Das Konzept der Mindfulness – achtsamer Umgang mit dem Augenblick.

Das Konzept bzw. Schlagwort der „Mindfulness“ – oft übersetzt mit Achtsamkeit – gewinnt zunehmend an Bedeutung und wird in vielfältigsten Zusammenhängen genannt. Nicht zuletzt in der Wirtschaft wird das Konzept vermehrt eingesetzt, vor allem im Rahmen meditativer Übungen. Leider findet jedoch, gerade in der Wirtschaft, oftmals ein an Missbrauch grenzender Einsatz der Methode statt, insofern diese beispielsweise als Instrument für bloße Leistungssteigerungen eingesetzt wird.
Was ist jetzt aber dieses Konzept der Mindfulness, was hat es an sich mit der Achtsamkeit auf sich? Diese Frage werde ich nachstehend beantworten und nach einer kurzen Hinführung den Versuch einer umfassenden Definition der Mindfulness liefern. Diese Definition soll bisherige Versuche zusammenführen, die meines Erachtens (gerade und auch in deutschen Übersetzungen) nicht endgültig den Begriff allumfassen und in einer griffigen Formel vereinen.

  • Ursprünge des Konzept

Das Konzept der Mindfulness entstammt entscheidend (auch der östlichen) Meditationspraxis, ursprünglich der indio-tibetischen Tradition des Buddhismus und wartet mit einer 2500-jährigen Tradition auf. Gleichzeitig werden immer wieder jedoch auch die philosophisch westlichen Einflüsse (aus unserer griechischen Tradition) genannt. Insbesondere sind für unser Verständnis die Einflüsse Edmund Husserls und seiner Phänomenologie maßgebend, wobei sich diese beispielsweise in der Betonung der Ich-Perspektive (Perspektive der Ersten Person) oder in der Untersuchung von Bewusstseinszuständen zeigen.

Das Oxford Advanced Learner´s Dictionary beschreibt den Begriff der Mindfulness nicht, setzt jedoch die Begriffe mindful und mindless gegenüber. Mindful wird dabei definiert als „giving thought and care or attention to sb/ sth“, mindless dagegen als „not thinking of sb/ sth“. Interessant dabei ist, dass die Substantivierung bei mindless gegeben ist („mindlessness“), während diese beim Adjektiv mindful fehlt. Im deutsch-englischen Wörterbuch findet sich ebenfalls nur eine Übersetzung für den Begriff mindful als „achtsam auf, eingedenk“ sowie mindless als „unbekümmert, geistlos“. Die Substantive fehlen hier in beiden Fällen.

Wenn man versucht, den Begriff der Mindfulness in die deutsche Sprache zu übersetzen, stößt man bereits auf erste Schwierigkeiten, was auch damit zusammenhängen mag, dass bereits die englische Bezeichnung eine Übersetzung aus einem anderen Sprach-, zumindest aber Kulturkreis ist. Die Herkunft des Begriffs entstammt der Pali-Sprache (die indogermanische Wurzeln aufweist); dort bedeutet das Wort sati auf Englisch „to remember“ was wiederum mit „erinnern, behalten“, aber auch mit „denken an“ übersetzt werden kann.

In Folge dessen hat sich im Deutschen die Übersetzung der Mindfulness mit „Achtsamkeit, Aufmerksamkeit“ durchgesetzt, wenngleich diese Übersetzung aus meiner Warte und wie aufzuzeigen ist, unbefriedigend erscheint. Als Hilfskonstrukt kann man diese Übersetzung gelten lassen, nicht umsonst hat sich jedoch auch im deutschen Sprachraum der Begriff der „Mindfulness“ etabliert, gerade weil hier eine Reihe von Implikationen enthalten ist, die ein einziges Wort im Deutschen (auch aus der Tradition und der Rezeption des Begriffs hauptsächlich im angelsächsischen Sprachraum) meines Erachtens nicht leisten kann. Wie der Begriff dann genauer zu fassen ist, soll die weiter unten erarbeitete Definition versuchen.

  • Charakteristika des Konzepts

Die Charakteristika nach Brown et al. (Brown et al. 2007, 212 – 214) lauten:

  1. Clarity of Awareness: Hierbei geht es um die klare Wahrnehmung der inneren und äußeren Welt, inklusive der Gefühle, Gedanken, Aktionen und der Umgebung, die je zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben sind.
  2. Nonconceptual, Nondiscriminatoty Awarness: Diese Wahrnehmung soll zudem vorurteilsfrei, ohne durch die Filter und Register, die wir immer schon anwenden, um uns unsere Welt zu konstruieren, stattfinden. Es geht darum, die Gefühle, Gedanken, Aktionen und die Umgebung im Moment des Auftauchens bzw. Stattfindens nicht kategorial einzuordnen oder zu bewerten, sondern erst einmal einfach zu beobachten und hinzunehmen.
  3. Flexibility of Awareness and Attention: Hierbei geht es um die Forderung im Sinne des Konzepts, Aufmerksamkeit und Erkenntnis der inneren und äußeren Welt flexibel zu gestalten. So kann die Situation als Ganze ebenso wahrgenommen werden, wie einzelne Aspekte (z.B. die Frage: „Wie geht es mir damit?“). Damit einhergehend ist die Selbstregulation, die Beobachtung eigener Gefühle und Gedanken.
  4. Empirical Stance Toward Reality: Hierbei geht es um die Wahrnehmung der uns empirisch umgebenden Realität. Wir sind durch unsere Erfahrungen geprägt und sollen diese Erfahrungen sowie die aktuell auftretenden Ereignisse, in die wir involviert sind, dann gleichzeitig auf- und wahrnehmen. Diese Haltung soll dann zu mehr Interesse und Teilhabe am Leben in Verbindung mit besserer Wahrnehmung der eigenen Gefühle führen.
  5. Present-oriented Consciousness: Das Faktum der Wahrnehmung der uns umgebenden Welt soll zudem stark auf die Gegenwart gerichtet sein. Selbst wenn wir eine je individuelle Geschichte und Sozialisation aufweisen und als Menschen über die Fähigkeit der Antizipation verfügen, existieren wir nur im jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt, mit keinem direkten Kontakt zu Vergangenheit (Erfahrung) und Zukunft (Pläne). Die Konzentration auf den Augenblick soll dabei jedoch nicht dazu führen, in Fatalismus die Zukunft betreffend zu verfallen, vielmehr die Zukunftsgerichtetheit zu verbessern und den Blick in die Zukunft aus dem Moment heraus je zu validieren.
  6. Stability or Continuity of Attention and Awareness: Zudem, und das ist die letzte der hier aufgeführten Charakterisierungen, geht es um eine nachhaltige Anwendung der Mindfulness als Konzept. Mindfulness ist jedem Menschen inhärent eingeschrieben, es geht jedoch um das Bewusstsein dafür und die stetige Übung in der Anwendung.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Charakteristika nach diesen Ausführungen in der aktuellen, gegenwärtigen Wahrnehmung der inneren und äußeren Welt bestehen. Diese Wahrnehmung soll dann zwar je gegenwärtig, sich der Tatsache der Geschichtlichkeit und Zukunft parallel jedoch bewusst sein und dabei nicht wertend oder kategorial gefiltert stattfinden.

  • Kabat-Zinn mit entscheidendem Einfluss

Als ein wichtiger Lehrer, der die Tradition der Mindfulness in die heutige Zeit übersetzt und grundlegende Werke dazu verfasst hat, ist unbedingt Jon Kabat-Zinn zu nennen. Kabat-Zinn entwickelte sein Konzept aus der klinischen Anwendung und hat vielfach mit Schmerz- und Stresspatienten gearbeitet.
In seiner Monographie „Im Alltag Ruhe finden“ geht Kabat-Zinn auf die Bedeutung des Augenblicks, des Hier und Jetzt ein und entwickelt Übungen für den Alltag, dieses Konzept umzusetzen. Er schreibt:

„Der Augenblick ist das Einzige, womit wir arbeiten können. Nur zu häufig jedoch vergessen wir, dass wir da sind, wo wir bereits sind. Augenblick für Augenblick befinden wir uns an der Wegkreuzung des Hier und Jetzt.“

Anfangs der Monographie mit dem Titel „Die Blüte des Augenblicks“ differenziert Kabat-Zinn hervorragend den Begriff der Mindfulness, der Achtsamkeit, aus, ohne diesen jedoch in einer Definition zu fassen. Kabat-Zinn betont die buddhistischen Wurzeln des Konzepts ebenso, wie die Einbettung in einen Gesamtzusammenhang, er betont die Bedeutung des Augenblicks ebenso, wie die Notwendigkeit der Übung (vor allem in der Meditation) und gleichzeitig stellt er das Konzept in den Kontext der Alltagstauglichkeit.

  • Anwendungen und Effekte des Konzepts

Auch wenn die Meditationspraxis in der buddhistischen Tradition schon tausende Jahre alt und eingeübt ist, hat sich die Übersetzung und relevante Übernahme in unseren westlichen Kulturkreis erst seit einigen Jahrzehnten entwickelt. Besonders auf den Bereich der klinischen Anwendungen hat sich das Interesse dann gerichtet bzw. wurden und werden Anwendungsmöglichkeiten untersucht.
Was dann in einen zu entwickelnden, ganzheitlichen Definitionsversuch meines Erachtens zwingend mit aufzunehmen ist, sind die Auswirkungen des Ansatzes auf individuelles sowie kollektives Wohlergehen. Ebenfalls wieder Brown et al. zeigen auf (Brown et al. 2007, 219 – 226), wie sich das Konzept der Mindfulness heute anwenden lässt (bzw. angewandt wird) und welche positiven Effekte dabei mit dieser Anwendung einhergehen.

So werden u.a. diverse klinische Studien aufgeführt, mit denen folgende positive Effekte nachgewiesen werden konnten:

Das persönliche Wohlergehen kann sich mit Einübung und Anwendung des Konzepts verbessern. Die Affektregulation kann dabei zunehmen, was zu Wohlergehen beiträgt. Es geht um das Bewusstsein aktueller (innerer) Zustände, innerer Werte und in Folge dessen ein Verhalten, das sich an diesen Werten orientiert. So konnten z.B. positive Effekte im Zuge der Burnout-Prävention festgestellt werden. Auch im Bereich der physischen Gesundheit wurden positive Effekte des Konzepts der Mindfulness festgestellt. Beispielsweise bei Schmerzpatienten konnten die Leiden durch Einübung der Konzentration auf die Atmung (als Beispiel der Meditation und der Einübung der Konzentration auf das Hier und Jetzt) festgestellt werden. Letztlich wurden in Studien sogar positive Effekte auf das Immunsystem als Ganzes konstatiert. Im Sinne der Einübung der bereits erwähnten Meta-Ebene in Bezug auf Kognition und Affekte trägt Mindfulness zu Verbesserungen der eigenen Reaktionen, des eigenen Verhaltens bei. Indem man sich seine Werte, Ziele, Wünsche, usw. bewusst macht und versucht, jede Situation vorurteilsfrei und nicht schon im Sinne der jeweiligen Sozialisierung gefiltert wahrzunehmen, kann man sich von eingeübten, tradierten Verhaltensmustern lösen und über Selbstregulierung zur Selbstkontrolle gelangen.

Über die positiven Effekte der Mindfulness kann jeder Mensch zudem zu effizienterer Zukunftsplanung gelangen. Die Ziele und Wünsche, die man sich bewusst macht, sind automatisch auch mit zukunftsgerichtet und helfen, Kommendes in einem das eigene Leben verbessernden Sinne zu antizipieren. Nicht zuletzt trägt das Konzept der Mindfulness auch zu stabileren Beziehungen bei. Diese Beziehungen können romantischer Art sein (also die Beziehung zum Lebenspartner), es sind jedoch auch positive Effekte im Rahmen gruppendynamischer Prozesse feststellbar.

  • Zusammenfassung wichtiger Begriffe und Charakteristika

Um also das bisher Erarbeitete zusammenzufassen und zu einem umfassenden Definitionsversuch des Konzepts der Mindfulness überzuleiten, scheinen folgende Aspekte maßgeblich zu sein:
Es geht stets um das Einüben und die Einnahme einer Meta-Perspektive. Dabei steht der Augenblick im Vordergrund, wobei man versuchen soll, diesen – in Bezug auf die innere, aber auch auf die äußere Welt – vorurteilsfrei wahrzunehmen. Indem man sich seiner Gefühle, Gedanken, Wünsche und Ziele (zeitliche Aspekte der Herkunft und Sozialisation sowie der antizipierten Zukunft) bewusst ist, kann man im Sinne selbstregulierender Kräfte Situationen übergeordnet wahrnehmen und auf diese ggf. in sukzessive zu verändernden Verhaltensweisen reagieren. Dabei stehen positive Auswirkungen auf das Individuum (physisch und psychisch) sowie Verbesserungen der sozialen Beziehungen im Vordergrund.

  • Versuch einer allumfassenden Neudefinition des Begriffs

Somit schlage ich für die Erfassung des ganzheitlichen Ansatzes des Konzepts der Mindfulness, der sich in den aufgezeigt vielfältigen Dimensionen zeigt, folgende Definition vor:

Mindfulness ist ein Konzept in östlicher Tradition des Buddhismus sowie westlicher philosophischer Einflüsse stehende Weise objektivierter, vorurteilsfreier und nicht schon kategorial gefilterter Wahrnehmung und Achtsamkeit des je aktuellen Augenblicks, der inneren (Bewusstsein, Gedanken und Gefühle) und äußeren (Situation, Erscheinungen) Welt in einem Gesamtzusammenhang, wobei ein wichtiger Weg der Einübung dessen die Meditation darstellt und als konsequent eingeübte und angewandte Praxis zur Entwicklung eines bestmöglichen Lebens bezogen auf die Innenwelt (Affekte und Kognition), die eigenen Ziele sowie zu positiven Auswirkungen auf die Gesundheit von Körper und Geist und im Rahmen sozialer Beziehungen beiträgt.

Es geht um Selbstverständnis aus subjektiver Erfahrung, individuellem Verhalten und unmittelbarer Umwelt, im Bewusstsein je eigener Entwicklung und Sozialisation, zudem um die Einnahme einer Meta-Ebene und der damit einhergehenden Persönlichkeitsentwicklung, in deren Zuge es zu Verhaltensänderungen (wie Reduzierung von Impulsivität) kommen soll.


Zum Weiterlesen:

Bordt, Michael (2015): Die Kunst, sich selbst zu verstehen. Den Weg ins eigene Leben finden; ein philosophisches Plädoyer. München: Sandmann.

Brown, Warren Kirk et al. (2007): Mindfulness: Theoretical Foundations and Evidence for its Salutary Effects. In: Psychological Inquiry, Vol. 18, S. 211–237.

Didonna, Fabrizio (Hg.) (2008): Clinical Handbook of Mindfulness. Berlin: Springer Verlag.

Kabat-Zinn, Jon (2015): Im Alltag Ruhe finden. Meditationen für ein gelassenes Leben. Übers. von Theo Kierdorf. Erw. Taschenbuch-Neuausg. München: Knaur Taschenbuch.

Rinofner-Kreidl, Sonja (2000): Edmund Husserl. Zeitlichkeit und Intentionalität. Freiburg: Verlag K. Alber.


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Re-formiert den Friedensnobelpreis!

Barack Obama wurde bereits im Jahr seines Amtsantritts als US-amerikanischer Präsident (2009) mit dem Friedensnobelpreis geehrt, ohne tatsächlich herausragend Politisches, Gesellschaftliches, Kollektives für den Frieden geleistet zu haben (und meines Erachtens auch bis heute nicht in einem nennenswerten Umfang hat, weder innen- noch außenpolitisch. So wurde unter Obama weder das Lager auf Guantanamo aufgelöst – wir erinnern uns an dieses zentrale Wahlversprechen – noch wurden de facto Kriege beendet, Heere reduziert, Waffenexporte vermindert oder Atomwaffen abgerüstet. Alleine die Einführung der Krankenversicherung („Obama-Care“) könnte sich als ein wirklicher, wenngleich rein innenpolitischer Verdienst erweisen.) In der Wahl Obamas als Preisträger lag wohl eine Hoffnung auf innere und äußere Einheit begründet, die sich retrospektiv allerdings als wahrlich vollkommene Illusion entpuppt hat – und wohl auch entpuppen musste.

Wer jetzt der Meinung ist, mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Barack Obama (2009) sei eine der fragwürdigsten Wahlen des Komitees in der Historie dieses Preises getroffen worden, der wurde spätestens im Jahre 2015 eines (noch) besseren belehrt, es kam sozusagen noch viel schlimmer: In fraglichem Jahr wurde der Preis an das Quartet du dialogue national aus Tunesien verliehen, an einen Kreis verschiedener politischer, gesellschaftlicher und privater Gruppierungen, der für seinen „entscheidenden Beitrag zum Aufbau einer pluralistischen Demokratie infolge der Jasminrevolution des Jahres 2011“ ausgezeichnet wurde.

Dieser Artikel versucht nachstehend zweierlei zu leisten: Einmal möchte ich exemplarisch begründen, warum die Wahlen der Preisträger 2009 und 2015 zumindest fragwürdig, wenn nicht abzulehnen sind und gleichzeitig klarstellen, dass das Nobelpreiskomitee nicht aktiv Politik betreiben sollte. Und zweitens werde ich für eine Re-Formierung des Friedensnobelpreises plädieren, die auf den eigentlichen Geist und die Begründung des Preises zurückführt und sich dabei zudem weiteren unabdingbaren Prämissen unterwerfen sollte.

Im Einzelnen: Vordergründig scheint die Wahl des tunesischen Quartetts eine nachvollziehbare zu sein. Wer würde nicht zustimmen, dass die weitgehend friedliche Revolution in Tunesien positiv zu sehen ist, dass es darum ging und geht, zur Verständigung von Volksgruppen, auch Religionen beizutragen? Lassen wir uns also auf das Experiment ein, die Begründung des Komitees für das tunesische Quartett zu lesen: Der Preis wurde verliehen für den „entscheidenden Beitrag zum Aufbau einer pluralistischen Demokratie in Tunesien“.

Ein solcher anerkannter Pluralismus, der sicherlich zum Grundkanon menschlicher Primärtugenden gehört oder gehören sollte (dabei aber wohl nicht zwingend auf eine ein politisch-demokratische Perspektive zu reduzieren ist), ist unbedingt wünschenswert. Mit welchem Recht aber maßt sich das Nobelpreiskomitee an, einen vermeintlichen Demokratisierungsprozess in Tunesien gleichsam zu fordern und damit preiswürdig zu sanktionieren? Hier scheint meines Erachtens doch wieder nur eine Kolonialpolitik durch, die rein auf eine Stabilisierung zu Gunsten unserer „westlichen“ Sicherheit und unseres Reichtums abzielt. Denn selbst in den Ländern, in denen (erstmals) demokratisch gewählt wird, wird diese Wahl nur solange von den Hegemonialmächten gefeiert, wie sie den eigenen Interessen in die Hände spielt. Man betrachte hier das plakative Beispiel Ägyptens. Mohammed Mursi als erster frei gewählter Staatspräsident Ägyptens war leider die „falsche“ (demokratische!) Wahl der Ägypter, da er nun mal dummerweise der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbruderschaft angehört. Der Militärputsch kam der „westlichen“ Welt also durchaus zupass – wenn er nicht sogar befeuert wurde. Einen Aufschrei gegen den Militärputsch in Ägypten hat es zumindest nicht gegeben. Demokratie woanders macht also nur so lange Spaß, solange gleichzeitig die Interessen der USA oder Deutschlands und der EU gewahrt bleiben, solange die Außengrenzen in irgendeiner Art stabilisiert werden, unabhängig davon, wer die ganz realen Kosten (auch die für Leib und Leben) dafür zu tragen hat. Für solche Vorgänge gibt es das Feigenblatt der sog. „Realpolitik“, hinter dem man sich stets sammeln und (vor sich selbst) rechtfertigen kann.

Zurück zu Tunesien: Nicht zuletzt rief die Wahl des Quartetts als Nobelpreisträger bei den Tunesiern selbst weder Stolz, noch eine Bewegung in Richtung weiterer Einheit, sondern vielfach blankes Entsetzen, hervor. Warum das? Schauen wir uns die Mitglieder des Quartetts an:

  • Der Gewerkschaftsdachverband scheint vordergründig dabei eine wenig fragwürdige Gruppierung zu sein, die zumal im Laufe ihrer Geschichte immer wieder unter gewaltsamen Gängelungen zu leiden hatte. Nur: Der Vorsitzende, Houssein Abbasi ist ein Syndikalist, der dem Land – aus Sicht der Tunesier selbst – aus reinem Eigennutz Streik über Streik zumutet, die sich die Menschen nicht leisten können.
  • Der zweite Baustein im Bunde, die Vereinigung der Rechtsanwälte, nimmt für sich in Anspruch, für die Intellektuellen Tunesiens zu sprechen – ein Anspruch, den interessanterweise der bereits genannte Gewerkschaftsverband auch für sich reklamiert. Wieso sollten aber Juristen die Gesamtheit der Intellektuellen eines Landes vertreten? Sitzen vielmehr die Rechtsanwälte nicht immer nur deswegen mit am Verhandlungstisch, weil sie sich gebraucht fühlen, wo immer es Verträge zu verhandeln und zu schließen gilt?
  • Der Handels- und Industrieverband unter dem Vorsitz von Frau Widad Bouchemmaoui ist ein weiterer Baustein des preisgekrönten Quartetts. Auch die Industrie spielt volkswirtschaftlich immer eine wichtige Rolle in einem Land, als Arbeitgeber, als Steuerzahler, usw. Was nun den wenigsten Menschen bekannt ist, ist die Tatsache, dass der Bruder von Widad Bouchemmaoui, Tarak Bouchemmaoui, als Vorsitzender dem größten Gasprojekt Tunesiens vorsteht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt – auch vor dem Hintergrund internationaler Gaslieferverträge, die die Versorgung nicht nur Tunesiens sichern.
  • Alleine der Tunesischen Liga für Menschenrechte möchte man zutrauen, sich tatsächlich gemäß ihres Programms eingesetzt zu haben – jedoch schwingt immer die Angst mit, im historischen Fortgang solcher Institutionen eines Besseren belehrt zu werden.

Ein weiterer Grund der Unzufriedenheit der Tunesier seit der Revolution dürfte in dem Empfinden unerfüllter Versprechen liegen, die – wenngleich vollkommen heterogen – mit jeder Revolution (in der Tatsache der Ablehnung des status´ quo als zeitweise einender Tatsache) verbunden sind. Der Prozess der Veränderung setzt dann mit dem Erwachen in der neuen Situation jedoch erst ein und ist erfahrungsgemäß ein langwieriger und beschwerlicher.

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Ganz allgemein hat die Wahl des schwedischen Komitees seit jeher polarisiert. Selbst wenn sich sicherlich die meisten Menschen mit z.B. Martin Luther King (1964) mit Desmond Tutu (1984) oder Aung San Suu Kyi (1991) als Preisträger anfreunden konnten, waren auch mit diesen Entscheidungen je politische Hintergründe verbunden. Ein Faktum auf das es zurückzukommen gilt.

Der Aufschrei war groß, als die Europäische Union 2012 den Friedensnobelpreis erhielt. Eine Institution, zumal eine gerade in der Wirtschaftskrise stark umstrittene, als Träger dieses wichtigen Preises internationaler Aufmerksamkeit? So sehr man auch über diesen Preisträger diskutieren kann, wurden meines Erachtens und sachlich betrachtet, damals – von den Medien, der Öffentlichkeit, den Kritikern – zwei wichtige Punkte übersehen: Einmal wurden seit jeher schon Institutionen und nicht nur einzelne Menschen mit diesem Preis bedacht – man denke an das Flüchtlingshilfswerk UNHCR (1954), die UNICEF (1965), Amnesty International (1977) oder an Ärzte ohne Grenzen (1999). Politische Hintergründe bestehen zumindest auch beim Flüchtlingshilfswerk und der UNICEF – so in der Verteilung von Posten und Vorsitzen zur Versorgung ehemaliger Politiker. Aber eben auch die Verleihung an einzelne Menschen polarisierte seit jeher. Im Falle des bereits genannten Martin Luther Kings zumindest bei Rassisten in den USA, im Falle Desmond Tutus bei konservativen Buren in Südafrika oder im Falle Aung San Suu Kyis bei der Militärregierung Myanmars und anderen Diktaturen. (Am Rande: Einzelne Preisträger sollten dem Komitee zwischenzeitlich hoffentlich selbst unangenehm sein – man denke hier nur an das Jahr 1973 und Henry Kissinger). Aber: Eine polarisierende Wirkung sollte und soll der Preis ja wohl auch stets haben; das Augenmerk soll auf Regionen, Menschen, Zustände gelenkt werden, es geht um das Sichtbarmachen von Engagement gegen Mißstände, es geht um Freiheitskämpfer, um Menschlichkeit, um die Stimmen der Unterdrückten und politisches Engagement.

Und deswegen scheint mir – unabhängig aller bisheriger Ausführungen – stets die Begründung des Komitees zur Verleihung des Preises das ganz Entscheidende zu sein, das für die externe Bewertung der auch allgemein anzuerkennenden Würdigkeit des Preisträgers herangezogen werden kann. Und dafür kann es meines Erachtens – der Preis trägt den Indikator schon im Namen – stets nur um Bemühungen in Richtung Frieden, friedvollen Zusammenlebens, der Lenkung der Blickrichtung öffentlicher Aufmerksamkeit auf Krisensituationen, unhaltbare, unmenschliche Zustände, Krisenherde oder humanitäre Katastrophen gehen.

Dass ich damit nicht diejenigen Preisträger meinen kann, die Kriege anzetteln und führen, um dann im Falle eines Friedensschlusses den Friedensnobelpreis zu erhalten, ist evident. Was für eine Perversion, auch hier lässt sich bestens wieder Henry Kissinger als Negativbeispiel anführen. Hier weitergedacht, wäre dann dieser Logik folgend der Syrer Baschar al-Assad ein potentieller Preisträger, sollte er sich – nach der weitgehend erfolgten Vernichtung seines eigenen Volkes – dann nur irgendwann für einen Friedensschluss einsetzen.

Und hier wird nun eindeutig deutlich, welche Funktion dem Friedensnobelpreis durch das Komitee zugeschrieben wird, dem Preis aber meines Erachtens eigentlich nicht zukommt oder zukommen sollte: Das Komitee versucht, aktiv Politik zu machen, Politik aktiv zu beeinflussen und sei es in der Stabilisierung einer als politisch erhaltenswert empfundenen Situation. Eine Einmischung in politisches Geschehen, die dem Komitee weder zusteht, noch mit der Idee des Preises in Einklang steht und die zumindest einem Teil der bisher Ausgezeichneten tatsächlich auch unwürdig ist.

Die Prämisse des Friedensnobelpreises lautet: Der Friedensnobelpreis soll an denjenigen vergeben werden, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat.

Mein Vorschlag: Diese Prämisse ist einerseits dringend wieder ernst zu nehmen. (Barack Obama hätte damit – bei genauer Lektüre – diesen Preis 2009 nicht erhalten können. Und ebenso wenig hätte das tunesische Quartett somit den Preis erhalten dürfen, zumal, wenn man die o.a. Begründung (“Schaffung einer pluralistischen Demokratie“) und den Wortlaut der geforderten Voraussetzungen potentiell Preiswürdiger abgleicht. Allenfalls hätte die „Förderung von Friedenskongressen“ als Begründung herangezogen werden können, was aber nachweislich nicht passiert ist.)

Und andererseits wäre der Passus unbedingt zu ergänzen um die Tatsachen eines unaufhörlichen, nachhaltigen, auf dauerhafte Humanität, auf wirklichen Frieden förderlichen Hinwirkens, ausnahmslos in der Vergangenheit und unbedingt potentiell in die Zukunft – und keinesfalls beispielsweise nur ein (vergangenes) Jahr isoliert betrachtet.

Bekannte und unbekannte Kämpfer, überzeugte Pazifisten, nachhaltiges Bemühen um Frieden sollten die Ehrung erfahren, nicht Realpolitik, die durch diesen Preis ohnehin nicht beeinflusst werden kann und in ihrem genuin inhärenten und – zumindest übergreifend betrachtet – nationalen Lobbyismus eine absolut ungerechtfertigte Aufwertung erfährt. Keine (nachträgliche oder potentielle) Legitimation der Weltpolitik sollte vorgenommen werden, vielmehr sollte der Blick auf die Landkarte der Ungerechtigkeiten, Kriege, Völkermorde, Unterdrückungen durch das Komitee eingenommen werden. Und auch das Preisgeld wäre damit in vielen Fällen sicherlich besser einzusetzen, als das in der Vergangenheit passiert ist – eben auch bei den wahren und doch oftmals so unsichtbaren, oftmals benachteiligten, unterdrückten und doch unermüdlichen Helden des Kampfs eines friedlichen Zusammenlebens weltweit, zwischen den Völkern, im Kleinen, wie ebenso auf die gesamte Menschheit bezogen.


Zum Weiterdiskutieren:

Gehen Sie in das persönliche Gespräch mit beispielsweise Tunesiern oder Ägyptern! Die Sichtweise auf viele der Entwicklungen gewinnt ungeahnt neue Facetten durch Augenzeugenberichte oder die Meinung und Erlebnisse unmittelbar Betroffener.


Zum Weiterlesen:

Žižek, Slavoj: Ärger im Paradies. Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus. Frankfurt am Main 2015
Exemplarisch lohnt unbedingt der Blick in das 2. Kapitel, v.a. ab S. 86 ff. Darin zeigt Žižek denkbare Hintergründe der Wahl Obamas zum Präsidenten der USA verbunden mit seiner Preisträgerschaft des Friedensnobelpreises auf, was gerade in der Verknüpfung zur Tatsache der Verfolgung der sog. „Whistleblower“ Snowden oder Manning durch die USA ein großes, wie ebenso erschreckendes (Lese-)Vergnügen ist. Und auch das 3. Kapitel (v.a. die Seiten 160 ff.) ist hochspannend: Hier widmet sich Žižek ausführlich der Untersuchung bzw. Diagnose zur gescheiterten Revolution in Ägypten, bzw. der Revolution zur Revolution.

Wikipedia: Eine vollständige Liste der bisherigen Friedensnobelpreisträger findet sich dort. Sie werden es tatsächlich oft nicht glauben, wer diesen Preis seit dem Jahr 1901 verliehen bekommen hat. Vergleichen Sie gerne die bisherigen Preisträger mit der oben zitierten Begründung, die allen Entscheidungen zugrunde lag. Und seien Sie mit mir gespannt, welche Preisträger (und mit welchen Begründungen!) künftig noch dazu kommen werden…!

Die Begründungen des Komitees für die Verleihung an die Preisträger im Wortlaut findet sich unter http://nobelpeaceprize.org.


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Helmut Schmidt mit John Stuart Mill.

Nachbetrachtungen zum Tode und des deutschen Bundeskanzlers (a.D.) Helmut Schmidt 2015.

John Stuart Mill war Nationalökonom und Philosoph, er setzte sich bereits Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts in England für Sozialreformen und das Wahlrecht für Frauen ein. Mill galt als pragmatischer Politiker, er vertrat einen liberalen Utilitarismus. Sein Lebensthema war die Freiheit des Menschen. In seinem Buch „Über die Freiheit“ entwickelte John Stuart Mill ein damals weitgehend bahnbrechendes Menschenbild.

Wenn Pragmatismus in der Politik als Gütezeichen gelten soll: Als Rückbetrachtung zum Tode des deutschen Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt erschienen in vielen deutschen, aber auch internationalen Gazetten Nachrufe, Berichte über ein langes Leben und es kamen Wegbegleiter Schmidts zu Wort. Oft fielen dabei Worte wie eben „Pragmatismus“, aber auch „scharfer Verstand“, „Eloquenz“, „Kultur und Bildung“. Am deutlichsten las sich ein Nachruf im britischen Telegraph, der Schmidt als „Terrier“ charakterisierte, der unduldsam gegenüber Mittelmäßigkeit und sich seiner Größe im Verhältnis zu anderen Politikern durchaus bewusst gewesen sei. Schmidt galt als eben pragmatischer Politiker. Seine Positionen vertrat er dabei selbstbewusst und unbeirrt, man denke an den NATO-Doppelbeschluss, der letzten Endes mit zur Gründung der „Grünen Partei“ in Deutschland beigetragen und der SPD sicherlich Wählerstimmen gekostet hat.

Fast mitleidsvoll musste man dann die letzten Jahre die Auftritte Schmidts in diversen Fernsehformaten verfolgen, in denen er sich als sturer und zuletzt wirrer alter Mann präsentierte, der unablässig rauchend als Abklatsch seiner selbst, aus der Zeit gefallen, herumsaß und dargeboten wurde. Fast genauso mitleidsvoll möchte man aber all´ den Konservativen begegnen, die Schmidt während seiner politischen Laufbahn maximal bekämpft haben – man denke nur an das konstruktive Misstrauensvotum und die Inthronisierung von Helmut Kohl als Bundeskanzler im Oktober 1982. Und eben diese Konservativen, deren politische Nachkommen und deren Medien (BILD-Zeitung) schrieben Schmidt dann in seinen letzten Lebensjahren eine Vorbildfunktion als moralische Instanz ins Buch. Eine Gefahr ging dann ja nicht mehr aus von Schmidt. Puren Opportunismus nenne ich das – damals wie heute.

Die Frage, die sich stellt, ist diese: Würde ein Politiker wie Helmut Schmidt heute gewählt werden? Und warum ist die Mehrheit der Deutschen letztlich zu Schmidt-Fans mutiert, quer durch alle Schichten, über alle Parteigrenzen hinweg?

Meine Antwort unter Beobachtung der aktuellen politischen Landschaft lautet: Nein, solche Politiker gibt es derzeit nicht. Politiker, die Pragmatismus mit Visionen, Standpunkte mit Kompromissbereitschaft und persönlichen Einsatz mit Vorbildfunktion verknüpfen, unabhängig des Zeitgeistes, der politischen Berichterstattung und aktueller Umfragewerte. Vielleicht gibt es eine Sehnsucht der Menschen nach Politikern dieses Schlags? Wenn tatsächlich charismatische Persönlichkeiten auftauchen, dann meist in tatsächlich „neuen“ politischen Gruppierungen und das Argument der drohenden Radikalisierung wird dann sofort herausgeblasen. Im konservativen Dunst, den es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der heute noch bestehenden Form in Deutschland gibt, wird jede Neuerung, jede noch so kleine Gefahr einer Revolution der bestehenden Verhältnisse als unabdingbar im Chaos endend gebrandmarkt. Dabei gehört selbstverständlich jede Ideologie, die sich von universalen Menschenrechten verabschiedet, diese negiert oder nur ausgewählten Menschen zuschreibt, tatsächlich bekämpft.

In der Geschichte der BRD hat es mit der Grünen Partei nur eine Partei gegeben, die es gegen die herrschende Meinung und trotz aller Anfeindungen, Verleumdungen und Bekämpfungen geschafft hat, sich in die politische Situation tatsächlich neu zu inkorporieren. Gescheitert sind die anderen Parteien entweder an Verbotsverfahren (wie die KPD 1956) oder an der eigenen Unfähigkeit (wie die Piraten-Partei). Wohin sich letztlich die – radikale – NPD (Verbot?) und die AfD (Unfähigkeit?) entwickeln, bleibt aktuell zu beobachten und maximal kritisch zu begleiten.

Aber auch innerhalb der sog. etablierten Parteien wird jede Form der Nicht-Konformität, der Unangepasstheit, jede Form neuer Ideen, sofort unterdrückt. Wie sollen da Individualität, Kreativität, Eigenständigkeit im Denken, Esprit, schlicht: wirkliche Persönlichkeiten gedeihen?

Zurückkommend auf John Stuart Mill: Wenn man sich das „verwaltende Personal“ der deutschen Parteien anschaut, gibt es meines Erachtens niemanden, der sich intellektuell und seine Persönlichkeit betreffend mit Politkern vom Schlage Helmut Schmidts messen könnte. Mill schreibt: „Wenn man die Dinge nüchtern betrachtet, so muß man sagen: wieviel Huldigung auch der wahren oder angenommenen geistigen Überlegenheit dargebracht wird, so strebt die allgemeine Neigung doch dahin, der Mittelmäßigkeit die größte Macht über die Menschen zu geben.“ (S. 93)

Allerdings: Ist das wirklich zu bedauern? Oder bekommen wir nicht genau die Politiker, die wir uns als Ganzes, als Gesellschaft suchen?

Wenn es also tatsächlich eine Sehnsucht nach anderen Politkern gibt, die Pragmatismus mit Standhaftigkeit, Überzeugungen mit Eloquenz verbinden, dann ist diese Sehnsucht allenfalls eine diffuse. Als nüchtern würde ich die zitierte Passage Mills nicht bezeichnen, vielmehr als angemessen pessimistisch und als nach wie vor real: Gesucht bleibt meist die Mittelmäßigkeit, die anpassungsfähig mit den Medien, den Meinungen, den Menschen umgehen kann, die niemanden wirklich intellektuell und emotional (Herz und Verstand) fordert, die die Bevölkerung in der Mehrzahl in ihrer – wohl nachvollziehbaren – bestenfalls Mittelmäßigkeit abholt, sofern der Gang an die Wahlurne überhaupt noch angetreten wird.


Zum Weiterlesen:

John Stuart Mill: Über die Freiheit. Hamburg 2011


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Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Das Wort der „Nachhaltigkeit“ ist heute in aller Munde und wir sind vielfach mit diesem Wort konfrontiert. Es geht um nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltige Unternehmensführung, die Politik schreibt sich das Wort auf die Fahne. Es gibt Nachhaltigkeitskonzepte in Schulen und Kindergärten, nachhaltiges Denken und Handeln soll unseren Alltag in Bezug auf unser Verhalten oder unseren Konsum bestimmen.

Was aber bedeutet dieses Wort der „Nachhaltigkeit“ tatsächlich? Nachstehend werde ich ein Konzept darstellen, das versucht, eine umfassende, ganzheitliche Perspektive des Begriffs der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Dieser Begriff wird sich auf unterschiedliche Bereiche beziehen, da Nachhaltigkeit bezogen auf soziales Zusammenleben im Rahmen unserer zunehmend globalisierten Welt eine entscheidende Rolle spielt. Auch der Zusammenhang zwischen heutigen Anforderungen und den Anforderungen künftiger Generationen, also der Zukunftsaspekt im Sinne der Generationengerechtigkeit, ist entsprechend zu würdigen.

Gerade im Bereich der Ökologie und im Bereich wirtschaftlich tätiger Unternehmen spielt der Begriff der Nachhaltigkeit eine prominente Rolle. Eine umfassende Definition des Konzepts verlangt aber mehr, als die reine Konzentration auf Umweltaspekte oder unternehmerisches Tun.

Um sich dem Begriff der Nachhaltigkeit anzunähern, scheint ein Blick in den Duden hilfreich. Dort wird Nachhaltigkeit definiert als

  1. längere Zeit anhaltende Wirkung
  2. forstwirtschaftliches Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann
  3. ökologisches Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann.

Diese Definitionen zielen (historisch) schwerpunktmäßig auf den ökologischen Aspekt der Nachhaltigkeit. Eine Beschränkung, die im heutigen Verständnis des Worts zu kurz gegriffen scheint. Zwar spielt der ökologische Aspekt eine große Rolle, andere Bereiche sind jedoch mitzubedenken und gerade der Aspekt der Dauerhaftigkeit ist ein entscheidender, der auf andere Bereiche ebenso Anwendung finden muss.

Bevor in die verschiedenen Teilbereiche nachhaltigen Denkens und Handelns einzusteigen ist, scheint es mir entscheidend, den Zeitaspekt voranzustellen. Egal, ob es um die nachstehend dargestellten Bereiche ökologischer, politischer, gesellschaftlich-sozialer, wirtschaftlicher oder auf den Lebensstil des Einzelnen bezogener Nachhaltigkeit geht, müssen immer die Aspekte aktueller Bedürfnisse der Gesellschaft in Verbindung der Handlungsoptionen künftiger Generationen betrachtet werden. Wer den Lebensraum unserer Nachfahren erhalten will, der muss bereits heute nachhaltig denken und handeln, und das eben in allen genannten Teilbereichen. Die Beachtung der zeitlichen Komponente und eine damit verbundene Antizipationsfähigkeit möglicher Entwicklungen mit allen daraus resultierenden Wirkungen sind somit unerlässlich. Und dabei muss unbedingt die Dynamik von Entwicklungen mitbedacht werden: Die gesellschaftlichen oder ökologischen Rahmenbedingungen verändern sich und diesen Veränderungen muss sich ein dynamisches Konzept der Nachhaltigkeit aktiv stellen.

Folgende Teilbereiche des Nachhaltigkeitsbegriffs sind ergänzend entscheidend, um eine umfassende Definition vorzubereiten:

  • Ökologische Dimension: Auf den Umweltaspekt wurde bereits eingegangen. Ökologisch-nachhaltiges Denkens und Handelns lässt sich beispielweise im Rahmen der Energiepolitik verdeutlichen. Die Nutzung Erneuerbarer Energien trägt zur Reduzierung von Treibhausgasen bei und kann damit zur Verlangsamung der Erwärmung unserer Atmosphäre führen. Aber auch die Einstellung und Entscheidungen Einzelner spielen eine Rolle, wie unter dem Aspekt des „Lebensstils“ noch verdeutlicht wird.
  • Politische Dimension: Nachhaltiges Denken muss politische Entscheidungen beeinflussen, ob lokal, national oder international. Politik hat die Aufgabe, die Rahmenbedingungen zu schaffen und zu erhalten, um die Zukunft zu sichern. Je nationale Interessen stehen dabei jedoch oftmals im Widerspruch zueinander, was globale Vereinbarungen hemmt, man denke hier an die Ergebnisse bisheriger Klimakonferenzen, die reine Absichtserklärungen, ohne wirklich bindenden Charakter hervorgebracht haben. Ebenso ist der Hunger der Welt nicht besiegt, nicht alle Menschen haben gleichgeartete Möglichkeiten des Zugangs zu sauberem Wasser oder medizinischer Versorgung, Fragen, die oftmals im Zusammenhang der Instrumentalisierung der politischen Entscheidungsträger durch (Wirtschafts-)Lobbyisten stehen.
  • Gesellschaftlich-soziale Dimension: In enger Verknüpfung damit steht diese Dimension, die eine notwendige Ergänzung zur politischen Dimension darstellt. NGOs, Verbände, Stiftungen, Kirchen oder auch Netzwerke unterliegen nicht (oder weniger) dem Druck nationaler politischer Interessen und können sich gerade deswegen auch global unabhängiger für Menschenrechte, Klimaschutz und ökologische Standards oder gegen Krieg und Hunger einsetzen. Aber auch allgemeine Fragen der Interkulturalität oder der Geschlechterverhältnisse spielen eine Rolle. Ein Beispiel einer wichtigen gesellschaftlich-sozialen Dimension (auch im Konflikt mit der politischen) ist die aktuelle sog. „Flüchtlingskrise“. Obwohl es heute Konsens in der Wissenschaft ist, dass gerade die BRD Einwanderer benötigt, um den aktuellen Wohlstand auch nur zu halten, agiert die Politik hier anders. Privates gesellschaftliches Engagement heilt dabei einige der Fehler, die im schwerfälligen und von Umfragen getriebenen politischen Bereich aktuell für die Zukunft gemacht werden.
  • Wissenschaftliche Dimension: Auch in der Wissenschaft ist nachhaltiges Denken und Handeln notwendig, bezogen auf alle o.a. Bereiche und Teilgebiete, insofern man der Wissenschaft einen begleitenden Charakter zuschreibt, aber auch einen Innovationen fördernden und die Einnahme einer Metaperspektive. Der Bereich der „Nachhaltigkeitswissenschaften“ gewinnt eine immer größere Bedeutung, was durch die steigende Anzahl möglicher Studiengänge verschiedener Disziplinen in diesem Bereich verdeutlicht werden kann.
  • Wirtschaftlich-unternehmerische Dimension: Unternehmen sind eingebunden in gesellschaftliche Prozesse und Teil des gesamtgesellschaftlichen Systems, sie nehmen Einfluss auf und unterliegen politischen Entscheidungen und beeinflussen die Umwelt oft genug erheblich. Im Bereich nachhaltigen Wirtschaftens geht es um entsprechende Positionierung, um den langfristigen Erfolg, auch aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive (Unternehmen als Arbeitgeber, Steuerzahler, auch Mäzene). Unternehmen sind gefordert, Entscheidungen zu treffen und diese transparent zu machen. Nur dadurch wird die Glaubwürdigkeit aufrechterhalten und das Vertrauen der Stakeholder, also aller am Unternehmen interessierten Parteien (Eigentümer, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Kreditgeber, Staat) gesichert. Auch wenn wirtschaftlich tätige Unternehmen dem Diktat der Gewinnerzielung unterliegen, stellen sich zunehmend Anforderungen, sich der Verantwortung bewusst zu sein, nicht zuletzt durch die Tatsache, dass sich immer mehr Verbraucher vor Kaufentscheidungen informieren und Aspekte nachhaltiger Produktion (von Sachgütern und Dienstleistungen) hinterfragen.
  • Dimension des Lebensstils des Einzelnen: Eben diese Möglichkeiten und Tatsachen der Verbraucher stellen Chance und Gefahr für die Unternehmen dar: Chance in der Positionierung als nachhaltig wirtschaftende Unternehmen, Gefahr in der Tatsache nicht ernst gemeinter Nachhaltigkeit, als reine Werbeversprechen (das sog. Greenwashing). Jeder Konsument aber auch jeder (aktuelle und potentielle) Arbeitnehmer kann sich zumindest informieren, wie sich das Verhältnis der Belastungen für Gesellschaft, Umwelt und Menschen zwischen Produktion und Gebrauch von Sachgütern und Dienstleistungen verhält. Und diese Information sollte sowohl in die Kaufentscheidung, als auch in die Entscheidungen, die als Angestellter einer Firma zu treffen sind, einfließen. Auf der anderen Seite ist – selbst bei umfassender Information – ein vollständig ethisches, umweltverträgliches, ressourcenschonendes Leben des Einzelnen wohl nicht möglich. Dafür unterliegen wir auch ganz praktischen Zwängen, in der Arbeitswelt ebenso, wie in Wirtschaftssystemen an sich. Und nicht jeder Mensch ist bereit (man denke an Flugreisen), fähig (Bildung) oder in der Lage (Zugang zu Informationen), sich immer vorab zu informieren und dann auch danach zu handeln.

Zusammenfassend lassen sich somit Ziele und Wege der Nachhaltigkeit festhalten: lokal, national und global; heute und morgen; dauerhafte wirtschaftliche, ökologische, gesellschaftlich-soziale und wissenschaftliche Entwicklungen.

Anmerkung: Den Teilbereich kulturellen Lebens (oder das, was heute darunter verstanden wird) habe ich bewusst außen vor gelassen, da dieser unter allen genannten Teilbereichen zu subsumieren wäre. Und nicht zuletzt stammt auch das lateinische Verb colere, von dem unser Begriff der „Kultur“ abgeleitet ist, im Sinne von „bauen, bestellen, bearbeiten“, ursprünglich aus dem Bereich der Landwirtschaft. Was aber mit zu bedenken ist, ist der Bereich der Bildung. Diese ist unabdingbar, in Richtung Nachhaltigkeit zu denken und zu handeln, gleichzeitig muss Bildung selbst nachhaltig sein. Das meint umfassend, lebenslang, am Menschen orientiert, international und vorurteilsfrei.

Aus den aufgeführten Teilbereichen, Aspekten und Punkten kann somit folgende mögliche Definition des Begriffs der „Nachhaltigkeit“ als ganzheitlich-umfassendes Konzept entwickelt werden:

Nachhaltigkeit (die):

„Nachhaltigkeit meint ein ganzheitliches, universales und umfassend einzusetzendes Konzept der Verantwortung im Rahmen menschlichen Denkens und Handelns. N. betrifft die Teilbereiche der Ökologie, Ökonomie, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft sowie die Frage des Lebensstils des Einzelnen. Unter Einbezug von Informationen müssen individuelle und kollektive Entscheidungen getroffen werden, die den dynamischen ökologischen, ökonomischen, politischen, sozial-gesellschaftlich und wissenschaftlichen Rahmenbedingungen und Anforderungen an ein solches Konzept gerecht werden. Es geht um nachhaltige Bildung in Richtung relevanter Konzepte, das Formulieren von Zielen und Wegen, das Erkennen von Chancen und Risiken, von Entscheidungsgrundlagen und Handlungsalternativen. Dabei spielt der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle: Heutige Anforderungen müssen ebenso mitbedacht werden, wie die Anforderungen zukünftiger Generationen an aktuelle Entscheidungen und die Tatsache dynamisch sich verändernder Rahmenbedingungen. N. versucht, Werte zu schaffen und langfristig Werte zu erhalten. N. lässt sich damit wechselseitig zugleich auch als Forderung an ein System prozessual sozial interagierender Individuen und Institutionen im weitesten Sinne verstehen.“

Abschließend möchte ich noch den englischen Begriff der „Nachhaltigkeit“ in die Diskussion einführen, der da lautet: sustainability. Das zugehörige Verb lautet to sustain und meint, neben der Bedeutung „zu erhalten“ ebenso „zu tragen“. Und dieses Bild passt nach meinem Dafürhalten ganz hervorragend für das Konzept der Nachhaltigkeit: Wir tragen die Verantwortung für diese, unsere Welt, und das nicht nur aktuell, sondern auch mit Blick in die Zukunft – in einem nicht abschließbaren Prozess interagierender Sphären, Teilbereiche, Systeme und Subjekte.


Zum Weiterlesen:

Duden 2015, Begriff der Nachhaltigkeit; online abrufbar auf www.duden.de

Göbel, Elisabeth: Unternehmensführung und Moral. Konstanz 2014

Heins, Bernd: Soziale Nachhaltigkeit. Berlin 1998

Lexikon der Nachhaltigkeit, online abrufbar auf www.nachhaltigkeit.info


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Möglichkeiten der Dechiffrierung von Propaganda.

Setzen wir voraus, die sogenannten „seriösen“ Tageszeitungen, Magazine, Fernsehformate, Talkshows, usw. würden tatsächlich keine Propaganda betreiben, sondern rein neutral informieren – wenngleich man zumindest tendenziöse Berichterstattung und das Weglassen von Informationen, was zumindest an die Lüge grenzt, als Grenzfälle betrachten sollte. Und jedes Medium berichtet selbstverständlich in der Art und Weise „gefärbt“, wie es das jeweilige Stammpublikum erwartet.

Allenthalben ist man dennoch Propaganda und Propaganda-Versuchen ausgesetzt, gerade, wenn man sich verstärkt im Internet bewegt. Es gibt ein unüberschaubares Angebot an Internetseiten, an Foren und Plattformen, auf denen mehr oder weniger seriös Informationen angeboten, Meinungen ausgetauscht und persönliche Daten preisgegeben werden. Das Internet ist weltumspannend, anonym, nicht regulier- und regelbar und die gespeicherte Datenmenge wächst täglich in unfassbarer Geschwindigkeit.

Gesteuerte Meinungsmache mit dem Ziel der Beeinflussung der öffentlichen Meinung, also Propaganda, ist dabei kein neues Phänomen. Den Begriff der Propaganda im heutigen Sprachgebrauch kennt die Menschheit spätestens seit der Französischen Revolution und im Sinne der Verbreitung politischer Inhalte. Deutschland ist dabei historisch sehr deutlich von Propaganda geprägt – durch die beiden Weltkriege, die gleichzeitig Propagandaschlachten zwischen den je kriegsführenden Ländern waren.

Um auf das Internet zurückzukommen: Neben der fehlenden, einheitlichen Vorgabe, ein Impressum im Internet veröffentlichen zu müssen (vergleichbar mit einem deutschen Presserecht) –was aufgrund der weltweiten Vernetzung auch nicht durchsetzbar sein wird – wird Propaganda auch durch sog. „Shitstorms“ oder sog. „Trolle“ betrieben. („Troll“ ist die Bezeichnung für Personen, die die Kommunikation im Internet systematisch destruktiv beeinflussen und versuchen, andere Nutzer zu provozieren.)

Welche Möglichkeiten gibt es dann für den Einzelnen, Propaganda (beispielsweise im weltweiten Netz) zu erkennen, zu dechiffrieren und in einen Gesamtkontext einzuordnen – sei dieser nun politisch, gesellschaftlich, historisch oder aktuell? Wie lassen sich neutrale Nachrichten von bewusster Lüge und interessengesteuerter Berichterstattung trennen?

Ich schlage hier vier wesentliche Möglichkeiten vor, die man jeweils anwenden kann, neben der Tatsache, sich den Gesamtkontext stets zu vergegenwärtigen, tatsächlich auf sein Gefühl zu hören und spontane Reaktionen im Netz zu vermeiden:

1. Wer sind Absender und Empfänger der Nachricht?

Diese Frage beschäftigt sich mit der Frage danach, welche Absicht der Absender der Nachricht verfolgt oder verfolgen könnte und welche Empfänger im Fokus stehen. So geht es im politischen Bereich oftmals darum, dem jeweiligen Bild des Anderen entgegenzuwirken. Als Beispiel im internationalen Kontext sei das Russland-Bild in Deutschland genannt, welches – auch in der sog. seriösen Tagespresse – unter bestimmten Prämissen gebildet und aufrechterhalten wird. Dies geschieht nicht zuletzt auch aufgrund der Erwartungen der Empfänger, also der Konsumenten der jeweiligen Medien. Und in Beantwortung darauf unternimmt der russische Staat eine Gegenoffensive dazu im Netz (vgl. z.B. den – auch deutschsprachigen – Internetauftritt der „SputnikNews“).

Eine Sorgfalt in der Auseinandersetzung hinsichtlich Sender und Empfänger im Rahmen der Kommunikationstheorie ist also unerlässlich, ein differenziertes Bild kann durch diese Auseinandersetzung gewonnen werden.

2. Kritische Analyse von Bildmaterial

Auf Basis der heutigen Möglichkeiten der Manipulation von Bildern und Videomaterial sollte eine allzu unkritische Übernahme gezeigter Inhalte vermieden werden. Bei genauer Betrachtung entdeckt man oftmals Fehler, Schattierungen, Brüche, die auf nachträgliche Bearbeitungen hinweisen.

Bilder sollen stets eine Botschaft transportieren, verdeutlichen, verstärken und wirken oftmals stärker, als reine Texte. Ein extremes Beispiel diesbezüglich sind die Videos islamistischer Terrorgruppen, die Enthauptungen sog. „Ungläubiger“ zeigen. Die Islamisten verbreiten gewalttätig eine überkommene Vorstellung der Auslegung des Korans, die die westliche Lebensweise ablehnt. Eine Auslegung übrigens, die in intellektuellen Kreisen und in der weltweiten Koranforschung keinen Bestand hat. (Nebenbei: Gleichzeitig erkennt man dann oft in den Videos westliche Statussymbole – seien dies nun bestimmte, neuzeitliche Waffen, teure Armbanduhren oder Jeeps. Slavoj Žižek hat dies als latentes Begehren und als vorhandenes Neidgefühl dem Westen und der westlichen Lebensweise gegenüber identifiziert, was bekämpft wird (werden muss) und gleichzeitig dadurch eine Zirkularität in Bewegung setzt, die die Spirale der Gewalt immer weiter und weiter drehen lässt.)

3. Realer Austausch mit anderen Menschen

Unerlässlich scheint der reale Austausch mit „echten“ Menschen. Ein wirkliches Meinungsbild, eine tatsächlich vorherrschende Stimmung und Differenzierungen lassen sich wohl nur so erreichen, nicht über die Anonymität im Internet, welches zudem noch beeinflusst werden kann und wird (siehe „Trolle“). Gerade im interkulturellen Kontext scheint dies notwendig. Als Beispiel könnte man die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland heranziehen. Sich alleine auf vermeintlich Berichterstattung oder eben Propaganda zu verlassen, wäre höchst fahrlässig. Neben dem eigenen Gefühl, der bereits andiskutierten Frage nach Sender und bewusst gewähltem Empfänger, kann man sich meines Erachtens das beste Bild machen, wenn man mit den Menschen ins Gespräch kommt .

4. Wissen um historische Zusammenhänge

Geschichtswissen ist unabdingbar, um auch aktuelle Entwicklungen, nationale Besonderheiten, aber auch politische Entwicklungen verstehen und aus heutiger Sicht kritisch deuten zu können.

Beispielsweise restaurierte sich der Islamismus nach dem Ende des Kolonialismus neu, auch, nachdem die lokalen Regierungen danach die jeweiligen Probleme (wie Korruption oder Überbevölkerung in Verbindung mit der Weltwirtschaftskrise) nicht in den Griff bekommen haben. Die heutige, nach wie vor herrschende Hegemonialpolitik, die der Westen an den Tag legt und die Weltwirtschaftspolitik zur Verteidigung nationaler Interessen zu Lasten der restlichen Welt, tragen dann zur Verschärfung der Situation bei.

Bildung, auch historische, ist und bleibt die entscheidende Waffe (um in einer martialischen Sprache zu bleiben), Zusammenhänge zu verstehen, einordnen zu können und aus vermeintlich vorgegebenen Mustern ausbrechen zu können. Nicht zuletzt ist auch hier schlicht Herzensbildung gefragt.

 

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass es darum geht, stets die „Warum-Frage“ zu stellen. Warum also sendet jemand bestimmte Inhalte an welche Empfänger? Warum wird Bildmaterial bearbeitet, warum reagieren bestimmte Menschen in bestimmten Situationen auf eine ganz bestimmte Art und Weise?

Zu bedenken sind daneben unterschiedliche Identitätsmerkmale der je unterschiedlichen Länder: Sprache, Herkunft, emotionale Welt und Prägung, aber auch Architektur, Feiertage und Baudenkmäler, Flagge und Hymne, also Kultur im weitesten Sinne. Jedes Land ist aus der je eigenen Prägung und Geschichte heraus zu verstehen. Und ein Interesse an und eine Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen sollten zu einem gegenseitig wachsenden grundlegenden Verständnis beitragen. Mit einer entsprechenden Bereitschaft kann die Völkerverständigung im Kleinen, wie auch im Großen nur gewinnen.

Im Internet gehen Kontrolle und Verantwortlichkeit sukzessive verloren. Daher besteht einmal die Notwendigkeit, auch „Online-Kommunikation“ im weitesten Sinne als Herausforderung für Forschung und Lehre zu begreifen.

Und zum anderen scheint der beste Schutz immer in der Öffentlichkeit bzw. der öffentlichen Diskussion zu bestehen, also im Bestreben, alles „öffentlich“ zu machen, den öffentlichen Diskurs zu suchen, Interesse zu wecken und zu befeuern. Das betrifft Journalisten ebenso, wie Aktivisten, Betroffene ebenso wie Interessierte.

Dass auf der anderen Seite gerade mit dem Internet damit dann ganz eigene Gefahren und Probleme einhergehen (Provozieren von „Shitstorms“, Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch „Trolle“, Mobbing, Lancierung von Falschmeldungen und reinen Gerüchten, und das alles unter Berücksichtigung der massiv vergrößerten Reichweite und einer nahezu unbegrenzten Speicherung), muss unbedingt mit bedacht werden.

 


 

Zum Weiterlesen:

Johannes Grotzky: Panta Rhei. Beiträge zur Medienkultur. Norderstedt 2012

Max Bernlochner: Interkulturell-interreligiöse Kompetenz. Bochum 2013

…und maximal streitbar: Slavoj Žižek: Blasphemische Gedanken. Islam und Moderne. Berlin 2015


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Der Schatten des Prometheus.

Das Motiv des Prometheus als des Begründers menschlicher Technik zieht sich durch die Kulturgeschichte. Prometheus brachte in der Sage den Menschen das Feuer und wurde dafür bestraft. Mit Hilfe des Feuers konnte der Mensch seine auch technische Entwicklung nehmen und das Übel, das im Zuge der prometheischen Tat durch die Büchse der Pandora auf die Welt gekommen war, bekämpfen. Die den Menschen durch die Götter zuletzt doch zugestandene Hoffnung mildert zudem alles ab. Nur die Hoffnung nach Unsterblichkeit bleibt wohl (zumindest aus heute absehbarer Sicht) unerreichbar.

Das Motiv des Prometheus dient einerseits als Motiv des Fortschritts, wird dann aber immer wieder auch im Rahmen der Technik- und damit Kulturkritik herangezogen. Welche Anforderungen stellt aber eine Entwicklung der Technik, die fortschreitende Technisierung an die Menschheit?

Ohne Technik wäre unsere Kultur nicht vorstellbar. Technisches Tun steht dabei stets im kulturellen Kontext. Der griechische Begriff der technȇ steht für Kunst und Kultur, Wissenschaft und Technik gleichermaßen.

Innerhalb der Philosophie wird die Technik als über- bzw. interdisziplinärer Reflexionsbegriff gefasst für die Betrachtung des einzelnen Artefakts, zu allgemeinen Fragen, wie der Funktionsweise, bis hin zur Bedeutung für den Menschen und die Beziehungen der Menschheit zur Technik. Die ursprüngliche Bedeutung der Technik zum Nutzen des bloßen Überlebens ist in unserer auch technisch globalisierten Welt in weiten Teilen überholt.

Die Beurteilung der Chancen und Risiken ist dann die entscheidende Frage. Weder eine pessimistische Ablehnung jeder neuen Entwicklung, noch eine unreflektierte Fortschrittsgläubigkeit sind dabei zielführend. Es stellen sich die Fragen nach dem Können und Sollen, nach dem Dürfen und Wollen. Gefordert ist eine philosophische (und gesellschaftlich-politische) Auseinandersetzung mit normativen Strukturen technischen Handelns und die Erarbeitung und Fortentwicklung eines theoretischen Fundaments, das uns Leitlinien zum Umgang mit Technik liefert.

Wie bereits gesagt, bloße Fortschrittsgläubigkeit liefert keine Lösungen, genauso wenig, wie die pauschale Verurteilung jeden Fortschritts und der Technik als Schlechtes per se. Wir müssen uns stets aufs Neue mit ethischen, normativen, gesellschaftlichen und ökologischen Themen auseinandersetzen. Global steigender Wohlstand, steigender Zugang zu Bildung, abnehmende Säuglingssterblichkeit, die weltweite Zunahme an Gesundheit, zuverlässige Energieversorgung oder allgemeine Erleichterungen im täglichen Leben sind als eindeutig positive Folgen auch zunehmender Technisierung zu nennen. Jeder Mensch hofft auf steigenden Wohlstand, auf bessere Gesundheit, ein langes Leben, auf Sicherheit und die Abnahme von Mühsal.

Dass diese Versprechen dagegen in weiten Teilen der Welt heute noch immer nicht möglich sind, hat unter anderem mit den globalen Auswüchsen auch der Technik zu tun. Um unsere Maschinen am Laufen zu halten, werden ganze Landstriche verwüstet oder vergiftet, die Meere verseucht, die Luft verpestet und Menschen willentlich und wissentlich geopfert. Und dazu muss man nicht unbedingt nur in sog. Entwicklungsländer schauen – auch in der BRD gilt beispielweise nach wie vor kein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen. Ein solches würde erwiesenermaßen zu weniger Unfalltoten, weniger Lärm und weniger Umweltverschmutzung (und daraus resultierender Erkrankungen) beitragen. Es werden aber – wissentlich und willentlich – jedes Jahr tausende Menschenleben der Dynamik und Geschwindigkeit der Maschinen im wirtschaftlich angeblich notwendigen Kontext geopfert, dem vermeintlichen Recht des Einzelnen auf individuell schnellstmögliche Überbrückung räumlicher Entfernungen.

Wie kann eine gesamtgesellschaftliche Diskussion dann aussehen? Einerseits muss jedes Individuum Handlungsfolgen abschätzen, sich moralisch-ethische Aspekte bewusst machen. Andererseits ist die Politik gefordert, den auch rechtlichen Rahmen (Gesetze, Verordnungen, Grenzwerte, usw.) zu definieren, in welchem sich die Individuen und die Gesellschaft als Ganzes bewegen.

Und die Möglichkeiten der Bildung und der Informationsbeschaffung sind ebenso maßgebend, z.B. Kaufentscheidungen betreffend. Viele Unternehmen schreiben sich bereits heute den Versuch nachhaltiger Produktion auf die Fahnen. Das geht jedoch einerseits nicht ohne das Zutun und aktive Kaufentscheidungen der Verbraucher. Andererseits sollen die Themen verfehlter ethischer Standards, des „Lobbyismus“ sowie des „Greenwashings“, also der marketingtechnischen Verschleierung letztlich doch nicht nachhaltig ökologischer Produktion, hier nicht weiter vertieft werden. (Jedoch: Alleine die Vorgänge um die Betrugssoftware bei VW, die Schmiergeldaffäre von Siemens, die Bordellaffäre der ERGO oder die Vorgänge um illegale Geschäfte deutscher Waffenschmieden rechtfertigen detaillierte, auch ethische Untersuchungen.)

Um zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Technik ist aus unserer Kultur nicht mehr wegzudenken. Fortschritt besteht auch in der Zunahme an Wohlstand, im Zuwachs an Können und Wissen und damit verbunden im besten Falle im Zuwachs an Freiheit und Gerechtigkeit.

Allerdings: Nicht das Machbare, sondern das gesellschaftlich Wünschenswerte, zukünftige Generationen mitbedenkend, sollte den Fortschritt vorgeben.

Abschließend zurück zu Prometheus: Der Philosoph Günter Anders hat das Motiv des Prometheus in seinen Schriften im Rahmen der „prometheischen Scham“ verarbeitet. Der Mensch fühlt sich demnach den technischen Artefakten unterlegen, er schämt sich seiner antiquierten Herkunft und Sterblichkeit. Zugleich unterliegt der Mensch einem Gefühl der eigenen Verdinglichung, er verachtet sich in dem Maße, in dem ihn die Maschinen ob seiner Unterlegenheit verachteten, könnten sie denn denken.

Jetzt ist Anders aus seiner Zeit heraus zu verstehen und er legt einen wahrlich unstillbaren Pessimismus an den Tag. Nichtsdestoweniger schreibt der den schönen Satz: „Und wer ihre Realität [die der Scham, Anm. d. Verf.] bestreitet, der tut es, weil zuzugeben, daß wir es so herrlich weit gebracht haben, uns vor Dingen zu schämen, ihm die Schamesröte ins Gesicht triebe.“ (Anders 1956, S. 95)

Damit stellt sich folgende exemplarische Frage: Wenn ich nun also den technischen Fortschritt nutze, wenn ich nun also mein Gehirn entlaste und eine unfassbare Menge an Informationen, Fakten, an Tatsachen und Wissen in (oder an!) mein Smartphone auslagere: Schäme ich mich dann vor diesem ob meiner eigenen beschränkten Kapazitäten, also meiner Unterlegenheit?


Zum Weiterlesen:

Günter Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München 1956

Klaus Kornwachs: Philosophie der Technik. München 2013

Alfred Nordmann: Technikphilosophie. Hamburg 2008

Günter Ropohl: Ethik und Technikbewertung. Frankfurt a.M. 1996


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Anders.Denken.Lernen. Mit David Foster Wallace.

Der amerikanische Philosoph und Schriftsteller David Forster Wallace hat im Jahre 2005 vor einem Abschlussjahrgang des amerikanischen Kenyon Colleges eine Rede gehalten mit dem Titel This Is Water. (Das hier ist Wasser, deutsche Ausgabe Köln 2012). Die Parabel, die Wallace seiner Rede voran-stellt, ist die zweier junger Fische im Wasser. Diese schwimmen ihres Wegs, begegnen einem älteren Exemplar der Gattung Fisch, der die beiden fragt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“. Die zwei jungen Fische schwimmen weiter, bis schließlich einer der beiden fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Die Point bei Wallace besteht nicht alleine in der Tatsache des sicherlich vorhandenen Bewusstseins beim Autor, dass über eine solche Geschichte ohnehin jeder Leser oder Hörer gedanklich stolpern wird – wer würde nicht über diese Wendung nachdenken – sondern ganz entscheidend in der Tatsache, wie Wallace auf dieser Geschichte basierend eine komplexe Anregungsstruktur entfaltet. Wohlgemerkt vordergründig eine Anregungs- oder Denkstruktur für Absolventen eines amerikanischen Colleges – also für 16 bis 18-Jährige und damit „junge Fische“.

Die beiden Argumentationslinien auf dem Weg zum Fazit gehen bei Wallace in folgende Richtungen: Zum einen geht es nicht darum, denken per se zu lernen, sondern darum, zu lernen, über was es sich nachzu-denken lohnt. Diese Notwendigkeit ergibt sich im Sinne des Lernens der Tatsache, dass eigene subjektive Gewissheiten nicht richtig sein müssen. Eine Tatsache, die – nebenbei bemerkt – vielen Zeitgenossen erfahrungs-gemäß absolut fremd ist.

Zum anderen geht es darum, sich der Tatsache bewusst zu werden, dass man eben nicht nur nicht alleine auf der Welt ist (eigene subjektiven Wahrheiten also eben nicht wahr sein müssen), sondern man sich zudem in ständiger Interaktion mit anderen Menschen befindet. Diese Interaktion ist als Art soziales Netz zu beschreiben, ein Netz, das in jeder Situation um uns herum besteht. Und man sollte sich bewusst machen (Wallace nennt ganz banal als Beispiele den Straßenverkehr oder die Kassenschlange im Supermarkt), inwiefern jedes einzelne Element dieses Netzes auch „nur“ Auto fahren oder Einkaufen möchte. Alle haben ähnliche oder gar die gleichen Ziele – und dann auch die absolut gleiche Berechtigung, diese Ziele zu erreichen.

Unabhängig der Tatsache, guter oder schlechter Tage, guter oder schlechter Erfahrungen, der Tatsache, nicht immer großzügig sein zu können, oft ungerecht behandelt zu werden und zu handeln, vielleicht schlicht der „Tagesform“ – die Regel oder die Anregung, die Wallace uns allen mit auf den Weg gibt, ist diese: Die Entscheidung, wie wir denken, wie wir uns verhalten, die liegt alleine bei uns. Und Denken lernen bedeutet dann gerade zu lernen, diese Wahl zu haben. Und diese Wahl ermöglicht uns Freiheit – im Handeln und im Denken. Es ermöglicht uns eine Freiheit im qualifizierten Sinne, als absolute, konkrete, wirkliche Freiheit, nicht bloß als negative Freiheit, als Freiheit im Sinne der Freiheit von Zwängen.

Die jungen Absolventen wurden im Jahre 2005 mit dieser Rede in ihr weiteres Leben entlassen, um im Bild der eingangs erzählten Parabel zu bleiben: In das Wasser. Aber auch alte Fische sollten sich das sie umgebende Wasser immer mal wieder bewusst machen.

Denn im uns allumgebenden „Wasser“, in unserem Leben, innerhalb des sozialen Netzes, in der Interaktion und mit einer Idee davon, dass es andere Wahrheiten neben der eigenen subjektiven geben kann, gilt es, denken zu lernen, oder eben: anders denken zu lernen.


Mit diesem Blog, der hier und heute das Licht der Welt erblickt, will ich mit allen interessierten Freunden, Followern, Unterstützern und Kritikern ins Gespräch kommen. In regelmäßig unregelmäßigen Abständen werde ich hier Beiträge, Gedanken und Ideen veröffentlichen.

Es geht um das Nachdenken über Fragen des praktischen Alltagslebens, es geht um theoretische Abstraktionen, es geht um politische und gesellschaftliche Fragen, es geht ganz allgemein um das Denken. Dabei werden von Zeit zu Zeit auch einzelne Autoren, Philosophen oder Menschen des öffentlichen Lebens im speziellen Fokus stehen. Und es muss vielleicht oder wahrscheinlich oftmals neu gedacht werden. Es müssen Fragen gestellt und Diskussionen geführt werden. Und ich lade jeden herzlich ein, diesen Weg mit mir zu beschreiten.

Nachbemerkung: David Foster Wallace nahm sich 2008 in der Phase einer schweren Depression das Leben. Wenn man das literarische und philosophische Werk betrachtet, muss man auch deswegen ob dieser Tatsache absolut betrübt sein. Dass Wallace ein brillanter Denker war, kann man meines Erachtens auch dem hier zitierten Text entnehmen. Leider hat er darin – vermutlich prophetisch – in Bezug auf den menschlichen Geist geschrieben: „Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen. Und in Wahrheit sind die meisten dieser Selbstmörder eigentlich schon tot, lange bevor sie den Abzug drücken.“ (Das hier ist Wasser, Köln 2012, S. 19)


 

Zum Weiterlesen:

David Foster Wallace: Das hier ist Wasser. Köln 2012

David Foster Wallace: Schicksal, Zeit und Sprache. Über Willensfreiheit. Berlin 2012

…und belletristisch natürlich der epochale Roman: Unendlicher Spaß (Köln 2009) oder der schreiend komische Reisebericht einer Kreuzfahrt: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich (München 2006)

(Philosophische) Literatur zum Thema Freiheit, die zu umfangreich ist, sie hier aufzulisten; einige wichtige Denker diesbezüglich: Platon, die Schule der Stoiker, Immanuel Kant, der Deutsche Idealismus um Hegel und Fichte, John Stuart Mill, Jean-Paul Sartre, Friedrich Hayek,…


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