Fehlendes Herz trifft mangelnden Verstand

Donald Trump, amtierender Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, hat die Länder El Salvador, Haiti und Nicaragua aktuell als „Drecksloch-Staaten“ bezeichnet, die letzte einer Vielzahl verbaler Entgleisungen, prä-pupertärer Sprüche („Mein Atom-Knopf ist größer als Kims“) und unfassbarer und grundfalscher Selbsteinschätzungen („Genie“).

An dieser Stelle habe ich vor einiger Zeit die Wahl Trumps zum Präsidenten begrüßt, nicht zuletzt aus Angst, was eine weitere Steigerung ins Negative bei einer nächsten Wahl bedeutet hätte und verbunden mit der Hoffnung, der Schrecken über die Wahl und der Schrecken über die Politik in der Amtszeit Trumps würde zu einer Art Läuterung in Richtung Zukunft führen.

Diesen Gedanken möchte ich hier nochmals vertiefen, zumal ich immer noch der Meinung bin, Hillary Clinton wäre keine Alternative gewesen. Duldsamkeit mit einem Mann, der sich im Oval Office von mindestens einer Praktikantin sexuell befriedigen lässt, ist – plakativ gesagt – meines Erachtens kein (moralisches) Qualifikationsmerkmal für ein Präsidentenamt. Die einzige Alternative wäre Bernie Sanders gewesen, aber dafür hat den Demokraten die Courage und Sanders das nötige Geld gefehlt.

Die Philosophie, die mich nachhaltig beeindruckt hat, ist die GWF Hegels. Die Geschichtsphilosophie und die Phänomenologie (vielleicht mit Ausnahme der Möglichkeit eines absoluten Wissens) ist für mich die einzig denkbare Lesart unserer (historischen) Menschheitsgeschichte. Eingespannt in die Dialektik zwischen objektiv Erlebtem und Vergangenem und subjektiv Empfundenem, dem Allgemeinen und dem Besonderen ist die (rückblickend) als objektiv empfundene Geschichte schon immer subjektiv geprägt. Der Weltgeist (der sich in jedem einzelnen Subjekt manifestiert) ist immer da und weiß um seinen Zweck, nämlich die Freiheit. Und die Geschichte ist der Weg, den es zu gehen gilt. Und auf diesem Weg kommt es zu Hindernissen, Rückschlägen und Zwischenfällen. Aber letztlich entsteht immer ein höherer Zustand, will sagen: Nur aufgrund dieser Hindernisse, Rückschläge und Zwischenfälle kommt es zur Weiterentwicklung individuell, aber auch kollektiv.

So wird es eine massive Gegenbewegung zu Trump geben, die – ich wiederhole mich – nur durch die (aristotelische) Läuterung einsetzen kann, die das Verhalten und die Politik Trumps hervorrufen. Nun sind wir nicht im Theater, sondern leben in der Realität und dass es während dessen zu fatalen Entscheidungen kommt, Weichen grundfalsch gestellt werden, Menschen leiden und sterben, Schicksale sich entscheiden, ist unbestritten. Ein Vorwurf, der auch an die Hegelsche Gesichtsphilosophie (z.B. im Kontext der Opfer des Nationalsozialismus) gemacht wird. Dem sei entgegnet: Ja, Subjekte wie Hitler hat es gegeben und wird es geben. Aber selbst sehen diese sich einmal nicht als „böse“ oder im Unrecht an. Und dazu kam es, kommt es und wird es auch weiterhin kommen, auch ohne die Hoffnung auf einen höheren Zustand, auf den sich die subjektiven Geister (in Zukunft) dann dialektisch hinbewegen können.

Auf heute bezogen: Ganz banal gesprochen, konnte seit Ende des Zweiten Weltkriegs in der BRD stets das gleiche Muster festgestellt werden: War eine Partei bundesweit an der Macht und konnte die eigene Politik durchsetzen, so schwang das Pendel in den Landtagswahlen während einer Legislaturperiode immer in die andere politische Richtung, ein Korrektiv über den Bundesrat wurde geschaffen. Ob das rückblickend schon in einen höheren Zustand geführt hat, ist Interpretationssache. Interessant wird zudem die Beobachtung sein, wie sich das unter Einbezug der AfD künftig darstellt. Ein anderes Beispiel: Im Rahmen der aktuell beendeten Sondierungsgespräche zu einer weiteren sog. „Großen Koalition“ aus CDU/ CSU und SPD kann schon der Verzicht auf ein Klimaziel beschlossen werden. Dieser Verzicht wird sich aber anderweitig Bahn brechen, wie beispielsweise in massiv steigenden Wahlergebnisse zu Gunsten einer Grünen Partei. Und die Folgen eines heutigen Verzichts auf ein Klimaziel werden dann irgendwann umso massiver zurückschlagen – wie auch immer – vielleicht dann auch erst einmal zu weit, bis sich ein höherer Stand des Geistes (des subjektiven Wissens in der Welt) einpendelt. Von ökologischen Auswirkungen und den damit einhergehenden Folgen und zu tragenden Konsequenzen aus der Klimaerwärmung hier ganz abgesehen.

Was wir sicherlich brauchen ist – mit dem Zeitgenossen Alain Badiou gesprochen – ein Ereignis, eine neue Fassung der Welt in einer Art und Weise, die uns heute noch unvorstellbar ist (und zwar nicht nur scheint, sondern auch tatsächlich ist!). Die Menschen zu Zeiten der Französischen Revolution konnten sich einen anderen Zustand als den der unterdrückenden Feudalherrschaft nicht vorstellen, bis die Stürmer auf die Bastille in ihrer rein subjektiven Überzeugung den Grundstein für unser heutiges demokratisch-freiheitliches Verständnis gelegt haben, das bis dahin aber noch diverse Hürden zu nehmen hatte, nicht zuletzt die Jakobiner mit der Guillotine. Trotz allen Unbehagens über viele Entwicklungen unserer Gesellschaft und in der Welt können wir uns heute aber auch (noch) nicht vorstellen und es auch nicht glauben, dass es irgendwann eine weitere Stufe, eine neue Form des kollektiv verfassten Daseins geben wird. Welche Schritte da noch zu gehen sind, steht in den Sternen, irgendwann wird sich aber nach Badiou ein „Held des Ereignisses“ (den es eigentlich gar nicht gibt…) wie Jesus Christus bzw. Paulus, Spartakus, Schönberg oder ein namenloser Demonstrant finden, der eine neue Ordnung begründet.

Wenn man sich Jugendbilder Donald Trumps anschaut, um auf den Eingang zurückzukommen, sieht man einen gar nicht unsympathischen jungen Mann, der etwas verloren dreinschaut – was frappierende Parallelen zu Bildern seines Sohns Barron aufscheinen lässt, der auch immer sehr verloren und traurig schaut, ungläubig, wo er da hineingeraten ist. Wenn Trump nicht, um seine Wiederwahl zu sichern (wie es uns Kevin Spacey in House of Cards vorgemacht hat), einen Krieg anzettelt (wo uns alles davor beschützen mag!), wird sich rechtzeitig eine Gegenbewegung gründen, die – weltgeschichtlich gesprochen – diesen Fehler wieder ausmerzt und das Pendel in eine deutliche Gegenrichtung schwingen lassen wird. Eine unehelich geborene (!), als Kind missbrauchte (!), schwarze (!) unverheiratete (!) Frau (!!) aus dem US-Fernsehen, wie Oprah Winfrey, könnt ein solcher umfassender Gegenentwurf sein, der aktuell diskutiert wird. Dass dieser Gegenentwurf dann die weiße, rassistische, bigotte Schicht Amerikas wieder einen wird, ist die logische Konsequenz des Beschriebenen, wie Donald Trump vielleicht die logische Konsequenz auf einen schwarzen, gebildeten Präsidenten Barack Obama sein musste, der wiederum die Antwort auf einen Clown wie George Bush jr. war – und so weiter.

Was sich in Donald Trump vereint, ist eine fatale Mischung aus fehlendem Herzen und mangelndem Verstand. Diese Mischung trifft sich im hasserfüllten AfD-Wähler des gut situierten Mittelstands ebenso, wie im Raser, der vor Gericht steht, weil er mit seiner Identitätsprothese, seinem Kfz, andere Menschen totgefahren hat, wie in den Menschen, die sich live im Privatfernsehen verheiraten lassen, ohne sich vorher zu kennen (was die an sich gar nicht mögliche Steigerung von Einsamkeit in vermeintlicher Zweisamkeit darstellt), wie ebenso in Thilo Sarrazin. Womit ich bei meinem Lieblingsthema bin, dem der Bildung – und da meine ich nicht (nur) die des Intellekts. Nein, lasst uns gemeinsam investieren. Zwar auch weiterhin in Bildung in Form von Wissen, vor allem aber in Bildung des Herzens: Menschenliebe, Nächstenliebe, Mitgefühl und unbedingte Partnerschaftlichkeit.

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Zum Weiterlesen:

Man verzeihe mir hier die eigentlich unverzeihliche Banalisierung der Hegelschen Philosophie. Details finden sich – neben den Originaltexten – in:

Jeschke, Walter: Hegel-Handbuch. Leben – Werk – Schule. 2. Auflage, Stuttgart 2010.

Um sich einen ersten Einblick in das unfassbare komplexe Gedankenkonstrukt Alain Badious (in der Tradition Platons, Hegels, Cantors und Lacans) zu verschaffen, sei für den Anfang ohne Einschränkung und unbedingt empfohlen:

Badiou, Alain: Ethik. Versuch über das Bewusstsein des Bösen. Wien 2003.

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Autor: andersdenkenmuenchen

Freiberufler im Bereich Beratung - Coaching - Seminare mit Schwerpunkt auf allen Themen rund um Nachhaltigkeit und Unternehmensethik. Inhaber diverser Lehraufträge an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung. Abschluss zum Betriebswirt (DVA), M.A.-Abschluss an der Hochschule für Philosophie des Jesuitenordens in München/ Philosophische Fakultät S.J.; aktuell Studium zum "Dr. phil." ebenda. www.logos-strategie.de