Gedanken zur aktuellen „Me-Too“-Debatte.

Endlich, muss man sagen, endlich finden sich auch kritische Stimmen, die die zunehmend hysterisch anmutende „Me-Too“-Debatte hinterfragen. So sieht die Schriftstellerin Thea Dorn in den moralischen Ansprüchen, die wir an unsere Künstler stellen einen neuen Totalitarismus heraufziehen (http://www.deutschlandfunkkultur.de/thea-dorn-zur-sexismus-debatte-das-ist-ein-neuer.1008.de.html?dram:article_id=400306). Und in der Zeit erschien ein Artikel, der eine „überheizte Debatte“ anprangert, der in der Überbetonung kleinerer Fehltritte quasi dialektisch eine damit einhergehende Verharmlosung wirklicher Straftaten, wie die der sexuellen Nötigung oder Vergewaltigung sieht (http://www.zeit.de/2017/46/sexismus-metoo-sexuelle-gewalt-debatte). Daneben gibt es auch nachdenklich-kritische Stimmen, die einen Selbstreinigungsprozess in Hollywood beschwören (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/weinstein-spacey-und-die-folgen-traumfabrik-aufgewacht-a-1177567.html),was zwar wünschenswert wäre, jedoch sehr optimistisch scheint. Und – das haben die diversen bekannt gewordenen Fälle gezeigt – das Thema ist eben gerade nicht alleine auf Hollywood beschränkt.

Auf der einen Seite bleibt ein Täter ein Täter, an dieser Tatsache kann und darf man nicht rütteln, und es spielt keine Rolle, ob sich Übergriffe gegen Frauen oder Männer richten. So muss der Filmproduzent Harvey Weinstein zur Rechenschaft gezogen werden, mit allen Mittel, die rechtsstaatlich (und übrigens auch zivilrechtlich in der Frage möglicher Entschädigungen) zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite fragt man sich zunehmend irritiert, „so what?“, wenn die U.S.-amerikanische Fußballspielerin Hope Solo den ehemaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter jetzt beschuldigt, ihr vor Jahren an den Hintern gelangt zu haben. Außer einem sehr fragwürdigen Selbstbild dieses Mannes zeigt ein solcher Vorgang mangelnden Respekt und Anstand, mehr wohl aber auch nicht.

Zwei Argumente, die meines Erachtens in der Debatte nicht den Kern der Sache treffen (die Frage des Machtgefälles) bzw. weitgehend fehlen (die Abstraktion zwischen Person oder Mensch und Funktion) möchte ich hier vertiefen:

  • Das Machtgefälle

Das Argument, das immer wieder genannt wird, ist das eines Machtgefälles zwischen Täter und Opfer. Dieses Argument mag zwar richtig sein (oder anmuten), ist aber ebenso ausreichend banal. Gäbe es ein (wirkliches oder – vollkommen wertfrei – auch nur empfundenes) Machtgefälle nicht, wäre es in keinem der Fälle zu Übergriffen (wie denen des Filmproduzenten Weinstein oder des Funktionärs Blatter) gekommen. Entweder, weil der Täter keine (wirkliche oder empfundene Macht) über das Opfer gehabt hätte oder, weil das Opfer wiederum die Macht gehabt hätte, sich zu wehren. Hier sei Max Weber zitiert, der den Begriff der „Macht“ prominent wie folgt definiert:

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Frankfurt am Main 2005, S. 38.)

Die Fragen, die sich stellen, lauten also vielmehr: Was treibt einerseits einen Menschen wie Weinstein in seiner Persönlichkeitsstruktur dazu, mitleidslos seinen Willen innerhalb sozialer Beziehungen durchzusetzen, „gleichviel worauf diese Chance beruht“? Warum nimmt sich ein Sepp Blatter das Recht heraus, einer Fußballspielerin an den Hintern zu greifen? Die Psychoanalyse hat viel zu tun… Und was aber können wir andererseits gesellschaftlich ändern, damit keine soziale Beziehung (wie zwischen einem Filmproduzenten oder einem Regisseur und einem Schauspieler/ einer Schauspielerin) so empfunden wird, dass jedes Mittel zur Machtdurchsetzung angewandt werden kann oder vermeintlich darf? Wie kann man diskursiv, wie kann man politisch, wie kann man eben gesellschaftlich, wie kann man bildungspolitisch dem entgegenwirken, dass es soziale Machtgefälle gibt, die es überhaupt zulassen, dass sich Opfer nicht wehren (können) und sei es in der Angst, nicht ernstgenommen oder selbst geächtet zu werden? (Die Verarbeitung des Schocks über derartige Erlebnisse sowie bloße körperliche Überlegenheit des Stärkeren oder seelische Abhängigkeitsverhältnisse müssen hier allerdings wohl abstrahiert, dürfen dabei aber in der Untersuchung oder der Bekämpfung der Symptome nicht vernachlässigt werden.)

Welche Anstrengungen müssen wir daher in Bildung, auch Herzensbildung investieren, um Menschen zu selbstbewussten, sich ihres Werts bewussten Individuen werden zu lassen? Welche gesamtgesellschaftlichen Fragen in vermeintlich tradierten Rollenmustern und sozialen Beziehungsstrukturen müssen wir aktiv hinterfragen? Welche Anstrengungen müssen in der Sozialarbeit, der Prävention unternommen werden, um Missbrauch jeder Art zu bekämpfen, zu erkennen, proaktiv einzudämmen? Welche Anstrengungen müssen wir unternehmen, um die Kinderarmut zu bekämpfen, um wenigstens ein Mindestmaß an sozialer Teilhabe zu garantieren, unabhängig der Einkommenssituation der Eltern oder des Landstrichs, in dem ein Kind nun mal zufällig aufwächst? Solange wir als Gesellschaft tolerieren, dass die Kinderarmut zunimmt, Gelder für Jugendarbeit und Präventionsprojekte gestrichen werden und die Bildungsausgaben in einem Ersten-Welt-Land, wie der Bundesrepublik Deutschland nach wie vor, auch im internationalen Vergleich, schon alleine den bereits erkannten Bedarf noch lange nicht decken, solange das so ist, solange wir alle als Gesellschaft das tolerieren, ist es wohlfeil, prominente Fehltritte und Straftaten an den Pranger zu stellen und sich in seiner eigenen vermeintlich moralischen Überlegenheit zu suhlen.

  • Die Trennung zwischen Mensch und Funktion

Die Debatte entzündete sich im Wesentlichen an den Beispielen aus Hollywood und findet aktuell noch immer unter Referenznahme auf Erlebnisse vor allem mit Künstlern (Schauspielern, Regisseuren, aber auch Politikern und neu Sportfunktionären) statt. Nun stellt sich allerdings für mich die Frage, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ein Argument, das immer wieder genannt wird, ist das der Vorbildfunktion. Ein Argument, das bei ausbleibender wirklicher öffentlicher Empörung über die „Panama Leaks“/ die „Panama Papers“ und die offengelegte Steuerhinterziehung (zu unserer aller Lasten) durch diverse Sportler, Schauspieler und auch Politiker – vermeintlich Vorbilder – ad absurdum zu führen ist. Und wie kommt ein Volk, wie gerade das der Deutschen, von dem bei der letzten Bundestagswahl nahezu 25 % der Wahlberechtigten ihr Wahlrecht missachtet haben, und bei denen, die bei der Wahl waren, annähernd 15 % die AfD oder noch weiter rechts gewählt haben, dazu, von irgendwelchen Menschen eine Vorbildfunktion einzufordern? Hier überhöhen wir Menschen, nur weil diese in der Öffentlichkeit stehen, auch wenn der Wunsch nach Vorbildern zur Orientierung sehr nachvollziehbar ist.

Die Tatsache, dass (Sir!) Ridley Scott nun alle Szenen mit dem angeklagten Kevin Spacey aus dem aktuell nahezu fertigen Filmstreifen „Alles Geld der Welt“ herausschneidet und mit einem anderen (vermeintlich unbescholtenen, wer weiß denn schon, was Christopher Plummer in seinem privaten Leben vielleicht alles schon so getrieben hat) Schauspieler neu verfilmt, ist an Verlogenheit nicht zu überbieten. Nicht die Tatsache, dass gegen Kevin Spacey ermittelt wird, hat zu diesem Schritt veranlasst (der Grundsatz „in dubio pro reo“ scheint hier ohnehin vollkommen außen vor), sondern letztlich die Tatsache, dass der Film mit Spacey prospektiv als „Kassengift“ bezeichnet wird (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 10.11.2017, S. 11) – ein rein ökonomisches Argument, die potentiellen Opfer Spaceys sind Ridley Scott oder der Produktionsfirma, mit Verlaub, scheißegal. Die Kasse muss klingeln.

Die Tatsache, dass ein guter Künstler, ein großer Denker oder ein guter Politiker nicht per se ein guter Mensch (oder das, was wir heute darunter verstehen) sein muss, zieht sich durch unsere abendländische Geschichte seit Anbeginn vor über 2.500 Jahren. Für Platon etwa waren Sklaven keine Staatsbürger, hatten dementsprechend auch keine staatsbürgerlichen Rechte inne. Aristoteles hatte eigene Sklaven. Cicero war ein großer Redner und Politiker, ließ dabei Gegner hinrichten und äußerte sich triumphierend über die Ermordung Caesars. Soviel zum „guten Leben“, den Anfängen unserer Staatslehre oder zur Tugendlehre. Aber wer würde heute die Bedeutung der Gedanken dieser Menschen für unsere Kultur bestreiten? Jean-Jacques Rousseau gab seine fünf Kinder im Waisenhaus zur Adoption frei – ganz entgegen seiner Lehre, an die in der Tradition der Veränderungen seit der Französischen Revolution noch heute erinnert wird (vom schriftstellerischen oder botanisch bedeutsamen Werk Rousseaus gar nicht zu reden). An die Debatte um die sog. „Schwarzen Hefte“ oder die Nicht-Kommunikation zu seinem Verhalten Martin Heideggers sei hier nochmals erinnert, ohne dass man die Bedeutung der Lehre Heideggers in Anknüpfung an Edmund Husserl jemals als zu gering einschätzen könnte.

Wir täten in der Debatte also meines Erachtens gut daran, zwischen dem individuellen Menschen und seiner jeweiligen Funktion, seiner Rolle, als Künstler, Denker, Politiker zu trennen. Treffend hierzu lesen wir bei Ludwig Feuerbach:

„Was würdest du von dem Verstande eines Menschen halten, welcher die Güte der Gedichte seines Freundes also beweisen wollte: Cajus ist ein guter Mensch, ein guter Jurist, usw., also sind seine Gedichte auch gut. Du würdest lachen. Und warum? Weil er nicht diese von den übrigen Eigenschaften unterschiedne und unabhängige Eigenschaft des Dichtens, nicht diese bestimmte Qualität, aus der allein die Gedichte kommen, sondern den moralischen Menschen zum Prinzip seiner Deduktion macht.“ (Ludwig Feuerbach, Pierre Bayle – ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit, Berlin 1967, S. 99 f.)

Warum sollte also eine bei festgestellter Schuld juristisch und moralisch zu verurteilende Person, der Mensch, der zufällig den Namen „Kevin Spacey“ trägt, nicht dennoch ein herausragender Schauspieler namens Kevin Spacey sein?____________________________________________

Zum Weiterlesen:

Am 11.11.2017 erschien ein guter Artikel Heribert Prantls in der Süddeutschen Zeitung, in dem der Satz „Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“ zitiert wird. (vgl. SZ, S. 24), auch online verfügbar (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sankt-martin-was-die-sankt-martins-geschichte-heute-lehrt-1.3743693).

Zum Thema „Vorbilder“ legt Thomas Macho eine umfangreiche und lesenswerte Ausarbeitung vor. (Thomas Macho: Vorbilder, Paderborn 2011)

Der Spruch des Beitragsbilds stammt aus der aktuellen Werbekampagne des Schauspiels Frankfurt und stellt die Lebensregel der Schauspielerin Sarah Grunert dar. ____________________________________________

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Denkbare Anforderungen an eine heutige Ethik.

Im Wintersemester 2016/ 2017 fand an der Hochschule für Philosophie in München ein Seminar statt mit dem Titel „Alternative Entwürfe der Ethik“ unter Leitung von Prof. Dr. Michael Bordt SJ (dem ich an dieser Stelle nochmals danken möchte). Das Thema waren ethische Ansätze, die nur locker mit den drei großen Paradigmen der Ethik, dem Utilitarismus, der deontischen Ethik und der Tugendethik verbunden sind.

Als geistiges Ergebnis aus diesem Seminar entstand nachfolgender Text. Die Frage, der nachzugehen war, lautete, einen denkbaren Ansatz einer Ethik in post-metaphysischer und post-religiöser Zeit zu formulieren. Ich vertrete dabei drei Thesen, die ich nachstehend zur Diskussion stelle.

Erstens muss jede Ethik meines Erachtens denkbares Orientierungswissen untersuchen. Zweitens sind ethische Implikationen unumgänglich, wenn es um aktuelle, oder auch zukunftsfähige Gestaltung sozialen Zusammenlebens geht. Und drittens sollte Ethik – darauf aufbauend – einen möglichen Weg in Richtung potentiell universalisierbarer Handlungsoptionen (in einem weitestgehend Kantischen Sinne) weisen. Diese drei Voraussetzungen sind grundsätzlich notwendig, um individuelles Leben im intersubjektiven Raum persönlich und kollektiv, im besten Falle interessiert, allgemeingültig und reflektiert zu gestalten. Die Begründung der Thesen werde ich über drei ineinander verwobene Schritte vornehmen.

  • Auf der Suche nach Orientierung

Die Bildung von Theorien ist genuin menschlich. Zumindest seit 2.500 Jahren (in unserem westlich-abendländischen Philosophieverständnis) haben sich Philosophen Gedanken gemacht, wie eine (normative) Begründung des praktischen Lebens in Einklang mit sich und im Weltbezug aussehen kann. Orientiert wurde sich im Zuge dessen an der Idee des Guten (Platon), an Tugenden (Aristoteles), an einem kategorischen Imperativ (Kant) oder an utilitaristischen Begründungen (Bentham). Im Seminar haben wir Autoren gelesen, die sich mit offeneren, oftmals stärker (lebens-)praktisch konnotierten Möglichkeiten intersubjektiver Beziehungen und Formen des Zusammenlebens auseinandersetzen (wie Williams, Frankfurt oder Stemmer).

Stets geht es um das Verständnis der Person für sich selbst, wie ebenso um Orientierung, die die Menschen suchen, um über das Leben in (auch innerer) Freiheit, Selbstbestimmung, aber ebenso sozial eingebunden in einer Gemeinschaft nachzudenken. Die „alternativen Konzepte“ erheben nicht den Anspruch unabdingbarer Normativität (wohl teilweise abgesehen vom Würdebegriff Weber-Guskars), sind meist ergebnisoffener ausgestaltet und beziehen sich stark auf die allgemeine Lebenspraxis. Letztlich folgen jedoch diese Konzepte ebenso einem Ziel: der Untersuchung, wie (moralisches) Leben unter Berücksichtigung der Tatsache des Menschseins, „als Mensch“ von statten gehen kann oder welche Aspekte dafür relevant sind. Auch diese „alternativen Entwürfe“ der Ethik stellen somit stets eine Theorie dar, sind sprachlich vermittelt und verlangen, verstanden, kommentiert oder gar gelebt zu werden – nicht anders, als die Herren Platon, Aristoteles, Kant oder Bentham dies im Sinn hatten.

Der Mensch denkt eben darüber nach, was das praktische Leben ausmacht. Solches Nachdenken findet sich abstrahiert in Theorien, Konzepten und Modellen wieder, eine zutiefst menschliche Sehnsucht, die soziale Wirklichkeit erklärbar zu machen. Aber eben nur auf einer solchen Basis kann der Mensch – nach meinem Dafürhalten – parallel zur praktischen Lebensführung einen moralischen Kompass entwickeln. Wir sind sprachlich verfasste und reflektierte Wesen. Im Zuge der je individuellen Sozialisation, zu der auch Erziehung und Bildung gehören, werden Theorien verinnerlicht, die mit zur eigenen Wertebildung und der Ausformung der Persönlichkeit führen.

Alles das geschieht unzweideutig im Intersubjektiven – womit ich zur zweiten These übergehe.

  • Intersubjektivität und Zukunftsfähigkeit

Der Mensch ist ein sozial verfasstes Wesen, das eine persönliche, wie ebenso zeitlich und regional verankerte Sozialisation durchlebt. Nachdem das Individuum sich seiner Bedürfnisse, Wünsche und Werte mehr oder weniger bewusst geworden ist (die bereits zwischenmenschlich vermittelt sind), geht es um das, was sozialverträgliches Leben in gegenseitiger Beeinflussung bedeuten kann. Die Möglichkeit der Reflexion dieser Tatsachen gehört zur menschlichen Natur. Nur im Zusammenleben im Rahmen einer Gemeinschaft können (auch normativ) vorgegebene, übliche oder vereinbarte Verhaltensweisen und Regeln auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüft werden. Und nur im intersubjektiven Raum kann sich die Tatsache möglicher Sanktionierbarkeit entwickeln, nämlich immer dann, wenn ein Individuum gegen die Normen der Gesellschaft (wie Gesetze) verstößt, oder bereits gegen ganz allgemein menschliche Intuitionen und Regeln.

Zu diesen Tatsachen kommt die Antizipationsfähigkeit des Menschen hinzu. Wir können uns vorstellen, was Handlungen für die Zukunft bedeuten, wie heutige Entscheidungen auf die Zukunft wirken. Wir können die Dimension des Wunsches ermessen, unserer Nachwelt eine Situation hinterlassen zu wollen, die es potentiell ermöglicht, ein selbstbestimmtes, auch gutes Leben zu führen. Dabei geht es um Gegebenheiten der natürlichen Umwelt oder finanzielle Unabhängigkeit, vor allem jedoch um die Möglichkeit eines perspektivischen Lebens in innerer und äußerer Freiheit.

Dabei ist die Veränderlichkeit von Vorstellungen, Normen oder Ritualen und das Verständnis des Zusammenlebens in der Vergangenheit und wohl auch in Zukunft mit zu bedenken. Es geht um ein ständiges praktisches Aushandeln der Aspekte des Intersubjektiven im Wandel der Zeit, der Gesellschaft, der Systeme, des Wissens. Ich bin der Überzeugung, dass eine ethische Theorie gerade den Zukunftsaspekt (im Verständnis und im Mitbedenken der Vergangenheit) als Bestandteil eines unabschließbaren Prozesses begreifen sollte.

Mit diesem Punkt gehe ich zum letzten Begründungsschritt einer heutigen Ethik aus meiner Sicht über.

  • Die Frage der potentiellen Universalisierbarkeit

Letztlich kann die individuelle Lebensführung nur als moralisch bezeichnet werden und soziales Zusammenleben nur funktionieren, wenn Handlungen und Handlungsentscheidungen potentiell universalisierbar sind, zumindest – eben ethisch – dahingehend befragt werden. Eine Universalisierbarkeit, wie ich sie verstehe, meint ein reflektiertes und offenes Verhalten, das im Einklang mit der Person selbst steht und zudem den Menschen und der Natur, der Welt insgesamt zugewandt ist. Nur so kann der Mensch meines Erachtens einer Entfremdung von sich selbst und der ihn umgebenden Welt entgehen.

Diese Forderung wiederum ist im Rahmen der Einbettung in die ersten beiden Punkte zu betrachten. Wie ausgeführt, liefern uns Theorien und Modelle, wie ebenso die intersubjektive Aushandlung, Ideen für Möglichkeiten eines individuell und sozial allgemein moralischen Lebens. Wobei – und das sei ergänzend angemerkt – es sich dabei zum Großteil um Wertungen handelt, die sich nur im Lebensvollzug empirisch überprüfen lassen, es keine andere (eindeutige) Prüfinstanz gibt. Das Verständnis potentieller Universalisierbarkeit ist daher individuell, wie ebenso intersubjektiv und interkulturell verschieden. Es hängt von unterschiedlichen persönlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und historisch tradierten Entwicklungen, Faktoren, Ritualen und Tatsachen ab. Im Dialog (gruppenspezifisch, kulturabhängig, historisch verfasst und sich wandelnd) bildet sich dann das gemeinsame Verständnis potentiell universalisierbarer Handlungen und Handlungsoptionen heraus. Und das ist ebenso zu bedenken, wenn es um die Zukunftsfähigkeit von Entscheidungen geht. Dass Menschen sich bewusst für Handlungen entscheiden, die aus Eigeninteresse, fehlender Reflexion, bloßer Dummheit oder auch krankhaft oder bösartig einer aktuell verhandelten, potentiellen Universalisierbarkeit und Zukunftsfähigkeit zuwiderlaufen, ist als Tatsache zu akzeptieren. Hier kann wieder nur ein kollektiver Prozess in Gang gesetzt werden, der ein solches Handeln (moralisch) negativ sanktioniert und das sozial verfasste Verständnis in praktischer Interaktion sukzessive verändert. Der Zeitbezug scheint hier wieder eindeutig durch.

Schlussgedanken:

Letztlich sind wir nach wie vor – bewusst und unbewusst – durch religiöse und metaphysische Annahmen und Voraussetzungen geprägt. Man denke an Rituale (wie die Formel „So wahr mir Gott helfe“ bei Amtseiden), an das Schulfach „Religion“ oder auch an individuelle Erziehung unter einem christlichen Menschenbild der Nächstenliebe. Und im Rahmen unserer Stellung in der Welt, der Gesellschaft und der Geschichte werden diese Einflüsse explizit und implizit intersubjektiv stets mit verhandelt. Daher hat auch eine sog. post-religiöse und post-metaphysische Ethik diese Tatsachen im Sinne umfassender Reflexion mit zu bedenken.

Was dann geeignete ethische Modelle, intersubjektive Normen oder lebenspraktische Faktoren für ein Individuum oder eine Gruppe sein können, muss letztlich offen bleiben. In der Wissenschaft gibt es Platoniker, Aristoteliker, Kantianer, wie ebenso Vertreter anderer Theorien. Eine Ethik sollte den Diskurs befeuern, gleichzeitig den Wunsch nach Orientierung befriedigen und das geht nur im unabschließbaren praktischen Austausch, wie ebenso im wissenschaftlichen Austausch und unter der Aufgabe der Wissenschaft, diesen Austausch publik werden zu lassen. Und alles das steht nach meiner Meinung unter dem Vorbehalt, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg findet, Zusammenleben in Gruppen dann auch sozial zu gestalten.

Wir unterliegen Mustern historisch, kulturell und sozial tradierten Verhaltens. Letztlich bleiben wir gefangen im Spannungsfeld zwischen Idealen und Anforderungen, die wir (bereits seit Geburt intersubjektiv vermittelt) an uns selbst stellen, aber ebenso solchen, die an uns gestellt werden. Gleichzeitig wissen wir darum, den Idealen nicht immer gerecht werden zu können. Damit ein Leben nicht unter dieser Bürde zusammenbricht, sind – unter Berücksichtigung meiner drei Thesen – diese zwei Voraussetzungen unabdingbar: Erstens sollte anderen Menschen grundsätzlich offen, vorurteilsfrei und unbedingt respektvoll begegnet werden. Auf Basis der ausgeführten Aspekte eines ethisch-moralischen Lebens kann man in der Folge dann den Maßstab anlegen, ob man sich in derselben moralischen Gruppe mit anderen, damit einer Gruppe mit übereinstimmender moralischer Grundhaltung befindet, und ob die Richtschnur potentiell universalisierbaren Verhaltens konvergiert, sich also im Intersubjektiven eine Basis gemeinsamer Werte und Vorstellungen findet.

Und zweitens ist diese Tatsache zu akzeptieren, den Anforderung eben nicht immer gerecht werden zu können, aus Gründen, die in der Person liegen oder aus der sie umgebenden Welt resultieren. Daher scheint mir eine Großzügigkeit mit sich selbst und wechselseitig gleichzeitig mit anderen im Versuch der Gestaltung individuellen und sozialen Lebens unabdingbar.

Unbestritten verfehle ich die moralischen Anforderungen an mich selbst oft genug. Und Großzügigkeit mit sich selbst will gelernt sein, Vertrauen in sich selbst muss sich entwickeln. Die hier vertretenen Thesen mit dem zuletzt diskutierten Punkt einer „zugewandten Großzügigkeit“ können für mich jedoch die Frage beantworten, was letztlich eine ethische Theorie darstellt, mit der ich mich identifizieren und die mir eine Richtschnur an die Hand geben kann, mich täglich neu darum zu bemühen, mein Leben – orientiert, offen, zukunftsfähig, zugewandt, letztlich liebevoll und damit potentiell universalisierbar – zu gestalten.

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Was ist eine (philosophische) Frage?

Im Zuge eines Seminars zur „Philosophischen Gesprächsführung“ habe ich mich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie man eine Frage – und genauer: eine philosophische Frage – definieren könnte.

Nachstehend lege ich einige vorbereitende Gedanken zu dieser Frage dar, um abschließend die von mir erarbeitete Definition zur Diskussion zu stellen.

„Πάντɛς άνθρωποι τον είδέναι όρέγονται φύσει. Alle Menschen streben von Natur nach Wissen“. (Metaphysik des Aristoteles, 980 a21) Welcher Satz wäre besser geeignet, in eine Untersuchung zur Frage nach der Frage einzuleiten? Gerade das Streben nach Wissen provoziert Fragen, oft genug verwundert (be-)fragen wir uns und andere zu Sachverhalten, Erlebnissen, Ideen, Entwicklungen, Verhaltensweisen, anderen Subjekten oder Objekten. Im Streben nach Wissen sind wir auf Fragen und damit zusammenhängend auf Antworten oder zumindest Antwortversuche, auch im Dialog mit anderen, angewiesen. Was genau ist jedoch das (theoretische) Konzept einer Frage, wie kann die Frage nach der Frage definiert sein und was können Kriterien philosophischer Fragen sein?

Vom Ansatz her gilt es meines Erachtens, vom Allgemein-Abstrakten zum Speziell-Konkreten überzuleiten. Es geht also einerseits darum, zu identifizieren, was allgemeingültige Kriterien für Fragen und Fragesätze sind, die als Bestandteile in einem Sprachsystem (hier der deutschen Sprache) als semiotische Basis die Funktion einnehmen, sprachliches (und damit auch soziales) Zusammenleben mit zu begründen und mit zu garantieren.

Auf der anderen Seite geht es dann darum, die Charakteristika einer Fragestellung herauszuarbeiten, die dann die subjektive Ebene des Individuums (Erfahrungen, Vorlieben, Interessen) mit einbezieht und in der Kombination mit weiteren Voraussetzungen als speziell philosophische Fragestellung gelten kann. Es geht somit um das Zusammenspiel von formalen Regeln, der Tatsache der Förderung eines Dialogs sowie die Bedeutung einer Frage für den Einzelnen auf subjektiv-individueller Ebene bei – im letzten Schritt – zu fordernder Allgemeingültigkeit. Fragen, die in diesem Zusammenhang zu stellen sind, sind die der Semiotik und Grammatik, die der Bedeutung, die Frage nach der Antwort auf die Frage und diejenige nach dem Dialog im Sinne einer Frage-/ Antwortbeziehung, unabhängig, ob es sich um einen intra- oder intersubjektiven Dialog handelt. Ebenfalls mit einzubeziehen sind die pädagogische und entwicklungspsychologische Ebene sowie Aspekte der Handlungs- (Sprechakt-)Theorie und der Kommunikationswissenschaft. Und nicht unerwähnt bleiben soll auch der Tatbestand des Schweigens, was durchaus dialogisches Mittel sein kann. Schweigen ist die Voraussetzung für das Zuhören und damit für einen zielgerichteten, zumindest sinnvollen Dialog an sich.

Um noch den zu untersuchenden Aspekt bzw. die weitere Definitionsbedingung einer genuin philosophischen Frage mit aufzunehmen, werde ich vorab kurz darstellen, was unter „Philosophie“ verstanden werden kann, um daran anschließend aufzuzeigen, welche Aspekte maßgeblich sein könnten, eine Fragestellung als eine explizit philosophische zu identifizieren.

Harald Schöndorf definiert den Begriff der „Philosophie“ wie folgt:

„[P.] bedeutet wörtlich Liebe zur Weisheit im Sinn von Streben nach Weisheit. Dabei ist Weisheit im umfassenden Sinn eines jeglichen Wissens gemeint. […; P. stellt] die Frage nach dem Ganzen, den Gründen, dem Sinn, Ursprung und Ziel, nach dem Guten. Sie ist Orientierungswissen. […] Die P. entsteht aus dem Staunen, das über das Zweckmäßige und Nützliche, über die Probleme des Alltags und die Bedürfnisse nach reibungslosem Funktionieren hinaus fragt und am Wissen als solchem interessiert ist. Die P. fragt nach dem Warum und Wozu und nach dem Was, dem Wesen der Dinge, und zwar nicht unter einem bestimmten Blickwinkel, sondern in der Wirklichkeit als ganzer und darum für den Menschen als Menschen. […] Die P. will argumentativ überzeugen und nicht überreden.“ (Philosophisches Wörterbuch, Freiburg 2010, 360 f.)

Aus diesen Ausschnitten des Lexikoneintrags zur „Philosophie“ im Philosophischen Wörterbuch lassen sich bereits einige Voraussetzungen extrahieren: Es geht in der Philosophie um Wissen im Sinne von Fragestellungen, die über Alltägliches hinausgehen und das in typisch offener Weise (Warum? Wozu? Was?). Damit verbunden ist eine Bedeutung der Fragestellungen nach Sinn und Gründen, die somit nicht mehr partikuläre, sondern vielmehr allgemeingültige Relevanz besitzen. Dabei kann es nicht um endgültige Weisheit oder um letztendliches Rechthaben gehen, vielmehr ist der argumentative Austausch gefragt und der ist „typisch menschlich“. (Ebd.)

Gefolgert aus den bisherigen Ausführungen schlage ich folgenden Versuch einer umfassenden Definition einer Frage und – in Erweiterung dazu – einer philosophischen Frage vor:

Frage, die:

Unter einer Frage wird eine sprachliche Äußerung innerhalb eines Sprachsystems verstanden, die zumeist ein Problem des Fragenden ausdrückt, in einem dialogischen Kontext an einen oder mehrere Gesprächspartner (im Selbstgespräch auch an den Fragenden) gerichtet ist, erst in diesem intra- oder intersubjektiven Bezug Bedeutsamkeit entfaltet und in der Entwicklungspsychologie des Menschen eine entscheidende Rolle spielt. Grundlegend ist die Bedeutung der Semiotik und der Grammatik insofern, als die Frage ausgedrückt wird durch eine sprachliche, aus Worten zusammengesetzte Satzeinheit (Fragesatz), die als Entscheidungs- oder Ergänzungsfrage gestellt ist und stets mit dem Satzzeichen des Fragezeichens endet. Dabei lassen sich auf syntaktischer Ebene weiter die Alternativ-, Vergewisserungs-, die zusammengesetzte und die bedingte Frage, auf semantischer Ebene weiter die rhetorische, die Suggestiv- und die peinliche Frage (des Verhörs oder der Folter) unterscheiden. Zumeist wird auf die Frage – als Sprechakt im Sinne der Handlungstheorie – eine Antwort gesucht bzw. erwartet. Während Aussagen zu Problemen falsch sein können und es zudem auf verschiedenen Ebenen der Kommunikation (wie auf der Beziehungsebene) an sich zu Störungen kommen kann, kann eine Frage lediglich falsch gestellt, an sich im ersten Schritt aber weder wahr noch falsch sein und sollte keine Antwort ausschließen.

Um eine Frage zu einer philosophischen werden zu lassen muss das Frageobjekt über Alltägliches hinausgehen, allgemeingültige Relevanz für den Menschen als Menschen besitzen, also nach Sinn, Gründen oder Zielen fragen und ist üblicherweise als Ergänzungsfrage zu stellen oder dorthin zu entwickeln. In der Methode der regressiven Abstraktion sucht die Frage allgemeingültige Antworten auf Erlebnisse konkreter individueller Erfahrung, ohne dass die Frage ein Objekt ausschließt und ohne dass sie letztlich endgültig zu beantworten oder empirisch zu verifizieren sein kann. Im Sinne eines Philosophischen Gesprächs oder Dialogs regt die Frage idealerweise zum Nachdenken und Diskutieren an, wobei stets – unter Berücksichtigung diskursethischer bzw. achtsamer Kommunikationsregeln – auf den individuellen Wissenstand der Gesprächspartner, eine mit (reiner) Vernunft zu beantwortende, meist apriorische Fragestellung, einen potentiell möglichen Erkenntnisgewinn (auf der kollektiven Suche nach einer Lösung oder der Erweiterung individuellen Wissens) und ausreichend vorhandenes Interesse der Gesprächspartner zu achten ist. (Ergänzung: So angewandt, kann die philosophische Frage als pädagogisches Mittel im Unterricht bereits ab dem Vorschulalter eingesetzt werden und trägt bei konsequenter Anwendung und entsprechender Einhaltung vorgegebener Regularien durch Gesprächsleiter und Teilnehmer zur Ausbildung und Förderung des Wissens (auch Orientierungswissens), wie auch vielfältiger weiterer Kompetenzen bei.)

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Zum Weiterlesen (exemplarisch!):

Aristoteles‘ Metaphysik (1989). Neubearb. d. Übers. von Hermann Bonitz, 3., verb. Aufl. Hamburg: Meiner (Philosophische Bibliothek, 307).

Austin, John Langshaw; Savigny, Eike von (1998): Zur Theorie der Sprechakte. Zweite Auflage. Stuttgart: Reclam (Universal-Bibliothek, 9396).

Belnap, Nuel D.; Steel, Thomas B. (1985): Logik von Frage und Antwort. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg.

Lindseth, Anders (2005): Zur Sache der philosophischen Praxis. Philosophieren in Gesprächen mit ratsuchenden Menschen. Originalausg. Freiburg: Alber (Fermenta philosophica).

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Die neue bayerische Leitkultur.

Der Bayerische Landtag hat Anfang Dezember 2016 nach langer, erbitterter Debatte und ausdrücklich gegen die Stimmen der Opposition, gegen alle Experten, gegen Vertreter von Kirchen, Verbänden, Organisationen – dabei jedoch unter dem Applaus der AfD – das sogenannte neue bayerische „Integrationsgesetz“ beschlossen.

Integration findet schon immer statt, wird seit jeher menschlichem Dasein immanent gelebt. Jeder Umzug, da muss man nicht an Flucht und Vertreibung, sondern nur an den Umzug in einen anderen Stadtteil denken, verlangt ein Maß an Integration und diese verlangt allen Beteiligten viel ab. Funktionierende Integration ist mit gegenseitiger Rücksichtnahme, Toleranz und Offenheit unabdingbar verbunden. Warum man für solche Selbstverständlichkeiten im Jahr 2016 plötzlich ein – noch dazu singuläres – Landesgesetz braucht, erschließt sich intuitiv nicht; aber man kann sich die Inhalte dieses neuen Gesetzes ja mal ansehen.

In diesem heißt es ganz zu Anfang (Präambel):

„Ganz Bayern ist geformt von gewachsenem Brauchtum, von Sitten und Traditionen. Dieser identitätsbildende Grundkonsens wird täglich in unserem Lande gelebt und bildet die kulturelle Grundordnung der Gesellschaft (Leitkultur). Diese zu wahren, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern und Migrantinnen und Migranten zu einem Leben in unserer Gesellschaft zu befähigen, ist Zweck dieses Gesetzes.“

Im Vorfeld der Verabschiedung war kein einziger Abgeordneter, kein Regierungsmitglied der CSU in Bayern in der Lage, den Begriff der „Leitkultur“ zu definieren. Ein gewisser Markus Blume, der in der Partei für sog. „Grundsatzfragen“ verantwortlich ist, ließ sich wie folgt zitieren: „Die Werteordnung und Prägung des Landes anerkennen, kulturelle Traditionen respektieren, sich an die Gepflogenheiten des Alltags halten, andere Lebensweisen tolerieren.“ (SZ vom 25.09.2016) Gut, aber: „Sich an die Gepflogenheiten des Alltags halten“ – ja, gerne, aber will sich Herr Blume tatsächlich an die Gepflogenheiten meines Alltags halten? Oder welchen Alltag meint er? Seinen? Den seiner Frau? Den in der Schule am Elisabethplatz, genauer im dortigen Sekretariat? Den aller Bewohner des Hauses in der Blumenstraße 13? Und „andere Lebensweisen tolerieren“ – auch gerne, aber das ist es ja gerade nicht, was die CSU mit dem Gesetz bezweckt, außer es handelt sich um unsere Lebensweise.

Einige Regelungen im Detail:

Zur Präambel:

„Ganz Bayern ist geformt von gewachsenem Brauchtum, von Sitten und Traditionen“. Ja, ganz Bayern, wie ebenso ganz Hessen, ganz Niedersachsen, ganz Deutschland, ganz Europa, ganz Timbuktu und die ganze Welt seit der Besiedelung durch den Menschen geformt wurde und wird. Kultur ist immer etwas Gewachsenes, hat sich immer weiterentwickelt und wird sich immer weiterentwickeln – und gerade auch in Bayern mit beeinflusst durch Flüchtlinge und Immigranten, was zumal der CSU durch die historische Verbundenheit mit den zu uns geflüchteten, heimatvertriebenen Sudetendeutschen (und zumeist CSU-Wählern…) bewusst sein sollte. Warum eine solche banale Selbstverständlichkeit in der Präambel?

Zum Artikel 1:

Integrationsziel ist es, „in Bayern berechtigt Schutzsuchenden das Leben zu erleichtern, aber…“ – Ja, was, wieso dann „aber“? Natürlich haben sich Flüchtlinge zu integrieren. Das verlangt nicht nur der gesunde Menschenverstand, das verlangt auch ein gewisser sozialer und finanzieller Druck und im letzten Schritt auch unsere Rechtsordnung. Und (nahezu) alle Flüchtlinge tun das auch, wie ich zwischenzeitlich auch aus eigener Erfahrung in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe weiß. Und natürlich muss gegenläufig Unterstützung diesbezüglich geboten werden. Aber einen Menschen, der meist unfreiwillig sein Land und sein Eigentum verlassen hat, nahezu immer traumatisiert ist, großes Leid, Unsicherheit und Ängste durchlebt hat und das noch im Zuge einer Globalisierung, die vor allem bayerischen Waffenschmieden hervorragende Geschäfte beschert, einen Menschen, der versucht, sich eine irgend geartete neue Existenz in der Fremde aufzubauen, gesetzlich auf eine unbestimmte Leitkultur („Gepflogenheit des Alltags“) zu verpflichten, von der nicht einmal die Gesetzesväter wissen, was diese eigentlich genau ist, das ist menschverachtend und absolut mitleidslos.

Nebenbei, was auch festzustellen ist: Benachteiligte Gruppen aus politischen Gründen gegeneinander auszuspielen ist zynisch. Es ist Fakt, dass es Menschen in Deutschland und auch in Bayern gibt, die am oder unterhalb des Existenzminimums leben, keine Chance haben, auch mit dem Mindestlohn oder mit ihrer Rente ein annähernd würdiges Leben zu führen, ihren Kindern kaum Zukunft bieten oder bieten können oder gar ganz abgehängt sind. Ja, diese Menschen werden meist in einer Weise von unserem sozialen Netz aufgefangen, damit gleichzeitig aber in der Spirale gehalten und das absehbar auf die nächsten Generationen, wie die nicht vorhandene Bildungsdurchlässigkeit belegt. Aber Ängste zu schüren, Flüchtlinge würden „uns“ etwas wegnehmen oder gar mehr bekommen, als hier Geborene (eine Angst, die übrigens ironischerweise gerade auch bei sehr Wohlhabenden vorhanden ist), ist zynisch und fahrlässig. Zumal die CSU in Jahrzehnten in der Regierung oder Regierungsbeteiligung in Bund und Land genau diese Zustände mit hervorgebracht und bis heute kein wirkliches Interesse an einer Änderung hat.

Es geht im deutschen Migrations-/ Asylrecht immer um berechtigt Schutzsuchende nach dem Grundgesetz, also um politisch Verfolgte, um Menschen, die Folter erlitten haben, vor Krieg fliehen oder ganz allgemein um Leib und Leben fürchten. Was gibt es da zu diskutieren, zumal es mit der sog. „Drittstaatenregelung“ ohnehin schon zu einer massiven Einschränkung gekommen ist? Und wie wir künftig mit den sog. „Wirtschaftsflüchtlingen“ umgehen werden (müssen) – wie auch immer eine solche Bezeichnung für Menschen jemals passend (definiert) sein sollte – bleibt abzuwarten. Die Hoffnung, auf Dauer unseren Lebensstandard zu Lasten der Ärmsten dieser Welt aufrecht zu erhalten, wird eine trügerische sein.

Artikel 4:

Hier verpflichtet sich der Staat ausdrücklich nicht dazu, Deutschunterricht anzubieten, stellt die Nichtteilnahme an diesen Kursen für die Migranten aber unter Leistungsvorbehalt. Ja gut, an einem Kurs, den es nicht gibt, kann der Migrant nun mal nicht teilnehmen, wird dann aber für die Nichtteilnahme finanziell sanktioniert. Andererseits genial: Mit den gekürzten Leistungen an die Migranten kann der Staat wiederum doch Sprachkurse anbieten und somit finanziert sich der Migrant seinen Sprachkurs selbst! Warum ist nur früher niemand auf diesen einfachen Trick gekommen?

Artikel 10:

Hier werden Kitas, Schulen, Hochschulen und die Wirtschaft zur Integration der Flüchtlinge verpflichtet. So weit, so nachvollziehbar. Aber diese Verpflichtung beruht wiederum auf einer Förderung in Richtung der Leitkultur. Einer Leitkultur, die sich als Kultur per se – wie die CSU ja in der Präambel selbst schreibt – entwickelt, also auch durch den Einfluss von Migranten, andererseits von der CSU aber nicht wirklich definiert werden kann. Wer soll das verstehen?

Artikel 17a:

Wenn es sich wirklich, wie postuliert, um ein Integrationsgesetz handeln soll, stellt sich folgende Frage: Warum erhält die Polizei grundsätzlich und immer ab sofort erweiterte Kompetenzen in Flüchtlingsunterkünften? Hier geht es um Abschreckung, nicht um Integrationsgedanken. Hier offenbart sich der wahre Geist dieses Gesetzes als eben nicht Integrationsgesetz sondern als verbriefte Ab- und Ausgrenzung. Hier werden fahrlässig (und letztlich schlicht dumm) Vorurteile befeuert und Ängste geschürt. Denn: Jeder der gegen unsere Gesetze verstößt, wird selbstverständlich bestraft, wie auch bisher schon. Und dazu reichen die vorhandenen Kompetenzen der Polizei vollkommen aus.

Zusammenfassend hat man das Gefühl, dass man Aufklärung, Bildung, Information, parlamentarische und politische Arbeit, Prävention, usw. scheut und dieses Gesetz als vermeintlich einfachen Antwortversuch auf die AfD nach dem Motto „Genau und Jawoll!“ auf den Weg gebracht hat. Vermutlich werden die gleichen Wähler dieses Gesetz gut finden, die wegen des Versprechens der Einführung (!) einer Maut die CSU (als übrigens klassische „Brücken-, und Straßeneinweihungspartei“) gewählt haben, nach dem Motto: „Wenn ich in Italien zahlen muss, dann müssen die Italiener auch bei uns zahlen.“ Diese Logik hat sich mir bis jetzt nicht erschlossen, fußt wohl eher auf derartig kleinkariertem Denken, dass es einem ganz anders werden kann. Denn: Egal, dass deswegen die Maut des deutschen Urlaubers in Italien ja nicht weniger und es absehbar auch zu Mehrkosten für deutsche Autofahrer kommen wird und dass das dann exakt die Menschen sind, die gerne über steigende Kosten der öffentlichen Hand oder Pensionsansprüche deutscher Staatsbediensteter wettern – Hauptsache der Italiener zahlt jetzt endlich auch bei uns! Jawoll!

Nicht umsonst machen sich die Denker seit der Antike Gedanken um Primär- oder Kardinaltugenden, die den Menschen als Menschen ausmachen. Eine mögliche Aufzählung wäre die Siebenzahl der weltlichen und christlichen Tugenden, die da sind: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Glaube, Hoffnung, und Liebe. Und diese Tugenden sind universal.

Wiederkehrend jedoch, wenn es in Gesellschaften an einer Ausbildung der menschlichen Primärtugenden mangelt, werden Sekundärtugenden wie beispielweise Fleiß, Pünktlichkeit oder Disziplin und damit vermeintlich bürgerliche Tugenden oder auch Traditionen (Gepflogenheiten des Alltags!) in Abgrenzung zum Anderen, zum Fremden festgemacht, die rein einer instrumentellen, funktionalen und störungsfreien Aufrechterhaltung einer Gesellschaft, einer Gesellschaftsordnung dienen oder dienen sollen. Und das ist es, was die CSU mit diesem Gesetz bezweckt bzw. den „besorgten Bürgern“ suggerieren will und nichts anderes.

Ohne den deutschen Positivismusstreit der 1970/ 1980er-Jahre hier thematisieren zu wollen, sei nur der Vollständigkeit darauf hingewiesen, dass diese bürgerlichen Sekundärtugenden im Wesentlichen dem „Katalog der preußischen Tugenden“ entstammen und protestantisch-calvinistische Wurzeln haben. Ja, hat denn da in der bayerischen CSU niemand nachgedacht? Preußische Tugenden und dann noch protestantisch? Oder werden Preußen und Protestanten zwischenzeitlich etwa als tatsächlich kulturstiftend anerkannt, zumal, wenn es gegen das wirklich Fremde, den – Achtung – Flüchtling! geht? Die Verzweiflung in der CSU muss schon sehr groß sein.

Was wäre denn alternativ, die Menschen auf die Primärtugenden oder einen Teil davon zu verpflichten, diese zumindest zu stärken? Dazu bräuchte man sich kein Gesetz ausdenken. Hier muss man investieren, ja, vor allem Zeit und Mühe, in eben Kultur, in Köpfe und Gedanken, in Herzen, in Bildung und Wissen, in das Verständnis von Zusammenhängen, in Toleranz und in ein Vertrauen auf die Zukunft und in die Tatsache, dass die Menschen gemeinsam die Möglichkeit haben, sehr viel zu schaffen. Das kostet Zeit und Geld und ist sicherlich mühsam, aber mit einer langfristigen Aussicht auf Erfolg ein aus meiner Sicht unabdingbar anzupackendes und unbedingt lohnendes Projekt!

Zuletzt: Wenigstens gibt es eine Formulierung in diesem Gesetz, die zumindest Anlass zu einem kleinen (oder auch großen) Grinsen bietet. Diese Formulierung wurde sicherlich aus EU-Recht-Konformitätsgründen eingefügt, entfaltet gleichzeitig unter dem Blickwinkel der Leitkulturdebatte wirklich allergrößte Ironie: Die Verpflichtung zu „Grundkursen in Staatskunde“ bei Missachtung der Rechts- aber auch der Werteordnung (!) (Artikel 13) sowie der Besuch von Schwimmbädern erst nach potentieller „Belehrung zu den in den Einrichtungen geltenden Sitten und Gebräuchen“ (Art. 17a) richtet sich ausdrücklich auch an alle EU-Bürger und namentlich auch an Deutsche.

Hervorragend! Ich persönlich empfehle allen CSU-Wählern, zumindest den Vertretern der Einführung eines solchen Gesetzes, den Besuch eines Grundkurses in Staatskunde. Denn diesem Gesetz zu applaudieren, missachtet zumindest meine Werteordnung fundamental.

In diesem Sinne – frohe Weihnachten, allen ein friedliches Fest der Liebe und ein offenes, tolerantes, gutes neues Jahr 2017!


Zum Weiterlesen:

Die Süddeutsche Zeitung in der täglichen Berichterstattung, aber u.a. auch vom 25.09.2016 mit dem Bericht über die verzweifelt und damit urkomisch anmutenden Versuche der CSU, eine explizit bayerische Leitkultur zu definieren. Lesenswert! http://www.sueddeutsche.de/bayern/einwanderung-was-ist-die-bayerische-leitkultur-1.3176129

Die Artikel des neuen „Integrationsgesetzes“ (oder dem, was sich zumindest so nennt), sind entnommen der Augsburger Allgemeinen vom 10.12.2016, S. 12. In dieser Ausgabe findet sich auch ein hervorragender Leitartikel zum Thema des von der CSU zumindest anfangs tolerierten Applauses seitens der AfD zum Gesetzesbeschluss sowie ein Interview mit einem Erziehungswissenschaftler u.a. zur Tatsache, wie auch Migranten (schon immer) die Werte unserer Gesellschaft und die Entwicklung unserer Kultur beeinfluss(t)en.

Nach wie vor lesenswert: Das Deutsche Grundgesetz, das auch aus der Erfahrung des Dritten Reichs (mit den dort postulierten vermeintlich deutschen Sekundärtugenden) genau so und nicht anders geschrieben wurde.

Zum Thema der „Tugenden“ seien exemplarisch empfohlen: Platon, Thomas von Aquin, der Apostel Paulus und natürlich Immanuel Kant, der alleine den guten Willen als Primärtugend gelten lässt.

Zum Begriff der „Werte“ empfehle ich exemplarisch selbstverständlich ebenfalls Platon mit seiner „Idee des Guten“, aber auch Max Scheler und Erich Fromm. Und ganz aktuell hat der Freiburger Philosoph Andreas Urs Sommer eine Monographie veröffentlicht mit dem Titel: Werte, warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt. (Stuttgart 2016) Sommer zeigt u.a. auf, wie sehr moderne Gesellschaften auf immerwährende Wertedebatten angewiesen sind und warum viele Menschen der Meinung sind, dass wir unumstößlich(e) Werte brauchen.


Zum Beitragsbild (Walter Carone: Fernandel als Don Camillo in Cinecittà, Februar 1953, Verlag Gebr. König, Köln): Was wäre denn dann – in Analogie zur vermeintlich speziell bayerischen Leitkultur – eine genuin italienische?
Ich bin überzeugt, die Figur des Don Camillo verkörpert universal viel von dem, was uns allen gut täte und da denke ich nicht zuvorderst an die speziell religiöse Komponente.


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Die Großstadt als Ort des Widerstands – am Beispiel von Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“.

Wiederkehrend wird Hans Fallades Roman Jeder stirbt für sich allein quasi wiederentdeckt – aktuell durch die in den Kinos anlaufende gleichnamige Filmproduktion mit Brendan Gleeson, Emma Thompson und Daniel Brühl unter der Regie von Vincent Perez. Das Thema hat nichts an der Faszination bezüglich möglicher Abgründe menschlichen Verhaltens verloren und dient auch heute noch als Parabel für das, was fehlende Menschlichkeit und die Angst vor dem Anderen, Fremden in sozialen Bezügen hervorbringen kann.
Gleichzeitig kann das Buch als Begründung von „Angst“ als konstituierendem Merkmal menschlichen Verhaltens und als Beispiel für die Tatsache praktizierten Widerstands (hier in der Großstadt dienen); Themen, mit denen ich mich nachstehend auseinandersetze.

In seinem Vorwort zum Roman Jeder stirbt für sich allein nennt Fallada die beiden Hauptfiguren des Romans, Otto und Anna Quangel, zwar „Gestalten der Phantasie“. Gleichwohl basiert das Buch auf dem Vorbild des Berliner Arbeiter-Ehepaars Otto und Elise Hampel und deren Widerstand gegen die NS-Diktatur in den Jahren 1940 bis 1942, die sich mit selbstverfassten Karten und Briefen gegen die NS-Diktatur wehren. Ausschlaggebend hierfür ist im Roman der Tod des gemeinsamen Sohnes Otto im Felde.

1. Geschichtliches

Berlin zählte zu Beginn des Zweiten Weltkriegs rund 4,2 Millionen Einwohner, war damals als deutsche Hauptstadt auch die größte Stadt des Landes. Zu dieser Zeit existierten in Deutschland 52 Großstädte, definiert durch eine Einwohnerzahl von mindestens 100.000 Menschen.

Durch die Tatsache bedingt, dass Berlin zentraler Rüstungsstandort sowie Industriestandort war, wuchs die Stadtbevölkerung alleine im Zeitraum der zwanziger Jahre bis 1933 um eine Million Einwohner. Diese Urbanisierung veränderte die Stadtgesellschaft maßgeblich, die Arbeiterquartiere wuchsen, Wandel, sowie Tempo und Verdichtung prägten das Großstadtleben. Durch die Einteilung in 20 Stadtbezirke war Berlin dezentral aufgebaut – anders als andere Metropolen, wie London oder Paris.

Berlin war eines der Zentren der Künste (Theater, Gesang, Film, Varieté) in den „Goldenen zwanziger Jahren“; auch bedingt durch die russische Revolution kam von dort die künstlerische, intellektuelle Elite nach Berlin. Die Stadt war eine der Hochburgen des Kommunismus sowie der Sozialdemokratie. Dies zeigte sich auch (zumindest bis zur Weltwirtschaftskrise 1929/30) in den schwachen Wahlergebnissen der NSDAP zu Zeiten der Weimarer Republik, die jeweils weit unter dem deutschen Schnitt lagen. Den Gegensatz zu den „roaring twenties“ bildete die Wirtschaftskrise (Inflation, Arbeitslosigkeit) nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg.

Durch die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, den Reichstagsbrand sowie das Ermächtigungsgesetz (alles im Jahre 1933) und im Zuge der politisch und wirtschaftlich schwierigen Lage, übernahm die NSDAP die Macht. Kommunisten und Intellektuelle (aber auch Homosexuelle, Sinti und Roma) wurden in Konzentrationslager deportiert, ebenfalls ab 1933 wurde von den Nationalsozialisten an der „Endlösung“ der Judenfrage gearbeitet. Diese Entwicklungen hatten auch Einfluss auf die Einwohnerstrukturen Berlins; während Regimegegner und Juden zu zehntausenden deportiert wurden (allein 55.000 ermordete Juden in Berlin), bzw. emigrierten (über 100.000 Juden aus Berlin), wuchsen die Arbeiterviertel rasant.

Das sehr gut ausgebaute Verkehrsnetz (Bus, Straßen-, Hoch-, U-Bahnnetz der BVG, damals als weltweites Vorbild des öffentlichen Nahverkehrs) führte dazu, dass die Arbeiterviertel nicht zwingend in unmittelbarer Nähe zu den Produktionsstandorten liegen mussten. Das typische „Berliner Mietshaus“ als Mietskaserne (mit Vorderhaus, Seitenflügeln und Hinterhaus – wie es auch Fallada schildert) stammte noch aus der städtebaulichen Entwicklung während der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts. Auch die Infrastruktur mit Straßen- und Abwassersystem entstand in dieser Zeit.

2. Die Großstadt als Ort des Widerstands

Während München als Hauptstadt der Bewegung und Geburtsstätte des Nationalsozialismus bezeichnet wird, gilt Berlin als die Hauptstadt des Widerstands.
In Berlin gab es zahlreiche Formen des Widerstands – angefangen von den Attentätern des 20. Juli 1944 (um Graf von Stauffenberg), die sich regelmäßig in Berlin versammelten, bis zum Ehepaar Hampel mit ihren handgeschriebenen Karten und Briefen. Vor allem linke Gruppen und Kommunisten waren maßgeblich in Berlin aktiv. Zu nennen wären exemplarisch die Gewerkschaften, die SPD und die KPD. Mitglieder dieser Gruppen und Parteien gehörten zu den meistverfolgten „Illegalen“ in Berlin. Die Vorwürfe lauteten von Vorbereitung zum Hochverrat über den Landes- und Hochverrat bis zur Heimtücke und Wehrkraftzersetzung. Der Großteil dieser Menschen wurde Opfer der Nationalsozialisten. Wesentlicher Widerstand in Berlin entstand aus der Arbeiterschaft – nicht aus bürgerlichen Kreisen.

Fallada überträgt diese Tatsachen im Wesentlichen in seinen Roman unter Darstellung des mehr oder weniger unorganisierten Widerstands im Kleinen und Verborgenen.

 3. Örtlichkeiten, Wohnsituation, Anonymität

Jeder stirbt für sich allein ist insofern ein Großstadtroman, als Berlin (mit seinen Straßen, Häusern, markanten Punkten) den Hintergrund bildet und im Wesentlichen das Leben der Arbeiter (mit ihrem Dialekt, ihrer Wohnsituation, ihren Arbeitsstellen) geschildert wird. Dargestellt werden typische Merkmale der Großstadt mit Gedränge in der U-Bahn, der Elektrischen oder Geräuschen in einem Bürohaus.

Fallada verlegte den Wohnort des Ehepaars Quangel in die Jablonskistraße 55 im Stadtteil Prenzlauer Berg im Osten der Stadt, nahe dem Alexanderplatz. Somit erfolgt eine Verlegung vom damaligen (französischen) Westsektor in den (sowjetischen) Ostsektor. Die Hampels, als Vorbilder des Romans, lebten tatsächlich in der Amsterdamer Straße 10, Berlin-Wedding. Andere markante Punkte und Adressen entsprechen den Tatsachen, u.a. das Polizeipräsidium am Alexanderplatz oder das Gefängnis Plötzensee, in welchem auch Otto Quangel im Roman hingerichtet wird.
Dem historischen Hergang entsprechend wurden die meisten der Postkarten gegen das NS-Regime von Otto Hampel tatsächlich in und um Wedding abgelegt. Demgegenüber dreht Fallada im Roman diese Tatsache um: Der Kommissar Escherich kommt Otto Quangel auch deswegen auf die Spur, als dieser gerade um seinen Wohnort herum keine Karten verteilt (lediglich die eine vergessene Karte wird dann in der Wohnung der Quangels gefunden). Vielmehr markiert der Kommissar u.a. nördlich vom Alexanderplatz die Fundorte der Postkarten und Briefe mit seinen roten Fähnchen im Stadtplan, die Ausnahme bildet der Bereich um die Jablonskistraße, der unmarkiert bleibt. Die Topographie Berlins spielt also bei der Jagd nach Otto Quangel durchgehend eine wichtige Rolle.

Das Haus in der Jablonskistraße 55 wird im Roman als Mietshaus in der Berliner Tradition geschildert. Mehrere Mietparteien wohnen unter einem Dach, das Haus besteht typischerweise aus Vorder- und Hinterhaus sowie Innenhof. Bereits in den ersten Kapiteln werden die Bewohner im Wesentlichen vorgestellt: So wohnen hier die Quangels (Otto als Werkmeister), die Persickes (der Vater als ehemaliger Kneipier) und der arbeitslose Denunziant, Dieb und Spitzel Emil Barkhausen. Auf der anderen Seite werden als Bewohner aber auch die Juden Rosenthal (ehemalige Eigentümer eines Wäschegeschäfts, der Mann zu Beginn des Romans bereits verhaftet) sowie der ehemalige Kammergerichtsrat Fromm vorgestellt. Damit entspricht diese Schilderung einer typischen Wohnsituation mit sozialer Durchmischung in Berlin, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts zur Vermeidung von Slums (anders als z.B. in London) geschaffen wurde.

Das Haus kann durch die Wahl und Darstellung der Mietparteien als Art Miniaturausgabe des Dritten Reichs und als das genaue Gegenteil einer Hausgemeinschaft definiert werden. Tatsächlich finden sich in der Personenauswahl viele Protagonisten des Dritten Reichs wieder (Partei- und SS-Angehörige, Mitläufer, Arbeiter, Denunzianten, Juden, Widerständler, usw.). In Falladas Roman ist eine strenge Typisierung der Figuren feststellbar. Auf der einen Seite stehen die Widerstandskämpfer (Otto Quangel, die Frauen in Form von Anna Quangel, Trudel Hergesell und Eva Kluge) und die Helfer (Rat Fromm, Dr. Reichhardt, Pastor Lorenz). Demgegenüber stehen die Gegenspieler (in Form der Gestapo, vertreten durch Kommissar Escherich, die Nazis, wie der Obergruppenführer Prall) sowie die Handlanger (die Familie Persicke, Enno Kluge und Emil Barkhausen). Die Sympathien sind fest verteilt: Während Quangel mit der Zeit dazugewinnt, sind die genannten Frauen (wie bei Fallada vielfach feststellbar) durchwegs positiv gezeichnet. Die Gestapo tritt – mit Ausnahme von Kommissar Escherich, der zuletzt fast Menschlichkeit gewinnt – betrunken, feist und schreiend auf.

Berlin dient also als authentische Kulisse, das Berlin mit seinem Dialekt, seinen Straßen, Kneipen, Hinterhöfen, Häusern. Fallada entwickelt ein realistisches Bild vom Leben der sog. „kleinen Leute“‘ im Berlin der NS-Zeit und folgt damit einer neusachlichen (antiexpressionistischen) Forderung nach Realitätsnähe und Aktualität.

Interkulturelle Differenzen, also die Begegnung verschiedener Völker oder Gemeinschaften spielen im Roman eine untergeordnete Rolle. Die Differenz der Kulturen, ausgedrückt in der ästhetischen, der moralischen und der weltanschaulichen Dimension, wird im Roman Jeder stirbt für sich allein weitgehend ausgespart. Die Rolle der Juden und ihre Vernichtung während der NS-Herrschaft werden von Fallada nur am Rande thematisiert. Das Ehepaar Quangel wird von Fallada beschrieben als „keine Judenfreunde“ – wie die Mehrheit der Deutschen. Ansonsten  wird dieser Aspekt des Dritten Reichs aber weitestgehend ausgespart. Der Anlass der Quangels für ihre Form des Widerstands im Roman ist (alleine) der Tod des Sohnes.

Die Kriegsgegner Deutschlands spielen ebenso kaum eine Rolle. Lediglich Frankreich kommt eine etwas herausgehobene Rolle zu. So wird bereits am Anfang des Romans die Kapitulation Frankreichs thematisiert (was dann zugleich die zeitliche Einordnung und den Beginns der Handlung – das Jahr 1940 – anhand der historischen Gegebenheiten zulässt). Dieses Ereignis zieht sich anfangs durch den Roman, ist als Zeitgeschichte (neusachlich) aktuell und zeitnah, ohne dass jedoch interkulturelle Aspekte weiter beleuchtet werden.

Viel interessanter sind die intrakulturellen Begegnungen und Differenzen. Die Inhomogenität der Gesellschaft, die verschiedenen kulturellen Orientierungen der einzelnen Mitglieder, ob ideologisch, berufsbezogen, sozial oder anderweitig differenziert, sind zu untersuchen. Dabei verhalten sich die Quangels, Dr. Fromm, Dr. Reichhardt, Pastor Lorenz, Eva Kluge, Grigoleit und der Säugling (letztere im Rahmen einer kommunistischen Zelle) abweichend zum Großteil der Gesellschaft, indem sie – jeder auf seine Art und Weise und mit unterschiedlichem Erfolg – Widerstand leisten. Dies wird auch deutlich darin, als jeder der Widerständler sich der herrschenden Moral (oder Nicht-Moral) im Dritten Reich widersetzt. Die Anonymität der Großstadt spielt im Roman eine große Rolle, alleine dadurch kann Otto Quangel seine Art des Widerstands durchführen. In willkürlich gewählten mehrgeschossigen Berliner Häusern (oftmals Bürohäuser, Häuser mit Arztpraxen, aber auch mit Privatwohnungen) legt Quangel die Karten immer im Treppenhaus ab. Gerade die (Groß-)Stadt bietet Anonymität, die fehlende Bekanntschaft der (Hauswand an Hauswand nebeneinander wohnenden) Bewohner untereinander. Fallada beschreibt diese Anonymität gerade als den großen Vorteil von Otto Quangel.

4. Das Andere, Fremde

Angst kann als konstruktives und konstituierendes Merkmal dieses Romans bezeichnet werden, Angst wird zum ausschlaggebenden Paradigma der grundlegenden Krisenstimmung und die Protagonisten unterliegen vollkommen ihrer Angst. Das Motiv der „Angst“ zieht sich durch den ganzen Roman, was wieder als (Zeit-)Aktualität und realistische Darstellung gedeutet werden kann. So sind (v.a. die Täter-)Figuren alle angstbeladen und Fallada spielt mit den spezifisch kleinbürgerlichen Ängsten und Hoffnungen. Alleine schon mit dem Anwachsen der Stadt, mit dem Moloch Berlin kann Angst assoziiert werden. Und im Kleinen, in einem winzigen Ausschnitt Berlins, spielen sich die gleichen Mechanismen ab, wie im Großen, im Weltgeschehen.

Fremd ist immer der Andere: Fremd sind sich alle im Roman – auch bedingt durch die herrschende Angst, erzählt aus der Perspektive und im Überlebenskampf eben des kleinen Mannes bei Fallada. Angefangen bei den Quangels, die sich trotz des langen Zusammenlebens fremd geblieben sind, Otto Quangel, dem sein Sohn stets fremd geblieben ist, die Entfremdung der Eva Kluge von Mann und Söhnen, der Kriminalkommissar Escherich, dem die NS-Vorgesetzten fremd bleiben, Fremdheit in Form verschiedener Zellengenossen und –genossinnen von Anna und Otto Quangel, die Fremdheit in den anderen geschilderten Familien. Die bei Fallada öfter auftretende Fremdheit bzw. das Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Land wird auch in Jeder stirbt für sich allein thematisiert. So werden die Eltern der Anna Quangel, das Ehepaar Heffke, als in ihrem armen Dorfsitzend charakterisiert, als hart arbeitende Menschen und Parteimitglieder, dem Führer ergeben.

Das Fremde ist immer auch das Unvertraute. So gibt es im Roman nur wenige „Lichtblicke“ der Annäherung. Hierunter fallen könnten (zeitweise) die Hergesells, durch ihre Liebe und die Abneigung gegen das Dritte Reich verbunden. Zu nennen wären auch Eva Kluge und ihr neues Glück mit Mann und Sohn auf dem Lande. Zuletzt entwickelt sich zwischen den Quangels eine Vertrautheit: Das sonntägliche Schreiben der Postkarten sowie ein gegenseitiges Verständnis im Gerichtssaal. Diese Darstellung widerspricht aber (wie mehrfach nachgewiesen) der Wirklichkeit: In Wahrheit haben sich die Eheleute nach der Verurteilung zum Tode gegenseitig beschuldigt und versucht, auf Kosten des jeweils anderen eine Begnadigung zu erreichen. Die Fremdheit und Abgrenzung stellt wiederum eine Beschreibung der Tatsachen, der Realität dar. Die Weimarer Republik und das Dritte Reich mit all den Verdrängungen des Er- und Durchlebten hatten innerhalb der Familien, innerhalb der Gesellschaft gerade auch diese Fremdheit hinterlassen. Am Ende liegt dann nicht nur Berlin in Trümmern, auch die (moralischen) Beziehungen der Menschen untereinander sind endgültig zerstört.

Fallada setzt – aus seiner Sicht – mutigen Menschen, die im Kampf mit dem System untergegangen sind, ein literarisches Denkmal. Der Roman gilt als das erste antifaschistische Buch der Nachkriegszeit.


Zum Weiterlesen:

Fallada, Hans: Jeder stirbt für sich allein. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 5. Auflage 2011

Berlin im Nationalsozialismus – Politik und Gesellschaft 1933 – 1945, Hg. von Rüdiger Hachtmann, Thomas Schaarschmidt und Winfried Süß. Göttingen: Wallstein Verlag 2011 (= Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Band 27)

Giebel, Wieland: Berlin Geschichte. Berlin: Berlin Story Verlag 2009

Hans Fallada, Autor und Werk im Literatursystem der Moderne. Hg. von Patricia Fritsch-Lange und Lutz Hagestedt. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG 2011

Hans Fallada, Beiträge zu Leben und Werk. Hg. von Gunnar Waldeck und Roland Ulrich. Materialien der 1. Internationalen Hans-Fallada-Konferenz in Greifswald vom 10.06. bis 13.06.1993. Rostock: Hinstorff Verlag 1995

Kuhnke, Manfred: Falladas letzter Roman. Die wahre Geschichte. Friedland: Steffen Verlag GmbH 2011

Schmiechen-Ackermann, Detlef: Nationalsozialismus und Arbeitermilieus. Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. GmbH 1998

Zurek, Adam: Psychologie der Entfremdung. Kröning: Asanger Verlag GmbH 2006

Williams, Jenny: Mehr Leben als eins. Hans Fallada – Biographie. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG 2011


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Donald Trump als US-Präsident – und darum ist das gut!

Donald Trump wurde soeben – aller Voraussicht nach – zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt, Hillary Clinton hat verloren.

Nach einem Experiment „Barack Obama“ als erstem schwarzen Präsidenten der USA scheint eine solche Wende unvermeidlich gewesen zu sein; zu sehr hat Obama enttäuscht, zu sehr war er (trotz seiner Wiederwahl) in weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung verhasst. Und zu groß waren die Vorbehalte gegen Hillary Clinton, leider nicht zuletzt, weil sie eine Frau ist.

Aber die Wahl Trumps hat aus meiner Sicht viele Vorteile, ich behaupte sogar, diese Wahl ist (auf lange Sicht) gut. (Auf kurze Sicht werden das zumindest vier Jahre ungewisser, unberechenbarerer Politik in den USA, in denen viele Weichenstellungen relativiert – man denke an Obama-Care, Klimaabkommen, usw. – werden können.)

Aber folgende Punkte sprechen meines Erachtens für eine langfristige positive Perspektive, die sich mit der Wahl Trumps verbinden lässt:

  1. Hillary Clinton repräsentiert eine überkommene Vorstellung demokratischer (in Deutschland würde man sagen: links-mitte-liberaler) Politik. Nicht zuletzt die Nähe zur Finanzwirtschaft, die Unregelmäßigkeiten bei Spenden (zumindest Bill Clintons) aus der Wirtschaft und ein auf jeden Fall fragwürdiges Verständnis des Umgangs mit privaten bzw. sensiblen Daten sprechen hier eine klare Sprache. Ein „weiter so“, d.h. ein Zementieren des Status quo hätte ebenso vier „verlorene“ Jahre mit sich gebracht.
  2. Eine Präsidentin Clinton hätte sich in vier Jahren nach meinem Dafürhalten einem noch radikaleren, populistischeren Herausforderer stellen müssen. Wirklich zukunftsweisende Entscheidungen wären in den Clinton-Jahren nicht zu erwarten gewesen (vgl. die Nähe zur Wirtschaft, w.o.). Nach der schon unfassbar dummen und armseligen Sarah Palin war Donald Trump im konservativen Lager der aktuellen Prägung in den USA die logische Fortsetzung. Wer wäre also die nächste, noch extremere Steigerung gewesen?
  3. Wie bereits beim Brexit haben sich wohl vor allem ältere Wähler für die radikale Lösung entschieden; jüngere Wähler haben zwar kritisch, aber doch reflektiert für zumindest das kleinere Übel (hier Clinton) gestimmt.
  4. Donald Trump lässt sich alleine von wirtschaftlichen Interessen leiten. Daher sind kaum Entscheidungen zu erwarten, die „ihn“ tatsächlich Geld kosten würden. Die Turbulenzen an den Börsen aktuell sind sicherlich Alarmsignal genug, dass die US-amerikanische Wirtschaft Druck auf die Republikaner ausüben wird. Und dann hat auch Trump ja Berater, zudem sind – auch internationale – Vereinbarungen nicht ohne weiteres einseitig zu kündigen.
  5. Die Demokraten haben jetzt die Chance, einen wirklichen, zukunftsfähigen Kandidaten oder eine Kandidatin aufzubauen. Das erfordert Mut, Zeit und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Aber die Chance sollte ergriffen werden!

Nach der Welle zumeist linker Regierungen weltweit in den 90-er-Jahren (Deutschland, Frankreich, Spanien, GB, die USA, viele Länder Südamerikas) ist das jetzt eine extreme Gegenbewegung. Dieses aber nicht zuletzt, weil sich linke Politik an rechte angeglichen hat, weil der sog. Neoliberalismus sich gerade in dieser Zeit endgültig etabliert und die Linke den Menschen aus den Augen verloren hat.

Ich glaube fest daran, dass die aktuellen Tendenzen in vielen Ländern, teilweise auch extrem nach rechts zu kippen, der Vorbote für ein neues, echtes linkes Projekt sein können. Eine fremdenfeindliche, chauvinistische, faktenleugnende, realitätsverweigernde, letztlich menschenverachtende Politik kann keine Zukunft haben. Gerade die heute jungen Menschen haben es in der Hand und mehrfach bewiesen, Verantwortung übernehmen zu können und zu wollen.

Dazu benötigt es aber eine wirklich linke Bewegung, die sich auf ihre ursprünglichen Ideen besinnt, das Wohl der vielen gegen das Wohl Einzelner wieder in den Vordergrund rückt, also das Gemeinwohl, den Menschen und nicht ein singuläres Gewinnstreben in den Mittelpunkt und persönliche Interessen hintan stellt, eine Vision entwickelt und auch international zusammenarbeitet. Das wäre eine wahre Revolution.

Packen wir es an!


Zum Weiterlesen:

(Mal wieder) Slavoj Žižek, der eine noch radikalere, dabei vielleicht sogar noch hoffnungsvollere Haltung einnimmt als ich, vgl. u.a. hier:

http://inthesetimes.com/features/zizek_clinton_trump_lesser_evil.html


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Der fußballspielende senegalesische Ministrant.

Der Generalsekretär der bayerischen Regionalpartei „CSU“ hat in einem Interview Aussagen von sich gegeben, die im Kern folgenden Inhalt hatten: „Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist. Weil den wirst du nie wieder abschieben.“ Zur Verteidigung führt Scheuer an, er habe den Satz mit „Entschuldigen´s die Sprache“ und dem Thema der „Wirtschaftsflüchtlinge, für die das Asylrecht nicht gemacht sei“ eingeleitet bzw. begründet. (vgl. u.a. Süddeutsche Zeitung Online vom 20.09.2016, http://www.sueddeutsche.de/bayern/fluechtlingsdebatte-scheuer-wehrt-sich-gegen-kritik-an-abfaelliger-senegalesen-aeusserung-1.3170388 , letzter Zugriff am 21.09.2016, 09:10 Uhr)

Vorab: Nein, Herr Scheuer, die Sprache entschuldigen wir nicht. Wenn man die Erfüllung seines Berufslebens sucht in der Mobilisierung der Menschen (= in der Denke von Herrn Scheuer: der Wähler) ohne Hirn, Verstand, Herz und Mitgefühl, sollte man ehrlicherweise dann auch konsequent dazu stehen.

Schauen wir uns die Aussage per se doch erstens genauer an und untersuchen dann die Reaktionen auf diese Aussagen.

Zur Entgegnung:

  1. Der Senegal als ehemals französische Kolonie wird als sog. „Sicheres Herkunftsland“ gewertet. Somit genießen Menschen aus dem Senegal keinen durch das Grundgesetz gedeckten Schutz aufgrund bspw. politischer Verfolgung. So weit so richtig, zu bedenken gebe ich jedoch einmal, dass die Wertung von Ländern als „Sichere Herkunftsstaaten“ oftmals weniger von der tatsächlichen Situation vor Ort, sondern von politischen Verhandlungen abhängt. So bestehen aktuell die Bestrebungen in der deutschen Politik, mehr Staaten als bisher als sichere Herkunftsländer zu deklarieren. Dabei geht es nicht um die Schutzwürdigkeit eventuell Verfolgter, sondern rein um die Verminderung von Flüchtlingszahlen, die durch das Grundgesetz schützenswert sind. So soll zudem leichter abgeschoben werden können. Verlogen? Aber sicher. Menschenverachtend? Selbstverständlich.
  2. Zudem herrscht zumindest in Teilen Senegals sehr wohl ein Bürgerkrieg durch Rebellen, die sich abspalten wollen; und außerdem ist die Pressefreiheit (als wiederum eine durch unser Grundgesetz gedeckte Freiheit) im Senegal nicht gewährleistet. Wie gesagt: Die Einstufung als „Sicheres Herkunftsland“ scheint willkürlich.
  3. Auf die wirtschaftliche Situation gehe ich nur am Rande ein: Im Human Development Index belegt der Senegal den 170. Platz (Deutschland: Platz 6), das Land ist abhängig von Krediten und Entwicklungshilfe, was – in Verbindung mit Strafzöllen für Waren aus Afrika und dem Exportüberschuss bspw. der BRD – zu einer Spirale ohne Ende und dauerhafter Abhängigkeit führt. Das Thema unseres Reichtums zu Lasten der „Dritten Welt“ soll hier nicht weiter thematisiert werden.
  4. Die BRD hält im Inneren schon immer Wirtschaftsflüchtlinge aus (aus strukturschwachen Regionen in Ballungszentren, vgl. die Situation in Ostdeutschland), ohne dass dieses Thema – mit allen Nachteilen für die Region, die verwaist und die Region, die aufnimmt – wirklich diskutiert wird.
  5. Die Politik fordert immer wieder die Integration von Ausländern, schafft allerdings nicht die Rahmenbedingungen, dass Asylbewerber bspw. arbeiten dürfen. Aber wenn sich ein Asylbewerber dann integriert (im Fußballverein, in der Kirche), wird ihm genau das vorgeworfen. Offene (Lehr-)Stellen könnten bei uns auch mit Menschen aus dem Senegal besetzt werden, was nicht zuletzt zur Sicherung unseres Wohlstands in Zukunft beitragen würde.
  6. Eine Neiddebatte kann man natürlich mit solchen Argumenten auch hervorragend anzetteln. Denn auch in unserem vor Überfluss strotzenden Land gibt es bitterarme Menschen, ohne Hoffnung und Zukunft. Da stellt sich mir dann aber die Frage der Verantwortung, warum das so ist. Und nicht zuletzt die CSU ist in Bayern, aber auch im Bund seit Jahrzehnten in der Regierungsverantwortung, hätte seit jeher und hat also Gelegenheit, diese Tatsachen zu ändern. Eine Erbschaftssteuerreform wird aber bspw. erfolgreich hintertrieben.
  7. Den Wunsch nach Anerkennung, einem besseren Leben, einer Zukunft kann sicherlich jeder von uns nachvollziehen – wohl gerade auch Herr Scheuer mit seinem Schmalspur-Doktortitel (vgl. Ausführungen weiter unten) kennt dieses Gefühl nur zu gut. Und da ging es nur um vermeintliche Karrierechancen, nicht um das bloße Überleben, wie bei so vielen Asylsuchenden, die das Pech hatten, nicht in Passau, sondern in einem Kriegsgebiet zur Welt gekommen zu sein. 

Zu den Reaktionen auf die Aussage:

Zu erwarten war die Empörung von Oppositionsparteien und auch von Ehrenamtlichen in Sportvereinen, Flüchtlingshelfern, Vertretern der Kirchen und Organisationen ausländischer Mitbürger.

Auch einige der Parteifreunde Scheuers haben sich geäußert und Kritik an den Aussagen laut werden lassen, so Alois Glück oder Theo Waigel. Allerdings, und jetzt heißt es genau lesen: Keiner dieser CSU-Politiker hat den Inhalt der Aussage kritisiert. So äußerte Waigel: „Wir müssen Obacht geben, dass wir, wenn wir konservative Wähler wollen, nicht die kirchlichen Wähler verprellen“, Glück sagte: „Die Gesamtpartei leidet immer wieder unter der Sprache einiger ihrer Akteure“ und CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt kann wie folgt zitiert werden, Scheuer habe darauf hinweisen wollen, dass Menschen aus sicheren Herkunftsstaaten nach Deutschland kommen und bei Ablehnung ihres Asylantrags zurückgeschickt werden müssten. Dem stehe aber eine bis dahin geleistete Integration entgegen. (Quellen siehe oben, SZ online vom 20.09.2016).

Es bleibt also dabei: Kritik an der Sprache und der Wirkung, nicht am Inhalt. Es geht um Wählerstimmen, um die Gefahr, christlich und vereinsbezogen Engagierte abzuschrecken. Es geht nicht um Inhalte. Es geht um die Mobilisierung einer mitleidlosen Masse („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“), unter gleichzeitiger (politischer) Einbindung der Ehrenamtlichen. Es geht nicht um schützenswerte Menschenleben. Es geht um Machterhalt. Dass es aus der CSU keine einzige relevante kritische Stimme zum Inhalt der Aussage gegeben hat, ist bezeichnend.

In diesem Sinne: Die Scham- und Armseligkeitsgrenze zum Machterhalt der bayerischen CSU liegt sehr niedrig, geht zu Lasten der Ärmsten (im In- und Ausland) und trotzt jedem „C“ und „S“ im Namen der Christlich Sozialen Union.

Trotz allem – und auch wenn der Herr „Doktor“ ein solches Gefühl nachweislich nicht kennt: Schämen Sie sich, Herr Scheuer, versuchen Sie es wenigstens!


Zum Weiterlesen:

  • Berichterstattung in Print- und Onlinemedien
  • Infos zum Senegal auf www.wikipedia.de
  • Infos zum Abkommen zwischen Prag und München zur Führung eines Doktortitels, der nahezu keinen wissenschaftlichen Kriterien an Promotionsverfahren entspricht: „Im Jahr 2004 wurde ihm an der Karls-Universität Prag für die unter Aufsicht von Rudolf Kučera erstellte Arbeit Die politische Kommunikation der CSU im System Bayerns der „kleine Doktorgrad“ der Philosophie verliehen. Dieser akademische Grad, der der sogenannten 2. Bologna-Stufe (Master-Ebene) zugehört, ist nicht äquivalent zu einer Promotion, berechtigt seinen Inhaber aber zur Führung des Titels PhDr. Dessen ungeachtet – und obwohl in Deutschland (außer auf dem Gebiet der Bundesländer Bayern und Berlin) verboten –stellte Scheuer seinem Namen fortan den Zusatz Dr. voran. Als Dr. Andreas Scheuer bestritt er auch den Wahlkampf zur Bundestagswahl 2005.“ Zu finden auf www.wikipedia.de

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