Gedanken zur aktuellen „Me-Too“-Debatte.

Endlich, muss man sagen, endlich finden sich auch kritische Stimmen, die die zunehmend hysterisch anmutende „Me-Too“-Debatte hinterfragen. So sieht die Schriftstellerin Thea Dorn in den moralischen Ansprüchen, die wir an unsere Künstler stellen einen neuen Totalitarismus heraufziehen (http://www.deutschlandfunkkultur.de/thea-dorn-zur-sexismus-debatte-das-ist-ein-neuer.1008.de.html?dram:article_id=400306). Und in der Zeit erschien ein Artikel, der eine „überheizte Debatte“ anprangert, der in der Überbetonung kleinerer Fehltritte quasi dialektisch eine damit einhergehende Verharmlosung wirklicher Straftaten, wie die der sexuellen Nötigung oder Vergewaltigung sieht (http://www.zeit.de/2017/46/sexismus-metoo-sexuelle-gewalt-debatte). Daneben gibt es auch nachdenklich-kritische Stimmen, die einen Selbstreinigungsprozess in Hollywood beschwören (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/weinstein-spacey-und-die-folgen-traumfabrik-aufgewacht-a-1177567.html),was zwar wünschenswert wäre, jedoch sehr optimistisch scheint. Und – das haben die diversen bekannt gewordenen Fälle gezeigt – das Thema ist eben gerade nicht alleine auf Hollywood beschränkt.

Auf der einen Seite bleibt ein Täter ein Täter, an dieser Tatsache kann und darf man nicht rütteln, und es spielt keine Rolle, ob sich Übergriffe gegen Frauen oder Männer richten. So muss der Filmproduzent Harvey Weinstein zur Rechenschaft gezogen werden, mit allen Mittel, die rechtsstaatlich (und übrigens auch zivilrechtlich in der Frage möglicher Entschädigungen) zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite fragt man sich zunehmend irritiert, „so what?“, wenn die U.S.-amerikanische Fußballspielerin Hope Solo den ehemaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter jetzt beschuldigt, ihr vor Jahren an den Hintern gelangt zu haben. Außer einem sehr fragwürdigen Selbstbild dieses Mannes zeigt ein solcher Vorgang mangelnden Respekt und Anstand, mehr wohl aber auch nicht.

Zwei Argumente, die meines Erachtens in der Debatte nicht den Kern der Sache treffen (die Frage des Machtgefälles) bzw. weitgehend fehlen (die Abstraktion zwischen Person oder Mensch und Funktion) möchte ich hier vertiefen:

  • Das Machtgefälle

Das Argument, das immer wieder genannt wird, ist das eines Machtgefälles zwischen Täter und Opfer. Dieses Argument mag zwar richtig sein (oder anmuten), ist aber ebenso ausreichend banal. Gäbe es ein (wirkliches oder – vollkommen wertfrei – auch nur empfundenes) Machtgefälle nicht, wäre es in keinem der Fälle zu Übergriffen (wie denen des Filmproduzenten Weinstein oder des Funktionärs Blatter) gekommen. Entweder, weil der Täter keine (wirkliche oder empfundene Macht) über das Opfer gehabt hätte oder, weil das Opfer wiederum die Macht gehabt hätte, sich zu wehren. Hier sei Max Weber zitiert, der den Begriff der „Macht“ prominent wie folgt definiert:

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Frankfurt am Main 2005, S. 38.)

Die Fragen, die sich stellen, lauten also vielmehr: Was treibt einerseits einen Menschen wie Weinstein in seiner Persönlichkeitsstruktur dazu, mitleidslos seinen Willen innerhalb sozialer Beziehungen durchzusetzen, „gleichviel worauf diese Chance beruht“? Warum nimmt sich ein Sepp Blatter das Recht heraus, einer Fußballspielerin an den Hintern zu greifen? Die Psychoanalyse hat viel zu tun… Und was aber können wir andererseits gesellschaftlich ändern, damit keine soziale Beziehung (wie zwischen einem Filmproduzenten oder einem Regisseur und einem Schauspieler/ einer Schauspielerin) so empfunden wird, dass jedes Mittel zur Machtdurchsetzung angewandt werden kann oder vermeintlich darf? Wie kann man diskursiv, wie kann man politisch, wie kann man eben gesellschaftlich, wie kann man bildungspolitisch dem entgegenwirken, dass es soziale Machtgefälle gibt, die es überhaupt zulassen, dass sich Opfer nicht wehren (können) und sei es in der Angst, nicht ernstgenommen oder selbst geächtet zu werden? (Die Verarbeitung des Schocks über derartige Erlebnisse sowie bloße körperliche Überlegenheit des Stärkeren oder seelische Abhängigkeitsverhältnisse müssen hier allerdings wohl abstrahiert, dürfen dabei aber in der Untersuchung oder der Bekämpfung der Symptome nicht vernachlässigt werden.)

Welche Anstrengungen müssen wir daher in Bildung, auch Herzensbildung investieren, um Menschen zu selbstbewussten, sich ihres Werts bewussten Individuen werden zu lassen? Welche gesamtgesellschaftlichen Fragen in vermeintlich tradierten Rollenmustern und sozialen Beziehungsstrukturen müssen wir aktiv hinterfragen? Welche Anstrengungen müssen in der Sozialarbeit, der Prävention unternommen werden, um Missbrauch jeder Art zu bekämpfen, zu erkennen, proaktiv einzudämmen? Welche Anstrengungen müssen wir unternehmen, um die Kinderarmut zu bekämpfen, um wenigstens ein Mindestmaß an sozialer Teilhabe zu garantieren, unabhängig der Einkommenssituation der Eltern oder des Landstrichs, in dem ein Kind nun mal zufällig aufwächst? Solange wir als Gesellschaft tolerieren, dass die Kinderarmut zunimmt, Gelder für Jugendarbeit und Präventionsprojekte gestrichen werden und die Bildungsausgaben in einem Ersten-Welt-Land, wie der Bundesrepublik Deutschland nach wie vor, auch im internationalen Vergleich, schon alleine den bereits erkannten Bedarf noch lange nicht decken, solange das so ist, solange wir alle als Gesellschaft das tolerieren, ist es wohlfeil, prominente Fehltritte und Straftaten an den Pranger zu stellen und sich in seiner eigenen vermeintlich moralischen Überlegenheit zu suhlen.

  • Die Trennung zwischen Mensch und Funktion

Die Debatte entzündete sich im Wesentlichen an den Beispielen aus Hollywood und findet aktuell noch immer unter Referenznahme auf Erlebnisse vor allem mit Künstlern (Schauspielern, Regisseuren, aber auch Politikern und neu Sportfunktionären) statt. Nun stellt sich allerdings für mich die Frage, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ein Argument, das immer wieder genannt wird, ist das der Vorbildfunktion. Ein Argument, das bei ausbleibender wirklicher öffentlicher Empörung über die „Panama Leaks“/ die „Panama Papers“ und die offengelegte Steuerhinterziehung (zu unserer aller Lasten) durch diverse Sportler, Schauspieler und auch Politiker – vermeintlich Vorbilder – ad absurdum zu führen ist. Und wie kommt ein Volk, wie gerade das der Deutschen, von dem bei der letzten Bundestagswahl nahezu 25 % der Wahlberechtigten ihr Wahlrecht missachtet haben, und bei denen, die bei der Wahl waren, annähernd 15 % die AfD oder noch weiter rechts gewählt haben, dazu, von irgendwelchen Menschen eine Vorbildfunktion einzufordern? Hier überhöhen wir Menschen, nur weil diese in der Öffentlichkeit stehen, auch wenn der Wunsch nach Vorbildern zur Orientierung sehr nachvollziehbar ist.

Die Tatsache, dass (Sir!) Ridley Scott nun alle Szenen mit dem angeklagten Kevin Spacey aus dem aktuell nahezu fertigen Filmstreifen „Alles Geld der Welt“ herausschneidet und mit einem anderen (vermeintlich unbescholtenen, wer weiß denn schon, was Christopher Plummer in seinem privaten Leben vielleicht alles schon so getrieben hat) Schauspieler neu verfilmt, ist an Verlogenheit nicht zu überbieten. Nicht die Tatsache, dass gegen Kevin Spacey ermittelt wird, hat zu diesem Schritt veranlasst (der Grundsatz „in dubio pro reo“ scheint hier ohnehin vollkommen außen vor), sondern letztlich die Tatsache, dass der Film mit Spacey prospektiv als „Kassengift“ bezeichnet wird (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 10.11.2017, S. 11) – ein rein ökonomisches Argument, die potentiellen Opfer Spaceys sind Ridley Scott oder der Produktionsfirma, mit Verlaub, scheißegal. Die Kasse muss klingeln.

Die Tatsache, dass ein guter Künstler, ein großer Denker oder ein guter Politiker nicht per se ein guter Mensch (oder das, was wir heute darunter verstehen) sein muss, zieht sich durch unsere abendländische Geschichte seit Anbeginn vor über 2.500 Jahren. Für Platon etwa waren Sklaven keine Staatsbürger, hatten dementsprechend auch keine staatsbürgerlichen Rechte inne. Aristoteles hatte eigene Sklaven. Cicero war ein großer Redner und Politiker, ließ dabei Gegner hinrichten und äußerte sich triumphierend über die Ermordung Caesars. Soviel zum „guten Leben“, den Anfängen unserer Staatslehre oder zur Tugendlehre. Aber wer würde heute die Bedeutung der Gedanken dieser Menschen für unsere Kultur bestreiten? Jean-Jacques Rousseau gab seine fünf Kinder im Waisenhaus zur Adoption frei – ganz entgegen seiner Lehre, an die in der Tradition der Veränderungen seit der Französischen Revolution noch heute erinnert wird (vom schriftstellerischen oder botanisch bedeutsamen Werk Rousseaus gar nicht zu reden). An die Debatte um die sog. „Schwarzen Hefte“ oder die Nicht-Kommunikation zu seinem Verhalten Martin Heideggers sei hier nochmals erinnert, ohne dass man die Bedeutung der Lehre Heideggers in Anknüpfung an Edmund Husserl jemals als zu gering einschätzen könnte.

Wir täten in der Debatte also meines Erachtens gut daran, zwischen dem individuellen Menschen und seiner jeweiligen Funktion, seiner Rolle, als Künstler, Denker, Politiker zu trennen. Treffend hierzu lesen wir bei Ludwig Feuerbach:

„Was würdest du von dem Verstande eines Menschen halten, welcher die Güte der Gedichte seines Freundes also beweisen wollte: Cajus ist ein guter Mensch, ein guter Jurist, usw., also sind seine Gedichte auch gut. Du würdest lachen. Und warum? Weil er nicht diese von den übrigen Eigenschaften unterschiedne und unabhängige Eigenschaft des Dichtens, nicht diese bestimmte Qualität, aus der allein die Gedichte kommen, sondern den moralischen Menschen zum Prinzip seiner Deduktion macht.“ (Ludwig Feuerbach, Pierre Bayle – ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit, Berlin 1967, S. 99 f.)

Warum sollte also eine bei festgestellter Schuld juristisch und moralisch zu verurteilende Person, der Mensch, der zufällig den Namen „Kevin Spacey“ trägt, nicht dennoch ein herausragender Schauspieler namens Kevin Spacey sein?____________________________________________

Zum Weiterlesen:

Am 11.11.2017 erschien ein guter Artikel Heribert Prantls in der Süddeutschen Zeitung, in dem der Satz „Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“ zitiert wird. (vgl. SZ, S. 24), auch online verfügbar (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sankt-martin-was-die-sankt-martins-geschichte-heute-lehrt-1.3743693).

Zum Thema „Vorbilder“ legt Thomas Macho eine umfangreiche und lesenswerte Ausarbeitung vor. (Thomas Macho: Vorbilder, Paderborn 2011)

Der Spruch des Beitragsbilds stammt aus der aktuellen Werbekampagne des Schauspiels Frankfurt und stellt die Lebensregel der Schauspielerin Sarah Grunert dar. ____________________________________________

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