Alles Ideologie – oder was?

Der Vorwurf an andere, bestimmte Positionen aus rein ideologischen Gründen zu vertreten, ist in der politischen Diskussion an der Tagesordnung. Aber was verbirgt sich genau hinter dem Begriff der Ideologie?

In der politischen Debatte taucht wiederkehrend der Vorwurf auf, bestimmte Positionen würden „nur aus ideologischen Gründen“ vertreten und verteidigt. So befand der Bayerische Ministerpräsident Söder (CSU) beispielsweise, dass Deutschland die umstrittenen Möglichkeit des Frackings (also des hydraulischen Aufbrechens tiefer Gesteinsschichten zur Gewinnung fossiler Energieträger) nicht aus ideologischen Gründen ablehnen bzw. an ideologischen Grenzen scheitern lassen sollte. Energie – München – Söder: Fracking in Deutschland ergebnisoffen prüfen – Bayern – SZ.de (sueddeutsche.de)  
Der Phalanx derer, die aus guten Gründen für den Atomausstieg gekämpft, diesen beschlossen und/oder durchgesetzt haben, wird – meist auf Basis kurzfristig aktueller energiepolitischer Entwicklungen – wiederkehrend das Attribut attestiert, aus rein ideologischen Gründen gegen die Energie aus Atomkraft zu sein. CDU debattiert über Atomkraft – Politik – SZ.de (sueddeutsche.de)         
Und ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen (das überparteilich als sinnvoll, nach objektiven wissenschaftlichen Kriterien als nützlich, gewinnbringend, klimaschonend und lebensrettend sowie von einer Mehrheit der Bevölkerung als mitgetragen gilt) lehnte zuletzt Christian Lindner (FDP) ab, da es reine – genau – Ideologie sei. Parteien – Duisburg – Tempolimit und Fleisch: Lindner gegen Diskussion in Krise – Politik – SZ.de (sueddeutsche.de)

Der Begriff der Ideologie wird in der politischen Diskussion also wiederkehrend eingesetzt und das in nahezu allen Fällen, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Unterschwellig oder auch ausdrücklich postuliert schwingt immer mit, dass derjenige, der aus „rein ideologischen“ Gründen für oder gegen etwas ist, wahlweise den Fortschritt bremst, die Freiheit des Einzelnen einschränken möchte oder sich vermeintlich objektiv zu verstehenden Begründungen verweigere. Es lässt sich beobachten, dass in der öffentlichen Auseinandersetzung meist das, was ökonomischen Interessen und damit unserer gegebenen Wirtschaftsordnung zuwiderläuft, als ideologisch im negativ verstandenen Sinne gebrandmarkt wird. Das impliziert, unsere Wirtschaftsordnung selbst wäre gerade keine Ideologie – eine Annahme, die wohl mit keiner der Bedeutungen des Begriffs in Übereinstimmung zu bringen ist, wie wir weiter unten sehen werden.

Aber ist ein solcher Vorwurf haltbar und überhaupt sinnvoll? Ist eine ideologisch geprägte Entscheidung tatsächlich etwas Schlechtes? Kann der Mensch ideologiefrei entscheiden, wenn es beispielsweise um Zukunftsfragen oder wesentliche Lebensentscheidungen ganz allgemein geht? Wie verhält es sich überhaupt mit dem Begriff der Ideologie? Höchste Zeit also, hier einmal hinter die Kulissen zu blicken!

Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Ideologie schlicht „Ideenlehre“ (idea = Idee, logos = Lehre). Bereits auf Platon (428/427 bis 348/347 v. Chr.) geht die Erkenntnis zurück, dass Ideen nicht mittels reiner Wahrnehmung, sondern nur durch das Denken des Menschen erfasst werden können. Während wir also Dinge, wie zum Beispiel einen Wasserfall oder eine Treppe, durch das Anschauen wahrnehmen können, müssen wir eine Denkleistung erbringen, was ein Wasserfall (etwas Schönes, etwas Wasserspendendes, aber unter Umständen auch etwas Gefährliches) oder eine Treppe (etwas sehr Praktisches) sind, um eine Idee davon zu gewinnen. Genauso verhält es sich mit abstrakten Sachverhalten, wie zum Beispiel der Schönheit. Welcher Idee von Schönheit und Ästhetik hängen wir an, wenn wir jemanden oder etwas, einen Wasserfall zum Beispiel oder eine schwungvoll gestaltete Treppe, als schön ansehen? Aber auch ethische Sachverhalte sind durch uns Menschen erst wahrzunehmen, zu beurteilen und anzuwenden, insofern sie einer Idee unterliegen. Platon zufolge ist die Idee des Guten der Maßstab, an dem das Tun dann ausgerichtet werden muss, will man moralisch handeln.

Soweit die antike Idee Platons, was die Ideologie, also die Ideenlehre betrifft. Der moderne Ideologiebegriff, der unser heutiges Zusammenleben prägt, ist dreifach zu unterscheiden: (1) In den wissenstheoretischen Begriff: Erfasst werden Gruppen von Erkenntnissen, Kategorien oder auch Werten und damit ist die Basis geschaffen für Entscheidungen auf Grundlage dieser, auf (möglichst) wissenschaftlichen Kriterien beruhenden, sich entwickelten und weiterentwickelnden Erkenntnissen, Kategorien und Werten. Zudem (2) zurückgehend auf Francis Bacon (1561-1626) in den Begriff, wie wir ihn heute mehrheitlich und alltagssprachlich verstehen und wie er in der politischen Diskussion meist verwendet wird: als Weltanschauung nämlich, die bloßen Vorurteilen und Täuschungen unterliegt. Und (3) darauf aufbauend als spezifisch instrumentalisierend eingesetzten Begriff: dieser soll in der politischen Diskussion dem Umstand dienen, die eigene Machtbasis zu sichern sowie wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Karl Marx (1818-1883) hat den Begriff in diesem Zusammenhang so definiert, dass die bürgerliche Klasse ihre Vorherrschaft sichern möchte, und zwar auf Basis ihrer eigenen partikulären ökonomischen Interessen, die für allgemeingültig erklärt werden. Wahre philosophische, soziale, politische Erkenntnis der Ideen (vergleiche Platon), auch wahre Erkenntnis der gesellschaftlich-sozialen Strukturen ist auf dieser Basis nicht möglich, da diese Erkenntnis stets den eigenen Machtanspruch, aber auch die eigenen ökonomischen Interessen in Frage stellen würde. Der Status quo soll verteidigt werden.

Interessant ist, dass Karl Marx bereits im 19. Jahrhundert den Zusammenhang hergestellt hat, der bis heute aktuell scheint: gefangen in ihren eigenen Ideologien des Machterhalts und der ökonomischen Interessen stammt der Vorwurf der Ideologie an andere meist aus dem Spektrum der klassisch als bürgerlich zu bezeichnenden Parteien, wie die oben ausgeführten Beispiele (CSU, CDU, FDP) exemplarisch verdeutlichen. Als ob der Vorwurf der Ideologie an andere prophylaktisch verhindern könne, selbst dem Ideologievorwurf ausgesetzt zu sein oder ausgesetzt zu werden.

Kommen wir damit nochmals zurück auf die eingangs erwähnten Beispiele, in denen Anderswissenden der Ideologie-Vorwurf gemacht wird. Fracking ist eine technische Möglichkeit, fossile Energieträger zu gewinnen, widerspricht aber nicht nur der Notwendigkeit einer Energiewende hin zu nachhaltigen Formen, sondern damit ebenso der vielleicht doch noch möglichen Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels der Erderwärmung. Die Abkehr von der Atomkraft aus ökologischen, ökonomischen und zukunftsorientierten Gründen aus heutiger Sicht anerkannt sinnvoll und in der deutschen Bevölkerung verankert, daher läuft der Begriff der Ideologie als Vorwurf ins Leere, wendet sich vielmehr gegen den Vorwerfenden selbst, da dieser der fortschreitenden Erkenntnis nicht Schritt hält. Es werden demgegenüber selbstverständlich auch Gründe ins Feld geführt, Fracking zu betreiben oder die Laufzeit von Atomkraftwerken zu verlängern (wie Fragen der aktuellen Energiesicherung), diese sind aber ebenso ideologisch geprägt, unterliegen selbst einer Idee, jedoch einer (überkommenen) Weltanschauung im Zeitalter Erneuerbarer Energieformen. Technikgläubigkeit, die in den Diskussionen um Atomkraft oder um Methoden wie dem Fracking an den Tag gelegt wird, ist ebenfalls ideologisch geprägt, der Vorwurf – will man einen solchen konstruieren – ließe sich also bestens umdrehen. Und ein allgemeines Tempolimit rettet nicht nur Menschen- und Tierleben, sondern würde auch die Lärm- und Feinstaubbelastung senken, damit zur Gesundheit vieler beitragen, die Abhängigkeit von Öl senken und damit zur Reduzierung des CO2-Verbrauchs beitragen. Das Festhalten am Slogan „freie Fahrt für freie Bürger“ offenbart ein sehr einseitiges Verständnis einer Idee von Freiheit – und ist damit Ideologie. Technikgläubigkeit oder ein sehr eng definierter Begriff persönlicher Freiheit sind also ebenso Ideologien, egal aus welchem Blickwinkel man diese betrachtet.

Es darf und sollte einen Wettstreit um die besten Ideen geben, wobei die besten Ideen den Kriterien der Zukunftsfähigkeit, der Gemeinwohlorientierung und ganz allgemein der unabdingbaren „Lebensdienlichkeit“ (Peter Ulrich) unterliegen müssen. Insofern der wissenschaftliche und technische Stand der Forschung Eingang in die Ideen findet und Bestandteil des kritischen Diskurses unter Berücksichtigung der genannten Kriterien ist, würde das einem positiven Ideologiebegriff folgen. Technik um der Technik willen dagegen bleibt Selbstzweck und es kann sich der Eindruck verfestigen, der Einsatz soll allein dem Erhalt machtbezogener und/oder ökonomischer Vorteile (Energieversorger, Ölproduzenten, Autobauer) dienen.

Wenn ein Politiker oder eine Politikerin einem Politiker oder einer Politikerin eines anderen politischen Lagers also Entscheidungen oder Begründungen aus „ideologischen Gründen“ attestiert und diese Entscheidungen damit bloß diskreditieren will, verkennt diese:r mehrere Punkte:

  1. Alle Entscheidungen, auch die eigenen, unterliegen letztlich und ganz basal ideologischen Gründen, da sie einer Weltanschauung, einem Erkenntnisstand und einer Idee unterliegen. Der eigene Standpunkt ist geschichtlich, gesellschaftlich und sozial ideologisch (geprägt) und daher läuft ein Vorwurf der Ideologie an andere ins Leere. Selbst, wenn man sich selbst attestieren möchte, vermeintlich ideologiefrei zu sein, kann das auf zweifachem Wege widerlegt werden: Wie fatal wäre es denn, würde der Mensch keinerlei Ideen und Überzeugungen anhängen und vor allem neue Erkenntnisse nicht im Rahmen (s)einer Entwicklung einbeziehen? Und insofern man sich selbst als vermeintlich frei von Ideologie definiert, ist auch das bereits wieder Ideologie, nämlich eine bloß idealisierte oder idealisierend gemeinte Idee von sich selbst und auch so kann dieses Argument ad absurdum geführt werden.
  2. Der diskreditierend vorgebrachte Vorwurf der Ideologie ist stets total, da dem anderen die Möglichkeit einer objektiven Beurteilung der Sache abgesprochen wird. Damit handelt es sich um ein sog. Totschlagargument, was der Idee eines seriösen politischen Diskurses widerspricht und – siehe Marx – dem bloßen Machterhalt auf Basis partikulärer Interessen dienen soll.
  3. Wenn eine Entscheidung auf Ideologie beruht, beruht sie – den wissenschaftlichen Begriff von Ideologie heranziehend – bestenfalls auf der Basis fortschreitender Erkenntnis. Der Ideologiebegriff ist dem Grunde nach also etwas sehr Positives, auch wenn er heutzutage mehrheitlich negativ belegt ist oder so verwendet wird.

Mit dem einseitigen Vorwurf an den (politischen) Gegner, aus ideologischen Gründen für oder gegen etwas zu sein, sollte man sich meines Erachtens daher zurückhalten. Denn entweder offenbart die Verwendung dieser Begrifflichkeit Unwissen über den Begriff (was niemand wollen kann) oder er wird rein instrumentalisierend eingesetzt, um den anderen unsachlich, nicht auf Basis des aktuellen Wissens- und Erkenntnisstandes zu diskreditieren und so die eigene Machtbasis zu sichern (was niemand wollen sollte). Kommt beides zusammen, also Unwissenheit und der Versuch plumpen Diskreditierens, wird es bösartig; Dummheit gepaart mit Handeln aus reinem Eigennutzen ist selbstzwecklicher Populismus in seiner niedersten Form und zeugt daneben nicht vom Willen echten politischen Diskurses zum Widerstreit der besten Ideen. Die andere Meinung soll bloß zum eigenen Machterhalt und eventuell auch zur Wahrung der eigenen ökonomischen Vorteile diskreditiert werden.

Die Orientierung an Erkenntnis, an Werten, die Orientierung an Normen und Maßstäben, wie an Platons Idee des Guten (Ethik) und an fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnissen sollten Richtschnur dessen sein, an dem wir unser Handeln ausrichten. Es wird höchste Zeit, dass wir den Ideologie-Begriff als positiven anerkennen und uns durchaus selbstbewusst, stolz und aus guten Gründen, abseits bloßer ökonomischer und machtbasierter Interessen, als Ideologen bezeichnen. Anhand dessen gilt es in der Folge, in den argumentativen Austausch zu gehen.

Objektivität in der Wissenschaft und Subjektivität in der Wahrnehmung bleiben freilich im Gegensatz, die Diskrepanzen in der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung erleben wir jeden Tag. Wirtschaftliche Vorteile und Maßnahmen des Machterhalts orientieren sich nicht immer an der Wissenschaft, an einem Prinzip des Guten oder am unabdingbar Lebensdienlichen. Einem positiven Begriff der Ideenlehre folgend kann der schöne, zukunftsorientierte Satz von P. Peter Ehlen SJ aus dem Philosophischen Wörterbuch (Freiburg 2010, Seite 217), zum Nachdenken anregen, will man das nächste Mal einen anderen „bloßer Ideologie“ zeihen:

„Dass […] Erkenntnis den gesellschaftlichen Bedingungen verpflichtet ist, in denen sie vollzogen wird, ist nicht zu bestreiten; zugleich bleibt wahr, dass diese an Normen zu messen und auf sie hin zu verändern sind, die mit dem Faktischen noch nicht mitgegeben sind.“

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Zum Weiterlesen:
Die unbedingte Fortschrittsgläubigkeit im Übrigen ist ein speziell europäisches Phänomen, wie der Islamwissenschaftler Thomas Bauer sehr schön und lesenswert nachgewiesen hat. Auch wenn Fortschrittsgläubigkeit nicht allein auf Technikgläubigkeit zu reduzieren ist, entwickelte sich die Fortschrittsgläubigkeit als Ideologie (!) – verkürzt dargestellt – als eine Art Ersatzreligion seit der Reformation, insofern sich der Mensch nach Eindeutigkeit im Leben sehnt. (Vgl. u.a. Magazin der Süddeutschen Zeitung, Nummer 15/2022, Seiten 28-32.)
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Moral in der Fußball-Bundesliga?

Ist es moralisch vertretbar, formalen Einspruch gegen eine sportliche Niederlage einzulegen?

Heute mal ein kurzer Sport-Beitrag: Der SC Freiburg hat Einspruch gegen die Wertung des mit 1:4 gegen den FC Bayern München verlorenen Bundesligaspiels eingelegt. Nach Wechselfehler des FC Bayern: Freiburg legt Einspruch ein – Sport – SZ.de (sueddeutsche.de) Grund dafür ist ein Wechselfehler der Münchener, die verbotenerweise kurzzeitig mit 12 Spielern auf dem Platz standen. Dieser Einspruch ist wohl das gute Recht der Freiburger, jedoch – und das ist vorab festzuhalten – hatte der Wechselfehler keinerlei Einfluss auf das Ergebnis. Sollte man in einer solchen Situation formalen Einspruch einlegen, im Wissen, sportlich eindeutig unterlegen gewesen zu sein? Sollte man Einspruch einlegen, um sich – trotz dieser sportlichen Unterlegenheit – einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Mannschaften im Rennen um die lukrativsten Tabellenplätze zu verschaffen? Und sollte man dieses eigennützige Vorgehen mit dem vorgeblich hehren Ziel verknüpfen, man wolle ja nur künftigen vergleichbaren Situationen vorbauen?
Ich denke nein (außer der Wechselfehler durch den FC Bayern diente vorsätzlich dazu, mit 12 Spielern auf dem Platz zu stehen). Eine solche Vorgehensweise widerspricht dem, was man allgemein Sportsgeist nennt, Fairness und es widerspricht auch einem moralischen Verständnis dessen, wie Wettbewerb funktionieren kann, sofern dieser regelgeleitet ablaufen soll – und sofern man sich diesem System „Fußball“ unterwerfen will. Die Gebaren des nationalen und internationalen Fußballs mit dem Geflecht aus wirtschaftlichen Interessen, halbseidenen Spielervermittlern, obszön hohen Gehältern oder korrupten Sportfunktionären soll hier gar nicht weiter vertieft werden. Das kranke System befeuert sich selbst und wird nach wie vor von der Politik hofiert – getreu dem Motto „Brot und Spiele“.

Der Freiburger Cheftrainer Christian Streich tritt immer wieder mit mal mehr, mal weniger nachvollziehbar geäußerter Kritik an seiner Branche auf und fordert moralische Prinzipien ein. Gleichzeitig scheint er dabei zu verkennen, dass er freiwillig in dieser Branche der Ausschnittsbegabungen arbeitet (niemand wir gezwungen, sich dem System „Fußball“ zu unterwerfen), gleichzeitig dafür ein für viele Menschen unfassbar hohes Gehalt bezieht.

Merke jedoch: Moralisch verkommene Branche bleibt moralisch verkommene Branche. Und da hilft es auch nichts, wenn sich Freiburg immer wieder als gallisches Dorf inszeniert, das (vermeintlich) den sog. Marktgesetzen des nationalen und internationalen Fußballs trotzt. Und es hilft auch nichts, wenn sich die Bundesliga wechselseitig einen kauzigen Trainer „hält“, der immer wieder mit seinen unverständlichen, pseudo-philosophischen Einlassungen zum System (von dem er selbst in hohem Maße profitiert) die einen wahlweise langweilt, die anderen amüsiert oder aufregt. Denn, wie man seit gestern und dem bloß formalen Einspruch gegen eine sportliche Niederlage aus Eigennutzen weiß: diese Einlassungen sind zudem pseudo-moralisch. Das Feigenblatt in der Argumentation, man wolle (nur) Klarheit auch für künftige solcher Situationen, ist wohl bloß der verlogene Rechtfertigungsversuch (auch vor sich selbst).

Die Verantwortung in der katholischen Kirche.

Die Versuche der Leugnung und Vertuschung des jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche sind endgültig gescheitert. Wie lassen sich die aktuellen Verteidigungslinien der damals und heute Verantwortlichen ethisch einordnen?

Die lange Zeit des Verschweigens, des Vertuschens und des Leugnens der maximalen Verfehlungen in der Katholischen Kirche ist in Deutschland zumindest zu Ende. Das von der Diözese München und Freising selbst in Auftrag gegebene Gutachten, das die Kanzlei WSW erstellt hat, beweist endgültig, was Opfer und Opfervertreter schon lange berichtet haben – den massiven sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener durch Geistliche der katholischen Kirche. (Kirche – München – Missbrauchsstudie: Mindestens 497 Opfer im Erzbistum München – Bayern – SZ.de (sueddeutsche.de) Bemerkenswert an dem Gutachten ist vor allem, dass es konsequent die Opferperspektive einnimmt. Damit wird explizit aus der Opfersicht berichtet und argumentiert und das trägt ganz erheblich dazu bei, dass den Menschen, die hier lebensprägendes Leid erfahren mussten, (endlich) geglaubt wird. Auch wenn das gerade den staatlichen Strafverfolgungsbehörden die Schamesröte ob der laschen Ermittlungen und der wohl oftmals kirchengefälligen Richtersprüche vieler vergangener Jahrzehnte in die Gesichter treiben müsste, soll hier und nachstehend die Katholische Kirche im Fokus stehen.

Dabei möchte ich lediglich auf zwei Punkte vertieft gehen. Einmal eine Aussage von Joseph Ratzinger (Erzbischof von München und Freising von 1977-1982, der Bruder des ehemaligen Wehrmachtssoldaten und als „Prügel-Schorsch“ bekannt gewordenen Priesters Georg Ratzinger Nachruf auf Georg Ratzinger: Gnade ihm Gott – taz.de). Und zum anderen eine Aussage von Reinhard Marx, dem seit 2008 und aktuell noch amtierenden Erzbischof eben dieser Diözese.

So ließ der „emeritierte“ Papst Ratzinger aktuell verlauten, das, was vielfach als sexueller Missbrauch berichtet wurde, sei – im damaligen juristischen Sinne – gar nicht als Missbrauch anzusehen und daher nicht strafbar gewesen. (Dass Ratzinger sofort nach seiner schriftlichen Stellungnahme an die Kanzlei WSW einer Falschaussage in anderem Kontext überführt wurde, obwohl er sich doch angeblich so gut an alles erinnern könne – geschenkt.) Und Marx ließ verlauten, alle die Verfehlungen der Geistlichen seien einem „Systemversagen“ innerhalb der Kirche geschuldet. Auch wenn das – meiner Meinung nach – Unsinn ist, wie ich unten aufzeigen werde, so konnte sich Marx wenigstens zu einer erneuten persönlichen Entschuldigung durchringen; das ist zumindest eine Geste, die Joseph Ratzinger bis heute nicht zustande gebracht hat. Zur Zusage einer erhöhten finanziellen Entschädigung der Opfer sexualisierter Gewalt in der Katholischen Kirche konnte sich Marx dagegen nicht überwinden.

Schauen wir uns die beiden oben genannten, exemplarischen Aussagen genauer an:

Ob etwas juristisch als strafbar anzusehen ist, ist einerseits selbstverständlich Bestandteil des Rechtssystems, der Gesetzeslage und der Rechtsprechung – so diese angewandt wird. Dass nicht alles, was (juristisch vielleicht) nicht verboten, auch geboten ist, ist die andere Seite. Kommen wir kurz zurück auf den „Prügel-Schorsch“ Georg Ratzinger: Dieser hat sich bis zu seinem Tod 2020 damit gerechtfertigt, sog. Backpfeifen seien ein übliches Erziehungsmittel der damaligen Zeit gewesen. Selbst wenn dem so war, gab es jedoch auch damals keinesfalls ein Prügelgebot und auch schon gewaltfreie Erziehung bzw. Erzieher:innen, die menschlich und seelisch ausreichend reif waren, sich nicht an Schwächeren zu vergreifen. Ein anderes drastisches Beispiel, das verdeutlicht, wie moralische Verfehlungen und gar Verbrechen nachträglich aus der Zeit heraus gerechtfertigt werden sollten: Mit dem Argument, man habe seinerzeit im Sinne des aktuellen Rechtssystems gehandelt, haben bereits die Richter der NS-Zeit versucht, sich im Rahmen der Verantwortung für ihre im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlichen Todesurteile im Dritten Reich nachträglich zu exkulpieren. Der ergänzend ethische Aspekt kann und darf hier aber nie außer Acht gelassen werden. Und damit zurück zur sehr eigennützigen Auslegung dessen, was früher als sexueller Missbrauch anzusehen gewesen sein sollte. Zumindest katholisch-sozialethisch gebildet ist Joseph Ratzinger ganz sicherlich, zudem hat er Philosophie studiert. Man darf also fest davon ausgehen, dass er sehr gut über die großen ethischen Paradigmen Bescheid weiß. Und dass „nackte Priester mit Pornoheften neben Kindern“  Münchner Missbrauchsgutachten: „In einen Dunkelraum hineingeleuchtet“ – München – SZ.de (sueddeutsche.de) in keinem Falle – noch unabhängig jeder juristischen Bewertung – irgend geartet moralischen Anspruch erheben können, ist offenbar. Weder einer Idee der Tugend noch einer Verantwortungsethik entspricht dieses Bild; einer Nutzenethik entspricht das allenfalls auf der Ebene bloßer individuell-hedonistischer Befriedigung (eine solche ist für katholische Priester in Richtung körperlicher Sexualität schon auf erwachsener Basis zwischen zwei sich liebenden Menschen systemimmanent jedoch nicht vorgesehen), keinesfalls aber auf einer Ebene mit universalgültigem Anspruch und dem Ziel kollektiver Nutzenmehrung. Eine Idee der Fürsorge kann damit ebenso wenig verbunden werden, wie ein Konzept, das die Würde des anderen Menschen unabdingbar achtet. Welche Ansprüche sollte man allerdings an Seelsorger haben, wenn nicht exakt diese? Ratzinger ist sich dessen sehr wohl bewusst, man mag sich gar nichts anderes vorstellen. Somit stecken in seinen Aussagen zum einen wohl Kalkül (das hier sicherlich nicht angebracht ist, zumal eben für einen Seelsorger) und damit wieder bloß kirchlicher Eigennutzen, zum anderen die Weigerung der Übernahme von Verantwortung, was uns direkt zu Reinhard Marx führt.

Marx nennt das Versagen der Kirche und ihrer Institutionen ein „systembedingtes“. Damit wird die Verantwortung an ein System abgeschoben, in dem es zu den massiven Verfehlungen und Straftaten sowie den systematischen Vertuschungen kommt. Was Marx hier (sicherlich nicht unabsichtlich) vollkommen verkennt, ist die Verantwortung des Einzelnen. Und damit meine ich einerseits selbstverständlich die Verantwortung der Vorgesetzten in der Kirche, die pathologische, unmoralische und strafbare Handlungen geduldet und nicht konsequent darauf reagiert haben. Auf der anderen Seite gibt es aber ebenso die unbedingte Verantwortung des einzelnen Priesters. Verantwortung in der einfachsten Dimension meint, sich verantwortlich zu fühlen und sich als Handelnder für etwas vor einer Instanz rechtfertigen zu müssen. Diese Instanz kann einmal eine innerkirchliche Instanz sein, selbstredend Recht und Gesetz (die Strafverfolgungsbehörden haben wohl vielfach versagt) oder – man höre und staune – das eigene Gewissen. Und wenn einem das eigene Gewissen in Verbindung mit Aspekten wie Verantwortungsbewusstsein, Empathie, echter Fürsorge, Mitleid oder Mitgefühl nicht vorgibt, Schutzbefohlene nicht zu schlagen (vgl. „Prügel-Schorsch“ weiter oben) oder sich an diesen nicht sexuell zu vergreifen – ja dann sind unabdingbar die Institutionen gefordert. Und dann gilt es nicht zuletzt zu überlegen, ob der Einzelne für seinen Beruf in der Kirche und am Menschen menschlich ausreichend qualifiziert ist – und zwar auf jeder hierarchischen Ebene, vom Priesterschüler über den Chorleiter, den Erzbischof bis zum Papst. Diese Verantwortung oblag und obliegt dem einzelnen Vorgesetzten und unterliegt wiederum gleichzeitig der gewissenhaften, verantwortungsbewussten Selbstbefragung. Sich individuell hinter einem angeblichen Systemversagen zu verstecken ist (so wie ich das sehe) feige und keines ernsthaften Vorgesetzten würdig, ob innerhalb oder außerhalb kirchlicher Bezüge.

Und deswegen ist dieser Artikel auch übertitelt mit „Die Verantwortung in der Kirche“, nicht bloß mit „Die Verantwortung der Kirche“. Verantwortlich ist streng genommen niemals eine Institution, es sind stets die handelnden Menschen, die diese Institution konstituieren.

Nachtrag 04.02.2022: Es wird nicht besser. https://www.spiegel.de/panorama/justiz/missbrauchs-skandal-aufregung-ueber-regensburger-bischof-voderholzer-a-e879fc76-22ef-4bec-8956-b64144a96108

Update 08.02.2022: https://www.spiegel.de/panorama/papst-benedikt-xvi-bittet-opfer-um-entschuldigung-a-17b8a130-4d33-4b7d-ae6c-d46d5c2b1066

Lesetipp:

Sehr lesenswert ist der Blogartikel eines Kollegen zum Thema; Michael Rasche, selbst ehemaliger Priester, hat sich sehr intensiv mit den aktuellen Entwicklungen auseinandergesetzt:

Ein moralischer Selbstmord – Katholische Kirche und der Missbrauch | Michael Rasche

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Mein Plädoyer für ein Wahlrecht ab 16 Jahren.

Kürzlich erging das bahnbrechende Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Klimagerechtigkeit: Dabei wurde den teilweise sehr jungen Beschwerdeführer:innen insofern Recht gegeben, als die Regelungen des Klimaschutzgesetzes der Bundesregierung aus 2019 als nicht ausreichend erachtet werden – als nicht ausreichend, die gemäß Pariser Klimaabkommen staatlich selbst gesetzten (!) und verbindlichen Ziele zu erreichen. So sind junge und kommende Generationen durch diese unzureichenden Regelungen zur Emissionsreduktion aktuell und perspektivisch sowohl in ihren Schutzrechten wie ebenso in ihren Freiheitsrechten beschränkt. (Bundesverfassungsgericht – Presse – Verfassungsbeschwerden gegen das Klimaschutzgesetz teilweise erfolgreich))

Das Urteil sollte als Anlass genommen werden, die Debatte über eine Altersabsenkung im Rahmen des allgemeinen Wahlrechts neu zu beleben.

Ich plädiere hier ausdrücklich für die Absenkung des Wahlalters und stelle folgende vier Aspekte bzw. Fragen zur Diskussion:

Die Gerechtigkeitsfrage

In einer überalternden Gesellschaft, die durch steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten gekennzeichnet ist, braucht es ein demokratisch legitimiertes Gegengewicht gegen eine Gerontokratie. (Gesellschaft der Alten: Alterspyramide – Alter – Gesellschaft – Planet Wissen (planet-wissen.de))

Selbstverständlich ist den Ansprüchen, Bedürfnissen und Wünschen der älteren Menschen in unserem Lande gerecht zu werden. Nachdem die Zukunft naturgemäß jedoch den Jüngeren gehört, wäre die Absenkung des Wahlalters eine Möglichkeit, auch diese Perspektive demokratisch besser und adäquater abgebildet zu bekommen.

Die allgemeine Frage nach Partizipation

Nicht nur in der politischen Philosophie wird zum Thema der Partizipation künftiger Generationen geforscht. Erarbeitet werden etwa Vorschläge, wie die Rechte und Bedürfnisse der heute noch nicht Geborenen im Rahmen demokratisch legitimierter Prozesse berücksichtigt werden können. Auch die Nachhaltigkeitsdebatte hat letztlich kein anderes Ziel: Es gilt, einen lebenswerten Planeten für kommende Generationen zu erhalten. Wenn jetzt aber bereits darüber nachgedacht wird, künftige Generationen über bestimmte Wege quasi passiv in die demokratische Willensbildung einzubeziehen: wieso sollten dann die aktuell schon geborenen jüngeren Generationen kein aktives Wahlrecht erhalten?

Die Bildungsfrage

Ein Argument gegen die Absenkung des Wahlalters lautet wiederkehrend, jüngere Menschen wären noch nicht ausreichend reif, gefestigt oder politisch gebildet (womit das staatliche Bildungssystem gemeint ist), um eigenverantwortlich und selbstbestimmt wählen zu können. Diesem Argument kann man in zweifacher Weise entgegentreten:

Auf der einen Seite zeigen diverse Umfragen und Studien, dass durchaus hohes politisches Bewusstsein bei den Jugendlichen herrscht. (Shell Jugendstudie 2019: Jugendliche melden sich zu Wort | Shell Germany) Die „Fridays for Future“-Bewegung etwa bestätigt das auch eindrücklich ganz praktisch und aktuell.

Auf der anderen Seite wird dieses Argument oft von Politikern vorgebracht, also von denjenigen, die für das Bildungssystem in unserem Land unmittelbar verantwortlich zeichnen. Das ist mir jedoch zu einfach: einerseits die bekannten, wiederkehrend verschiedentlich angemahnten und uns allen bewussten Missstände im Bildungssystem unzureichend zu beheben, den (vermeintlich) fehlenden Bildungsstand dann aber gleichzeitig argumentativ gegen die Betroffenen zu wenden. Nicht nur schlechter Stil.

Die Verantwortungsfrage

Ein weiteres, und durchaus bedenkenswertes, Argument gegen die Absenkung des Wahlalters lautet, man würde den Jugendlichen damit eine (zu) hohe Verantwortung aufbürden. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass es um die Einführung des Wahlrechts, nicht der Wahlpflicht für Menschen zwischen 16 und 18 Jahren geht.

Zudem gestehen wir bereits heute 17-Jährigen zu, eine Vorstufe des Führerscheins zu erwerben. Im Rahmen des sog. begleiteten Fahrens startet die Ausbildung dazu bereits mit 16 Jahren. Und warum sollte also ein junger Mensch, der Verantwortung im Straßenverkehr übernehmen muss, nicht auch Verantwortung im demokratisch verfassten Staat via Wahlrecht übernehmen können?

Fazit

Insgesamt denke ich, dass die genannten Aspekte (die Fragen nach der Gerechtigkeit, nach Partizipation, nach Bildung sowie nach der Verantwortung) sehr gut geeignet sind, die Absenkung des allgemeinen Wahlrechts auf 16 Jahre zu rechtfertigen. Das Wahlalter ist veränderbar! Unter dem Bundeskanzler Willy Brandt wurde das Wahlrecht für 18-Jährige eingeführt, das bis 1970 erst ab 21 Lebensjahren gegolten hatte. Die Contra-Argumente von damals klingen wohlvertraut: So wurde Menschen zwischen 18 und 21 die Reife abgesprochen, via Wahlrecht am politischen Willensbildungsprozess aktiv zu partizipieren. Heute würde niemand mehr das Wahlrecht ab 18 in Frage stellen.

Ein weiteres beliebtes Gegenargument gegen die Absenkung ist, dass der nächste Schritt dann das Wahlrecht ab 14 Jahren sein könnte. Unabhängig davon, dass gegen eine weitere Absenkung unter Umständen tatsächlich entwicklungspsychologische Argumente sprechen, sollten wir das dann jedoch zu gegebener Zeit diskutieren.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die neue Bundesregierung nach der Bundestagswahl 2021 zur Frage einer Wahlrechtsreform zugunsten der jüngeren Generationen positioniert.

Anmerkung: Das Beitragsbild stellt ein Graffito dar, gesehen an einer Straßenecke in der kroatischen Stadt Rijeka.

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In eigener Sache.

Der Relaunch der Website der LOGOS Strategie Sustainability Beratung Dr. Alexander Braml ist online gegangen!

Das Gründungsjahr meines Unternehmens, der LOGOS Strategie Sustainability Beratung Dr. Alexander Braml, ist das Jahr 2015. Und fünf Jahre ist es nun her, dass die Website der LOGOS Strategie online gegangen ist – das war 2016.
Diese fünf Jahre waren geprägt von vielen tollen Begegnungen mit Menschen, von unzähligen interessanten Gesprächen, von Diskussionen und von intensivem Austausch. Nicht nur zum Thema Nachhaltigkeit – aber doch in einem hohen Maße geprägt durch die gemeinsame konstruktive Beschäftigung mit den Fragestellungen: Wie wollen wir leben und arbeiten? Wer wollen wir sein? Wie wollen und können wir gemeinsam die Zukunft gestalten? 
Nach fünf interessanten und spannenden Jahren war es nun an der Zeit, dem Online-Auftritt des Unternehmens ein neues Kleid zu geben. Das Ergebnis steht (www.logos-strategie.de) und kann sich sehen lassen, so wie ich meine!

Ganz herzlich danke ich meinen Mitstreitern, die das Unternehmen der LOGOS von Anfang an meiner Seite begleitet haben: meinem Vater, Kurt F. Braml sowie Jan-Henrik Witte und Michael Martsch (www.logos-strategie.de/team). Meinem Bruder, Constantin Braml, der das tolle Teamvideo gedreht und geschnitten hat. Herbert Lüdtke, der dieses Video so stimmig vertont hat. Silvan Dolezalek und seinem Team von der CosmoShop GmbH für die technische Unterstützung. Dominique Schneider vom Studio ´93 in Manching für das aktuelle Fotoshooting unter wahrlich erschwerten Corona-Bedingungen! (Der Dank in diesem Zusammenhang geht auch an das Kelten- und Römermuseum in Manching für eine Art „Guerilla-Shooting“. Die Mitarbeiterinnen dort wundern sich wahrscheinlich noch heute, wie wenig sich Menschen für die ausgestellten Artefakte interessieren können, die doch Eintritt in das Museum bezahlt haben…)
Und und und – diese Liste ließe sich weiter fortsetzen. Danke Euch allen, die uns unterstützt haben und die an uns glauben. Und danke natürlich allen Kunden, Partnern und Interessenten!

Ich bin sehr froh darüber und auch stolz darauf, dass wir in weitere gemeinsame Jahre gehen.

Das Thema der Nachhaltigkeit bleibt auch künftig im Fokus. Die Fragestellungen, die uns beschäftigen, sind unverändert diese: Wie wollen wir leben? Und wie wollen wir arbeiten? Das Berufs- und Arbeitsleben macht nach wie vor einen sehr großen Anteil des Selbstverständnisses der meisten Menschen aus. Und in Unternehmen, Organisationen, Sozialverbänden, Kirchen oder NGOs, aber auch in der politischen Arbeit werden Entscheidungen getroffen. Nämlich die Entscheidungen, die mit zu dem beitragen, was unsere Zukunft ausmacht, wie sich unsere Zukunft entwickelt. Alle Menschen aber, nicht nur diejenigen, die in diesen Organisationsformen arbeiten, bilden unsere Gesellschaft. Und gesellschaftlich sind die Fragen zu diskutieren, die sich eben mit dem auseinandersetzen, wie wir arbeiten und wie wir leben wollen – lokal und global.

Unser Angebot bezieht sich umfassend auf die gemeinsame Beschäftigung mit eben diesen Fragestellungen: ob als Gesprächspartner oder gar Ratgeber, als Lernbegleiter in Seminaren, als Moderator oder im individuellen Coaching. Getreu unserem Leitspruch: Wir bei der LOGOS Strategie verstehen das als dia-logos, als Austausch, als sprachliches Ins-Verhältnis-Setzen mit Menschen. Denn die Menschen sind es, mit denen wir arbeiten wollen und denen stets unsere Aufmerksamkeit gilt.

Wir danken herzlich für das uns bisher entgegengebrachte Vertrauen. Und schenken Sie uns auch künftig dieses Vertrauen.

Wir freuen uns auf die Zukunft!

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Unsere Apokalypse-Blindheit.

Nicht erst im laufenden Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 werden zwei widerstreitende Positionen in ihren Extremen diskutiert: Eine Seite fordert eine radikale Umkehr unserer Lebensweise zur Einhaltung des 1,5 Grad-Klimaziels und damit dem Erhalt des Lebens. Die andere Seite bestreitet, dass es maßgebliche Änderungen in unserem Verhalten geben müsse, würden sich doch technische Lösungen finden lassen, die Folgen der Klimaerwärmung abzufedern und für die Menschheit zumindest erträglich zu gestalten.

Vorab: Ich glaube aus verschiedenen Gründen nicht, dass technische Entwicklungen allein die Lösung sein können, um die Klimakrise zu bewältigen. Wir sollten uns die Technik auch künftig zunutze machen, diese kann jedoch nur ein „auch“, kein „alleine“ bedeuten, gerade, wenn man sich die weltweiten Entwicklungen ansieht. Technische Möglichkeiten, aber auch Grenzen, sind parallel gesamtgesellschaftlich und global unabdingbar zu diskutieren und abzuwägen.

Woher kommt bei vielen Menschen jetzt aber eine unbedingte Technikgläubigkeit und die – letztlich – doch Zuversicht (oder bloße Hoffnung?), auf einer solchen Basis technischer Weiterentwicklung würde alles „gut“ werden können?

Der Philosoph Günther Anders (1902-1992) hat bereits 1956 (!) äußerst hellsichtig den Zusammenhang zwischen unserer Fortschrittsgläubigkeit und einer „Apokalypse-Blindheit“ herausgearbeitet. Jetzt muss man Anders aus seiner Zeit heraus lesen, er war u.a. einer der Begründer der Anti-Atomkraft-Bewegung. Was aber verbirgt sich hinter seiner Theorie und warum können wir die Gedanken Anders‘ dennoch hervorragend in unsere Zeit übertragen?

Die klassische Definition der industriellen Revolutionen zählt folgende Entwicklungsschritte auf dem Weg in unser heutiges, digitales Zeitalter auf: Die Nutzung der Dampfkraft und die Mechanisierung der Produktion, die Elektrifizierung des Lebens und die Fließbandfertigung, die Automatisierung mittels computergesteuerter, speicherbasierter Anwendungen sowie aktuell die Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche.    
Dem setzt Günther Anders seine eigene Definition dreier industrieller Revolutionen gegenüber. Die erste Revolution verortet er in der Tatsache, dass Maschinen es selbst sind, die maschinelle Teile herstellen. Entgegen dem Ergebnis des Handwerkers entsteht so erst am Ende der Produktionskette ein fertiges (Konsum-)Gut. Als zweite industrielle Revolution bezeichnet Anders – und das bereits Mitte der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts! – die Tatsache, dass durch Werbung erst Bedürfnisse und damit auch ein immer Mehr an zu produzierendem Bedarf geschaffen werden. Produktzyklen richten sich demnach nicht mehr nach der technischen Lebensdauer, vielmehr werden einzelne Produkte durch ihre Nachfolger abgelöst, die besser, schneller, noch funktionaler sind und alleine deswegen begehrt werden. Und als dritte industrielle Revolution definiert Anders die Nutzbarmachung der Kernenergie. Namentlich die Atombombe markiert bei Anders eine übergeordnete, nein, DIE übergeordnete Stellung: der Mensch ist seit der Entwicklung der Atombombe in der Lage, sich selbst vollständig auszurotten. Diese Tatsache schwebt seitdem über uns allen, hinter dieses Wissen kommen wir als Menschheit nie mehr zurück. Daher kann es – nach Anders – auch keine weitere industrielle Revolution geben. Mit der Gefahr der totalen Auslöschung haben wir das letzte denkbare Zeitalter erreicht. Die Kernenergie in ihrer absoluten Wirkung kann noch nicht mal mehr Mittel zum Zweck sein – sollten wir uns als Menschheit wirklich ausgerottet haben, gibt es keinerlei Zwecke und auch keine Mittel mehr, diese zu verfolgen:

„[…] anstelle des trostlosen „Es wird gewesen sein“ [würde] das noch trostlosere „Nichts war“ seine von niemandem registrierte und darum gültige Herrschaft antreten.“ (Anders 1985, 245.)

Mit und seit der Atombombe sind wir als Menschheit die „Herren der Apokalypse“ (Anders 1985, 239), jederzeit in der Lage uns vollständig auszulöschen. Gleichzeitig sind wir – so Anders weiter – als Menschheit unfähig zur Angst vor dieser Tatsache und apokalypseblind. Woraus resultieren diese Tatsachen aber?   
Erstens fehlt uns das Vorstellungsvermögen. Weiter als in eine kurzfristige Zukunft können (und wollen) wir nicht denken. Und auch wenn wir wissen, eine Stadt komplett auslöschen zu können, fehlt uns das (bildliche) Vorstellungsvermögen der realen Tatsachen und Auswirkungen dessen. Zweitens klaffen – damit zusammenhängend – das Machen und das Fühlen sowie das Wissen und das Begreifen auseinander. Zwar haben wir Angst vor der eigenen Sterblichkeit, können uns gleichzeitig nicht in die reale Todesangst anderer Menschen, wie die dieser Stadt, einfühlen. Drittens sind wir fortschrittsgläubig. Diese Fortschrittsgläubigkeit definiert sich wiederum über mehrere Aspekte: einmal in der Zuversicht, dass alles immer besser wird und der Neigung des Menschen, alles erlebte und denkbare Schlechte in der Vergangenheit, niemals in der Zukunft zu verorten. Zukunft ist für uns nicht mehr das Kommende, sondern das (technisch) Gemachte. Gleichzeitig haben wir – in post-religiöser Zeit – den Verlust der (absoluten) Höllenangst erlitten. Diese alles übersteigende Angst fehlt uns modernen Menschen.

Fortschrittsgläubigkeit bedingt somit Apokalypse-Blindheit.
Beides verortet Anders im Bereich moralischer Fragen. Es muss – übertragen auf unser eigenes Leben – darum gehen, was des technisch Machbaren wir können, dürfen, sollen und auch wollen. Für sein Handeln kann der Mensch Verantwortung übernehmen. Der moderne, arbeitsteilig und konformistisch organisierte Mensch handelt im Berufsleben jedoch nicht, sondern er tut lediglich. Eine Reflexion über die eigene Arbeit kann in einem solchen bloßen Tun nicht mehr stattfinden, der Mensch überlässt sich der Arbeit, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen. Damit kann er auch kein Gewissen (mehr) haben. Gleichzeitig gilt dieses Tun als absolut neutral. Im Bereich des Berufslebens gibt es kein gut oder böse, Erwerbsarbeit und Produkt werden getrennt. Egal, wofür das Produkt dann verwendet wird, wofür es steht, was es bedeutet, die Arbeit daran wird als moralisch neutral betrachtet. Und so kann der Mensch in seinem Tun gar kein Gewissen entwickeln.

Welche Parallelen zu heute kann man daraus ziehen, welche der Punkte können auf unsere heutige Situation übertragen werden?   
Wir leben noch immer unter der Bedrohung der Tatsache, dass wir uns als Menschheit atomar ausrotten können. Weder ist ein weltweiter Verzicht auf die Nutzung der Kernenergie zu erwarten noch eine atomwaffenfreie Welt. Gleichzeitig glauben wir nicht an unsere eigene Vernichtung, sind also apokalypseblind.
Diese Blindheit lässt sich aber ebenso für die Bedrohung durch die menschengemachte globale Erwärmung konstatieren. Allen schon heute negativen Szenarien und Prognosen zum Trotz sind wir zu einer (radikalen) Veränderung unserer Lebensweise nicht bereit. Mit Anders gesprochen fehlt uns das Vorstellungsvermögen, welche realen (!) negativen Auswirkungen auf uns und unsere Kinder warten, wenn die globalen Kipp-Punkte überschritten sind. Und es fehlt wohl auch die Angst davor. Die Erwartung einer besseren Zukunft (die wie selbstverständlich durch Technik besser gemacht wird), unbedingte Fortschrittsgläubigkeit also, lässt viele von uns ruhig schlafen.

Gleichzeitig gibt es eine steigende Anzahl an Menschen bei uns, die sich für eine Veränderung der Lebensweise einsetzt. Gerade bei Jüngeren, deren Zukunft unmittelbar bedroht ist, wächst das Bewusstsein, dass es ein „Weiter so!“ nicht geben kann. Diese Entwicklung gibt Zuversicht und findet hoffentlich möglichst bald auch politische Mehrheiten.

Ergänzend dazu sind folgende Punkte bedenkenswert:

  1. Wir müssen technische Entwicklungen (und zwar jede) unabdingbar und noch viel stärker unter ethischen Aspekten lokal und global betrachten und diskutieren.
  2. Es muss sich das Bewusstsein durchsetzen, dass Arbeit und hergestelltes Produkt moralisch nicht voneinander zu trennen sind. Auch die Arbeit beispielsweise in der Buchhaltung eines Rüstungskonzerns kann moralisch nicht neutral sein, da es das Produkt, das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit nicht ist. Alles andere wäre absurd.
  3. Den Menschen muss – mit den Punkten 1 und 2 zusammenhängend – die Möglichkeit eröffnet werden, ein Gewissen aufzubauen. Bildungsprozesse und Wissen/Erkenntnis in allen Lebenslagen können dabei unmittelbar unterstützen.
  4. Ohne in Fatalismus oder Nihilismus zu verfallen…
  5. …sollten wir die Phantasie entwickeln, was kommen kann. Und dann handeln.

Zum Weiterlesen:

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution und Band II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München 1985 und 1986.

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Korruption, Bestechlichkeit, Lobbyismus und die Angst vor dem Nichts.

Das Fehlverhalten von vor allem Männern, die in der Öffentlichkeit im weitesten Sinne stehen, lädt doch stets auf ein Neues zum Staunen ein. Ganz aktuell lässt (wieder einmal) das Gebaren einiger Politiker aufhorchen: Korruption, Bestechlichkeit, Vorteilsnahme und damit verbundene meist erzwungene Rücktritte – so wird etwa gegen den CSU-Landtagsabgeordneten aus Günzburg und ehemaligen bayerischen Justizminister Alfred Sauter staatsanwaltschaftlich ermittelt und einige politische Ämter lässt Sauter zwischenzeitlich zumindest ruhen. Sauter steht im Verdacht der Vorteilsnahme und unrechtmäßigen Bereicherung im Zusammenhang mit der Beschaffung von medizinischer Schutzausrüstung und von Schnelltests im Rahmen der Corona-Pandemie. Zumindest aber scheint es eine unmoralische Verquickung von Amt und Geschäft gegeben zu haben. Im Zusammenhang damit wird erneut über die Themen der Nebentätigkeiten und Nebenverdienste von Bundestags- und Landtagsabgeordneten diskutiert sowie über deren Offenlegungspflicht. Alfred Sauter, als vielbeschäftigter Anwalt, wurde seinerseits bereits (zweifelhaft) berühmt mit dem lapidaren Ausspruch, er sei im „Nebenjob Abgeordneter“. Haha. Wo der Witz, Esprit oder gar Geist in diesem Ausspruch liegen sollen, bleibt wohl das Geheimnis Sauters. Wenn er das aber ernst meint – dann wird es wahrlich bitterernst.

Die Liste vergleichbarer Fälle kann beliebig fortgesetzt werden: die Bundestagsabgeordneten Philip Amthor und Georg Nüßlein, die sich 2020 und 2021 mit Lobbyismus- und Bestechlichkeitsvorwürfen konfrontiert sahen. Die aktuellen Fälle mehr oder weniger versteckter (politischer) Lobbyarbeit für den autoritären Staat Aserbaidschan. Jeder Politiker, der nach seiner aktiven Laufbahn ohne Skrupel Lobbyist in auch ehedem von ihm politisch beaufsichtigten Branchen und Firmen wird. Gerhard Schröder, der nach seiner Abwahl als Bundeskanzler der BRD doch zweifelhafte Engagements angenommen hat und jede Kritik daran auf die ihm eigene schnoddrige Art als Unfug oder vermeintliche Privatsache zurückgewiesen hat.

Aber auch außerhalb der Politik gibt es diverse Beispiele, die in eine ähnliche Richtung gehen: die jahrelange erfahrene persönliche Unangreifbarkeit eines Produzenten Harvey Weinstein in Hollywood etwa, trotz massiver Straftaten in Form von sexuellen Übergriffen auf Schauspielerinnen. Und, in den realen Auswirkungen weitaus harmloser, hat – auch ein wunderbares Beispiel – Sepp Blatter, von 1998-2016 Präsident des Weltfußballverbands FIFA, im Jahre 2014 im Alter von 78 Lebensjahren in einem Anflug von zumindest Größenwahn von intergalaktischen Wettbewerben und Fußball auf anderen Planeten schwadroniert – und die doch steile These gewagt, er würde dies alles noch erleben. Anschließend trat Sepp Blatter nach Vorwürfen über fragwürdige Methoden, Geschäfte und Bestechungsversuche 2015 dann von seinem Amt zurück – nach Ermittlungen der (übrigens nicht weniger fragwürdigen) FIFA-Ethikkommission.

Alle genannten Beispiele, alle an den Tag gelegten Verhaltensweisen gehen an der Lebenswirklichkeit, wie ebenso am Verständnis der Menschen vorbei und an dem, was man – noch unabhängig jeder juristischen Bewertung von auch Straftaten – als gute Sitten, als moralisch gutes Verhalten oder vielleicht auch als Charakter bezeichnen könnte. Ein Gefühl der Unbesiegbarkeit und ja: Unsterblichkeit scheint hier meist ältere, mächtige Männer zu befallen, die – zugegebenermaßen – dauerpräsent in der Öffentlichkeit und den Massenmedien, ständig hofiert und umgeben sind von Menschen, die ein Stück Ruhm oder Geld abgreifen wollen, ebenso jedes Gespür für gesellschaftlich Machbares, ja gar Wünschenswertes verloren haben.

Es stellt sich die Frage, warum (gerade!) Männer fortgeschrittenen Alters anfällig sind für Allmachtsphantasien, den vermuteten Nimbus der Unangreifbarkeit oder Unsterblichkeit, auch für den Wunsch, immer mehr Reichtum anzuhäufen, fehlendes Unrechtsbewusstsein und fehlendes Gespür für die Grenzen des Moralischen – wie gesagt: noch unabhängig jeder juristischen Bewertung von Sachverhalten.      
Eine Motivation könnte man oftmals in der Tatsache vermuten, dass viele der solcherart Anfälligen aus eher einfachen Verhältnissen stammen (Schröder, Blatter), die sich nach oben gearbeitet haben. Aus erlebtem Mangel kann das zu einer Einstellung von „Das steht mir jetzt zu!“ führen. Gegenbeispiele lassen sich aber ebenso finden, man denke etwa an den bereits erwähnten Sexualstraftäter Harvey Weinstein, der gut situiert aufgewachsen ist. Oder auch an den ehemaligen Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel, den ein ererbtes erhebliches Familienvermögen und ein Top-Managerjob nicht davon abgehalten haben, eine Million Euro an Steuern zu hinterziehen.

Was hier jeweils – so oder so – fehlt ist das Gespür und das Verständnis für die Tatsache, dass es, neben der eigenen Leistungsbereitschaft, wechselseitig immer auch die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die individuelle Chancen ermöglichen. Ohne eine Gesellschaft, die auf eine wirkliche Vermögensabgabe und internationale Steuerabkommen verzichtet, kann individueller Reichtum nicht nahezu unermesslich werden. Ohne Auftraggeber und möglichst eingebunden in ein (staatlich garantiertes) Rechtssystem kann der beste Anwalt keine Rechnungen schreiben. Ohne Strukturen der Unterdrückung und von Machtasymmetrien, wie es sie in der Filmbranche gab und gibt, hätten es Sexualstraftäter im System ungleich schwerer (zum Thema dieser Machtasymmetrien habe ich mir vor einiger Zeit, auf der Höhe der „Mee-too-Bewegung“ bereits hier Gedanken gemacht: Gedanken zur aktuellen „Me-Too“-Debatte. – andersdenkenblog).       
Ohne ein Bildungswesen, wie es in Deutschland (trotz aller diskussionswürdiger Schwächen) vorherrscht, hätte Gerhard Schröder niemals das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholen und anschließend Jura studieren können. Ohne ein weltweites System an Freiwilligen und Ehrenamtlichen in einem durchlässigen Sportsystem, wie dem der Fußballschulen und -ligen, gäbe es keinen Weltverband für sich persönlich bereichernde Funktionäre.   
Parallel mit diesen Entwicklungen geht meist auch fehlendes Unrechtsbewusstsein einher; Rücktritte sind selten freiwillig, Scham ob eigener Verfehlungen nicht erkennbar und wenigstens retrospektives Bedauern bezüglich der Taten Fehlanzeige. Vielmehr – und das passt nicht nur psychologisch in die oben ganz kurz skizzierten narzisstischen Persönlichkeitsschemata – sehen sich diese Menschen dann oftmals selbst als Opfer einer unverständigen, undankbaren, vorgeblich neidischen Gesellschaft. Und daher ist es auch unerheblich, ob diese Menschen/Männer aus „kleinen“ oder „nicht so kleinen“ Verhältnissen stammen. Herzensgröße, Empathie und ja, auch Unrechtsbewusstsein, sind nicht abhängig beispielsweise materieller Ausgangslagen zu beurteilen.

In paralleler Wirklichkeit ihrer eigenen vermeintlichen Bedeutungsschwere gefangen ist es diesen Menschen unmöglich, Demut, auch für erfahrenes Glück und erhaltene Chancen, an den Tag zu legen – und so selbst wirklich glücklich zu werden. Dass Reichtum und Ruhm keine letztgültigen Gründe oder Motivatoren für ein sinnerfülltes Leben sein können, weist Benjamin Andrae in seiner unbedingt lesenswerten Monographie „Die Sinne des Lebens“ nach. Und dass mehr Geld nicht gleichbedeutend mit steigender Lebenszufriedenheit oder steigender Sinnstiftung ist, stellt – beginnend mit der Sage um König Midas – eine schon sehr alte Feststellung der Glücksforschung dar. Neben dem Schönen, dem Guten und dem Wahren – um einen alten philosophischen Gedanken aufzugreifen – bleibt jedes andere (materielle) Ziel im Leben instrumentell und wird schnell schal.

Warum aber dann trotzdem die beschriebenen Verhaltensweisen, gerade auch von älteren und alten Männern, die es vielleicht (schon) besser wissen könnten? Letztlich – und das ist meine Vermutung – ist es, neben Pathologien oder Nihilismus vielleicht, alleine die Angst vor dem eigenen Tod, der diese Menschen dem Geld, der Gigantomanie und dem Wahnbild eigener Unsterblichkeit nachjagen, frönen und nicht selten moralisch fragwürdig bis juristisch kriminell werden lässt. Tatsächlich ist es jedoch nicht die eigentliche Angst vor dem Tod an sich, sondern die Angst vor dem Nichts, wie das der dänische Philosoph Søren Kierkegaard in „Der Begriff der Angst“ 1844 beschrieben hat:

„Nichts. Welche Wirkung aber hat Nichts? Es erzeugt Angst. […] aber wer durch
Angst schuldig wird, der ist ja unschuldig; denn es war ja nicht er selbst, sondern die Angst, eine fremde Macht, die ihn ergriff, eine Macht, die er nicht liebte, sondern vor der er sich ängstigte; – und doch ist er ja schuldig, denn er versank in die Angst, die er doch liebte, indem er sie fürchtete.“ (Kierkegaard: Der Begriff der Angst, 487, 489.)

Geblendet von der eigenen Bedeutung im Hier und Jetzt, gleichsam gerührt von der eigenen Bedeutungsschwere, der eigenen Bedeutsamkeit nachjagend, vereint dies wohl alle die Sauters, Schröders, Weinsteins und Blatters dieser Welt: Die Angst vor dem Nichts, das nach dem individuellen Tod wartet.

Neben einer gehörigen Portion Demut, die im Leben gegenüber den Zeitgenossen und auch dem eigenen Tod gegenüber angemessen und unabdingbar angebracht wäre, ist es ein epikureischer Gedanke, der bereits ca. 300 vor unserer Zeitrechnung gedacht wurde und der hier Trost spenden und helfen könnte, die irdische Jagd nach Geld, Macht und Ruhm innerlich einzuordnen und vor allem die Angst vor dem Tod und dem Nichts zu relativieren: „Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.“

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Zum Weiterlesen:

Andrae, Benjamin: Die Sinne des Lebens. München 2018.
Kierkegaard, Søren: Der Begriff der Angst. München 2015.
Und: Die tagesaktuelle Presse…

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Bushido und Polka-Paule.

Die Satire-Zeitschrift Der Postillon hat in der gewohnt ersthafte Nachrichten imitierenden Berichterstattung um die Verhaftung des ehemaligen Managers des deutschen Rappers Bushido (Details siehe eben hier:
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bushido-und-arafat-abou-chaker-so-lief-die-festnahme-in-berlin-a-1248135.html) mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen und in großartiger Weise das unfassbar Groteske dieser ganzen Posse aufgezeigt:

„Endlich kann er frei sprechen! Nach der Festnahme von Clan-Chef Arafat Abou-Chaker erhebt Bushido schwere Vorwürfe gegen seinen einstigen „Geschäftspartner“: „Abou-Chaker hat mich jahrelang gezwungen, grauenhafte Musik zu machen“, so Bushido im exklusiven Interview mit dem Postillon.
Obwohl er die Musikrichtung Rap von Anfang an gehasst habe, musste Bushido zwei Jahrzehnte lang den bösen Gangster mimen: „Rap ist so roh und primitiv“, klagt er. „Man singt ja nicht mal richtig. Dabei habe ich so eine schöne Gesangsstimme. Einen tollen Bariton.“ Doch immer, wenn sich Bushido musikalisch in eine andere Richtung bewegen wollte, habe ihn Arafat Abou-Chaker nur noch mehr bedroht: „Er hat mir nicht nur sprichwörtlich die Pistole auf die Brust gesetzt“, erinnert sich der Rapper. „Ich musste immer weitermachen. Rappen, dissen, Beef haben, mit Waffen und halbnackten Frauen posieren, mit schweren Jungs rumhängen und schlimme Wörter benutzen. Dabei bin ich voll der Softie. Ich kann keiner Fliege etwas zuleide tun.

Die Folge: drei goldene Bravo-Ottos, zwei Siege beim Comet, fünf Echos, neun Hiphop.de-Awards, drei Goldene Pinguine, ein GQ Award, zwei MTV European Music Awards sowie ein Integrations-Bambi. „Dabei wollte ich eigentlich immer nur volkstümliche Musik machen und für echte Instrumente mit Herz komponieren. Für Flöten, Fiedeln, Akkordeon, Tuba, Gitarre“, seufzt er. „Leichte Musik, die atmet, schwingt, lebt!“ Bushidos einzige Ausflucht in den schweren Zeiten unter Abou-Chakers Knute blieben unzählige fröhliche Märsche, Polkas und Mazurken sowie drei Schlager-Alben, die er abends heimlich schrieb und jahrelang in einem Geheimfach seines Schreibtischs versteckte. Diese will er nun veröffentlichen – allerdings nicht mehr unter dem Namen Bushido, den ihm Abou-Chaker zugeteilt hat, sondern unter dem Künstlernamen, den er sich selbst schon immer gerne geben wollte: Polka-Paule.“

Als Metapher für das gesamte kriminelle Leben von Bushido alias Polka-Paule kann das gelten und stehen. Als ob nicht nur die Wahl eines Künstlernamens und eines Musikstils oder die Wahl, sein privates Leben öffentlich zu machen, sondern auch, als ob alle Taten, Vorwürfe und Verurteilungen in krimineller Richtung, alle menschenfeindlichen Texte, die auf dem Index der Jugendgefährdung stehen, alle frauenverachtenden Interviews und Einlassungen, die zum Beispiel ebenso gleichgeschlechtlich Liebende diffamieren und beleidigen, erzwungen gewesen wären! Nein, dieser Mann hat sich frei entschieden für sein Leben. Ob aus mangelnder Intelligenz, Bildung und Empathie (meine Vermutung) und/ oder aus Berechnung (Provokation bringt meist Verkaufszahlen), sei dahingestellt.

Folgendes gebe ich aber zu bedenken:

Einem intellektuell und seelisch minderbemittelten kriminellen Menschenverächter unter Show-Getöse einen Quoten-Integrations-Bambi zu verleihen und unter anderem politisch zu hofieren, ist die eine Seite. Dass damit lediglich in erschreckender Weise die Versäumnisse echter Jugend-, Bildungs- und Integrationspolitik entlarvt werden, hat tatsächlich wohl niemanden in Politik und Gesellschaft nachhaltig beunruhigt.

Andererseits hat ein solcher Mensch aber eine große Gemeinde an Fans, die Lieder mit derartigen Texten hören, kaufen, verbreiten und sich einen solchen Menschen wohl auch als Idol, als Vorbild setzen. Und ein Klein- oder auch Großkrimineller bekommt wegen solcher Nichtigkeiten (er habe sich jetzt unter den Schutz eines anderen Mafia-Clans gestellt – Entschuldigung bitte: who cares?, und selbst wenn, wo ist hier der Informations-Mehrwert, gleichzeitig, warum lässt der Staat aktiv und passiv rivalisierende Mafiabanden in namentlich Berlin zu?) Platz in nicht nur einem überregionalen Nachrichtenmagazin eingeräumt. Und spätestens das sind Tatsachen, die uns alle dagegen unbedingt und ernsthaft beunruhigen sollten.

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Der Originalartikel des Postillon findet sich hier: https://www.der-postillon.com/2019/01/bushido.html

Weitere Details siehe u.a. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Bushido_(Rapper)

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Kohlbergs Stufenmodell moralischen Bewusstseins – aktuell betrachtet.

Der britische Philosoph, Politiker und Ökonom John Stuart Mill (1806 – 1873), hat in seinem 1859 erschienen Essay On Liberty (dt. Über die Freiheit) den Satz geprägt: „Wenn man die Dinge nüchtern betrachtet, so muß man sagen: wieviel Huldigung auch der wahren oder angenommenen geistigen Überlegenheit dargebracht wird, so strebt die allgemeine Neigung doch dahin, der Mittelmäßigkeit die größte Macht über die Menschen zu geben.“ (Mill 2011, 93)

Diesen Satz kann man in unterschiedliche Richtungen untersuchen und deuten, hier interessiert vor allem der letzte Teil, da dieser unter anderem bewusst und unbewusst, aktiv und passiv, sowie individuell (ich gebe der Mittelmäßigkeit Macht über mich) oder kollektiv (der Mittelmäßigkeit wird Macht über die Menschen als Gesellschaft gegeben) interpretiert werden kann.

In Zeiten, in denen weltweit am Schicksal zwölfer Jugendlicher und ihrem Fußballtrainer, die in einer Höhle in Thailand in vier (!) Kilometern Tiefe von Wasser eingeschlossen sind (man fragt sich, wer ernsthaft Jugendliche, die ausgewiesene Nichtschwimmer sind, kilometerweit in einen wasserdurchfluteten Höhlentunnel führt) mehr mediales Interesse und kollektive Betroffenheit entgegengebracht wird, als beispielsweise abertausenden ertrunkenen Geflüchteten auf den Weltmeeren oder täglich weltweit tausenden verhungerten Kindern, scheint es angebracht, den Satz Mills genauer zu beleuchten. Warum ist es (gesellschaftlich) so, dass die Mittelmäßigkeit in weiten Teilen vorherrscht?

Um sich ein Bild kognitiver Strukturen und Konzepte im Rahmen des Reifungsprozesses von Individuen zu machen, lohnt es sich unbedingt, auf das Stufenmodell des moralischen Bewusstseins des U.S.-amerikanischen Psychologen und Moralphilosophen Lawrence Kohlberg (1927 – 1987) zu rekurrieren. Es handelt sich dabei um einen mehrstufigen Prozess zur Beurteilung moralischer Fragen, der von jedem Individuum zu durchlaufen ist und zwar – und das ist eine der grundlegenden und meines Erachtens doch bahnbrechenden Erkenntnisse Kohlbergs – kulturunabhängig. Der gedankliche Rollentausch, eine kognitive Fähigkeit intersubjektive Strukturen wahrzunehmen, ist dabei entscheidend zur Beurteilung moralischer Fragen.

Die Stufen, die Kohlberg festmacht, sind:

  • Das präkonventionelle Niveau als Niveau des Kleinkindes, es geht dabei ganz wesentlich um Unlustvermeidung und gegenseitigen Nutzentausch.
  • Das konventionelle Niveau als Niveau des gut sozialisierten Kindes. Dabei steht die Orientierung an Autoritätspersonen im Vordergrund bzw. in einer etwas höheren Abstufung der Wunsch nach Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Insofern ein gewisser ethischer Relativismus oder Skeptizismus einsetzt (aber eben nur insofern!), tritt das Individuum in eine Übergangsstufe ein, die dem Niveau eines Adoleszenten, also eines (erwachsenen) Jugendlichen entspricht.
  • Das postkonventionelle Niveau als Niveau des mündigen Erwachsenen. Dieses Niveau stuft sich nochmals ab von der Fähigkeit einer liberalen Orientierung an der Gesellschaft zur höchsten zu erreichenden Stufe in Form einer autonomen (sich selbst setzenden) Orientierung an universalen oder (potentiell) zu universalisierenden ethischen Prinzipien, letztlich auf Basis der menschlichen Vernunft.

Das hört sich alles, nicht zuletzt intuitiv, ganz nachvollziehbar an, wird aber erst richtig interessant, wenn man betrachtet, wie viele Menschen sich auf welchen Niveaus moralischen Bewusstseins befinden. Nach Kohlbergs Untersuchungen – die als konzeptionell und empirisch verifiziert gelten (vgl. Ulrich 2016, 52) – erreichen lediglich 25 % der Erwachsenen einer Gesellschaft die vorletzte Stufe (liberale Orientierung im Rahmen des postkonventionellen Niveaus) und weniger als 5 % die letzte Stufe einer autonomen Orientierung an universalen, vernünftig begründbaren ethischen Prinzipen. Im Umkehrschluss bedeutet das – und diesen Tatbestand muss man sich bewusst vor Augen führen – dass 75 % der Erwachsenen einer jeden Gesellschaft auf einer konventionellen Stufe moralischen Bewusstseins stehen (geblieben sind), sich also nach wie vor auf dem Niveau eines gut sozialisierten Kindes befinden, sich an (nicht nur moralischen) Erwartungen von (auch vermeintlichen) Autoritätspersonen orientieren und die gesellschaftliche Orientierung sich im Wunsch nach der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung („Law and Order“) im wahrsten Wortsinne erschöpft. Insofern sich – beispielsweise auf Grundlage der Wahrnehmung tausender ertrunkener Geflüchteter – kein Skeptizismus einstellt, ist eine autonome Orientierung an moralischen Prinzipien, wie beispielsweise dem Humanismus, unmöglich bzw. verunmöglicht.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse gewinnen Wahlergebnisse der AfD, sämtliche Aussagen von Figuren wie Dobrindt oder Söder, die Negierung des Klimawandels oder eben fehlende Bereitschaft zumindest der Anteilnahme am Schicksal (und dann Aufnahme) Geflüchteter, die wir nicht zuletzt selbst hervorbringen aufgrund eines fortgesetzten Kolonialismus mit modernen Mitteln, auf dem nach wie vor unser Reichtum fußt, ganz neue Bedeutung. Oder anders gesagt, es findet zwar keine Umdeutung statt, aber das Ergebnis bleibt das selbe. Der Soziologe Stefan Lessenich bezeichnet diesen Tatbestand als Sozial-Nationalismus, was eine in meinen Augen unfassbare gute Beschreibung der Tatsache dessen ist, dass ein hohes Maß an Nationalismus auch in den an sich sozialisierten und an sich auch durchaus sozial eingestellten Milieus der sog. Mittelschicht, auch der gebildeten, auf breite Zustimmung stößt. Lessenich prangert das Prinzip des Fortschritts zu Lasten anderer an, wie im Sinne der globalen Externalisierung von Kosten, was die Mehrheit der Gesellschaft still mitträgt. Der Wunsch, es möge sich nichts verändern verbindet sich mit dem, der Wohlstand sei für alle da, aber nur für die, die irgendwie dazugehören.

Thailändische Jugendliche (die glücklicherweise gerettet werden konnten) sind weit weg, Flüchtlingsströme und Migration bedrohen Recht und Ordnung – und zwar ganz konkret, ganz real vor Ort.

Wenn man die wahlkampforientierten Auftritte eines Horst Seehofers im Rahmen der Debatte um Migration und die Einrichten sog. Transitzentren an den Grenzen betrachtet, national gefärbte Debatten, bar jeder Empathie („69 abgeschobene Geflüchtete an meinem 69. Geburtstag“) und Vernunft, inhuman, wirklichkeitsfremd und wirklichkeitsnegierend, die zudem jedem europäischen Geist (wenn dieser denn auf Grundlage dieser Entwicklungen betrachtet jemals real vorgeherrscht haben sollte) zuwiderlaufen, kann man wohl zweierlei konstatieren: Horst Seehofer selbst scheint auf dem moralischen Niveau eines zwar vernünftig sozialisierten Kindes, dennoch eines Kindes stehen geblieben. Und die Menschen erlauben (und zwar vor allem sich selbst), dass ein solch Mittelmäßiger über sie herrscht. Die Tendenzen weisen eher auf einen moralischen Rückschritt, denn auf einen moralischen Fortschritt hin. John Stuart Mill hat das – wie oben gezeigt – im Grunde bereits im 19. Jahrhundert erkannt.

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Zum Weiterlesen:

Immanuel Kant!

Kohlberg, Lawrence: The Philosophy of Moral Development. New York 1981.

Lessenich, Stefan: Neben uns die Sintflut. München 2016.

Mill, John Stuart: Über die Freiheit. Übers von Else Wentscher, hrsg. von Horst D. Brandt. Hamburg 2011 (2. Auflage).

Ulrich, Peter: Integrative Wirtschaftsethik. Bern 2016 (5. Auflage).

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Seehofers sinnloser Satz.

Seehofers sinnloser Satz.

Der CSU-Politiker Horst Seehofer hat in seiner neuen Funktion als Innenminister der Bundesrepublik Deutschland als quasi erste Amtshandlung den bemerkenswerten Satz von sich gegeben: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Unabhängig davon, was man politisch davon halten mag, lohnt doch eine genauere Untersuchung dieser Aussage in verschiedene Richtungen:

1. Die historische und gesellschaftliche Dimension

Dass es Muslime (und damit den Islam) in Deutschland gibt und diese interaktiver Teil unserer Gesellschaft sind, kann auch Herr Seehofer nicht bestreiten, dazu halte ich ihn dann doch für zu intelligent, auch wenn er kein Historiker oder Sozialwissenschaftler ist.

2. Die logische Dimension

Damit zusammenhängend kann man noch einen mathematisch-logischen Schluss ziehen. Der Mengenlehre folgend könnte man alles das, was Deutschland ausmacht und unter dem Begriff „Deutschland“ zu subsumieren ist, erfassen. Der Philosoph Alain Badiou nennt eine solche Verfasstheit „Stätte“, oder die „auf Eins gezählte Situation“. So fällt unter die Eins „Deutschland“ alles, was „das Inventar aller Elemente der Stätte“ (Badiou 2005, 207) ist, also beispielweise alle Bürger des Landes, die Verwaltung, die Kultur, die Hochschulen, die Nationalhymne, die Gerichtshöfe, die Aktienbörsen, Synagogen, Kartoffelknödel, Almwiesen, Dönerbuden oder die Mehrwertsteuer. Selbst, wenn man wollte, könnte man also den Islam nicht aus dieser Stätte „Deutschland“ ausschließen, da er (qua bloßem Vorhandensein) in der Menge enthalten ist, die diese Eins ausmacht. Ausschließen könnte man tatsächlich (wiederum mathematisch betrachtet) die Religionen als eigene Teilmenge. In diesem Falle wäre aber das Christentum auch kein Teil Deutschlands.

Der Islam ist demnach also Teil Deutschlands, wie ebenso die Stadt Berlin, Goethes Faust, Spielplätze, die Fußball-Nationalmannschaft oder die Münchner U-Bahn. Hätte Herr Seehofer aber behauptet, die Münchner U-Bahn gehöre nicht zu Deutschland, hätte man ihn auf seinen Gesundheitszustand hin untersuchen lassen.

3. Die rechtliche Dimension

Das Grundgesetz schützt alle Menschen, sichert die Gleichbehandlung und steht für die Religionsfreiheit. Als Bundesminister wird Herr Seehofer sicherlich nicht das Grundgesetz in Frage stellen (was an sich schon strafbar wäre, er müsste sich dann als Innenminister quasi selbst verfolgen). Trivialerweise kann Herr Seehofer das also so auch nicht gemeint haben.

4. Die religiöse Dimension

Dass der vorherrschende Glaube in Deutschland das Christentum ist, würde niemand ernsthaft bestreiten. Ein so banaler Tatbestand ist es kaum wert, erwähnt zu werden. Einwenden könnte man zwar die eklatant hohe Zahl an Kirchenaustritten jedes Jahr oder die Zahl von ca. 35 % (!) konfessionsloser Menschen in Deutschland. Herr Seehofer hat aber nicht gesagt „Das Christentum ist die vorherrschende Religion“, sondern er hat gesagt „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Trotz der Muslime, die in Deutschland leben.

Die Ratlosigkeit also wächst, die Aussage „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ ist schlicht falsch und sinnlos. Somit muss es eine andere Erklärung geben.

Auf das, was Seehofer ergänzt hat, lohnt noch hier ein kurzer Seitenblick. So hat er ebenfalls gesagt: „Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir deswegen aus falscher Rücksichtnahme unsere landestypischen Gebräuche aufgeben.“ Wenn jetzt aber die Muslime zu Deutschland gehören, was Herr Seehofer ausdrücklich betont, wie kann dann deren Glaube nicht zu Deutschland gehören? Zur Argumentation siehe oben. Den zweiten Teil des Satzes sollte man getrost vergessen, da niemand ernsthaft gefordert hat, „landestypische Gebräuche“ (wären muslimische Gebräuche nicht auch landestypisch, dann für Muslime, die in diesem Land leben?) aufzugeben und was soll in diesem Zusammenhang „falsche Rücksichtnahme“ bedeuten? Das ist ein beliebter rhetorischer Kniff, etwas zu behaupten, was niemand behauptet hat, um es dann (vermeintlich) zu widerlegen.

Und damit komme ich zum Kern meiner Vermutung: Dass Herr Seehofer wohl über wenig Empathie und Phantasie verfügt – geschenkt. (So musste er selbst erst krank werden, um nach eigenem Bekunden zu verstehen, was Gesundheit und gute medizinische Versorgung bedeuten… Was zudem dennoch nicht verhindert hat, dass wir das Gesundheitssystem haben, das wir haben.) Das, was meines Erachtens tatsächlich dahintersteckt, ist (neben wahltaktischen Gründen bezogen auf die Landtagswahl in Bayern im Herbst 2018) eine gefährliche Entdifferenzierung, wie das der Philosoph und Zeitgenosse Kurt Röttgers nennt. Die Ebenen dieser Entdifferenzierung in unserer Gesellschaft sind vielfältig, der Gesamtzusammenhang bei diesen Vorgängen spielt keine Rolle mehr, Partikulares wird allgemein gesetzt, womit stets eine Entwertung der Sache einhergeht. (Vgl. Röttgers 2012, 89.) Zwar gehört eine Polarisierung seit jeher gerade zum Stilmittels des Politikers. Horst Seehofer betreibt mit seinem Satz jedoch eine eben solche Entdifferenzierung im Sinne einer Vermischung und gefährlichen Verkürzung historisch und gesellschaftlicher, logischer, rechtlicher und religiöser Tatsachen.

Was aber – in einer Zeit weltweiter Krisenherde und Kriege, Flucht- und Migrationsbewegungen, einem wieder zunehmenden Antisemitismus, Anschlägen auf muslimische Einrichtungen und Flüchtlinge in vielen Ländern, dem Klimawandel, steigender Mieten und zunehmender Kinderarmut auch in unserem Lande oder der Globalisierung ganz allgemein – was also aber im Rahmen verantwortungsbewusster Politik nottut, ist eine verstärkte Verdeutlichung von Gesamtzusammenhängen, also Differenzierung, keinesfalls Entdifferenzierung. Kluge, integrative, vorausschauende, erklärende Politik, die pro Mensch und Natur ausgerichtet ist, ist sicherlich anstrengender, als pauschale Aussagen zu verbreiten, die an ziemlich niedrige Instinkte der Dümmsten (und hier meine ich wiederum nicht unbedingt nur intellektuell, sondern vor allem arm an Herzensbildung) gerichtet sind. Eine Alternative zur Differenzierung kann es aber nicht geben.

Der Satz Seehofers ist also nicht nur falsch und sinnlos, sondern zugleich entdifferenzierend. Wenn das der Anspruch an die Tätigkeit eines Bundesinnenministers ist, dann befürchte ich nicht zuletzt deswegen sinnlose kommende Regierungsjahre.

Allerdings: Auch die Antwort unserer Bundeskanzlerin ist entsprechend banal. Sie hat lediglich erneut zu Protokoll gegeben, dass der Islam (doch) zu Deutschland gehöre. Eine in dieser Form und als Antwort auf Seehofer letztlich ebenso entdifferenzierte und entdifferenzierende Aussage. Eine wirklich mutige Entscheidung wäre es gewesen, das Kabinett sofort umzubilden – ohne Herrn Seehofer, der nicht zuletzt die Richtlinienkompetenz der Bundeskanzlerin in Frage stellt. Zumindest hätte sie Herrn Seehofer aber anempfehlen können, sich auf seinen Gesundheitszustand hin untersuchen zu lassen.

Nachtrag: Im Rahmen der Diskussion zu diesem Beitrag wurde ich noch auf eine weitere Dimension des Satzes hingewiesen (Dank an Alex Heindl!), die es lohnt, beleuchtet zu werden, nämlich die normative.

Was sich in der Aussage ausdrückt, ist unter Umständen der Wunsch Seehofers, der Islam solle nicht zu Deutschland gehören. Jetzt lässt sich spätestens seit David Hume aus dem bloßen Sein kein Sollen ableiten. Und ob dann einem demokratisch gewählten Politiker in aufgeklärten Zeiten ein solcher Satz zusteht, ist die Frage. Dass der reine Wunsch nie real werden wird, ist die Feststellung, die mit meinem Beitrag beantwortet wurde.

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Zum Weiterlesen:

Badiou, Alain: Das Sein und das Ereignis. Berlin 2005.

Röttgers, Kurt: u.a. in: Wirtschaftsphilosophie. Hagen 2012.
Siehe auch: https://www.fernuni-hagen.de/roettgers/aktuelles.shtml

Ein Artikel zu den Aussagen Seehofers findet sich hier: http://www.tagesschau.de/inland/seehofer-islam-101.html

Zum Beitragsbild: Sinnlose Sätze und sinnlose Treppen passen hervorragend zusammen, dachte ich mir. Diese skurrile Treppe findet sich in München in einem Gebäude an der Sonnenstraße. ____________________________________________

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