Berichterstattung, aber u.a. auch vom 25.09.2016 mit dem Bericht über die verzweifelt und damit urkomisch anmutenden Versuche der CSU, eine explizit bayerische Leitkultur zu definieren. Lesenswert! http://www.sueddeutsche.de/bayern/einwanderung-was-ist-die-bayerische-leitkultur-1.3176129

Die Artikel des neuen „Integrationsgesetzes“ (oder dem, was sich zumindest so nennt), sind entnommen der Augsburger Allgemeinen vom 10.12.2016, S. 12. In dieser Ausgabe findet sich auch ein hervorragender Leitartikel zum Thema des von der CSU zumindest anfangs tolerierten Applauses seitens der AfD zum Gesetzesbeschluss sowie ein Interview mit einem Erziehungswissenschaftler u.a. zur Tatsache, wie auch Migranten (schon immer) die Werte unserer Gesellschaft und die Entwicklung unserer Kultur beeinfluss(t)en.

Nach wie vor lesenswert: Das Deutsche Grundgesetz, das auch aus der Erfahrung des Dritten Reichs (mit den dort postulierten vermeintlich deutschen Sekundärtugenden) genau so und nicht anders geschrieben wurde.

Zum Thema der „Tugenden“ seien exemplarisch empfohlen: Platon, Thomas von Aquin, der Apostel Paulus und natürlich Immanuel Kant, der alleine den guten Willen als Primärtugend gelten lässt.

Zum Begriff der „Werte“ empfehle ich exemplarisch selbstverständlich ebenfalls Platon mit seiner „Idee des Guten“, aber auch Max Scheler und Erich Fromm. Und ganz aktuell hat der Freiburger Philosoph Andreas Urs Sommer eine Monographie veröffentlicht mit dem Titel: Werte, warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt. (Stuttgart 2016) Sommer zeigt u.a. auf, wie sehr moderne Gesellschaften auf immerwährende Wertedebatten angewiesen sind und warum viele Menschen der Meinung sind, dass wir unumstößlich(e) Werte brauchen.


Zum Beitragsbild (Walter Carone: Fernandel als Don Camillo in Cinecittà, Februar 1953, Verlag Gebr. König, Köln): Was wäre denn dann – in Analogie zur vermeintlich speziell bayerischen Leitkultur – eine genuin italienische?
Ich bin überzeugt, die Figur des Don Camillo verkörpert universal viel von dem, was uns allen gut täte und da denke ich nicht zuvorderst an die speziell religiöse Komponente.


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