Die Großstadt als Ort des Widerstands – am Beispiel von Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“.

Wiederkehrend wird Hans Fallades Roman Jeder stirbt für sich allein quasi wiederentdeckt – aktuell durch die in den Kinos anlaufende gleichnamige Filmproduktion mit Brendan Gleeson, Emma Thompson und Daniel Brühl unter der Regie von Vincent Perez. Das Thema hat nichts an der Faszination bezüglich möglicher Abgründe menschlichen Verhaltens verloren und dient auch heute noch als Parabel für das, was fehlende Menschlichkeit und die Angst vor dem Anderen, Fremden in sozialen Bezügen hervorbringen kann.
Gleichzeitig kann das Buch als Begründung von „Angst“ als konstituierendem Merkmal menschlichen Verhaltens und als Beispiel für die Tatsache praktizierten Widerstands (hier in der Großstadt dienen); Themen, mit denen ich mich nachstehend auseinandersetze.

In seinem Vorwort zum Roman Jeder stirbt für sich allein nennt Fallada die beiden Hauptfiguren des Romans, Otto und Anna Quangel, zwar „Gestalten der Phantasie“. Gleichwohl basiert das Buch auf dem Vorbild des Berliner Arbeiter-Ehepaars Otto und Elise Hampel und deren Widerstand gegen die NS-Diktatur in den Jahren 1940 bis 1942, die sich mit selbstverfassten Karten und Briefen gegen die NS-Diktatur wehren. Ausschlaggebend hierfür ist im Roman der Tod des gemeinsamen Sohnes Otto im Felde.

1. Geschichtliches

Berlin zählte zu Beginn des Zweiten Weltkriegs rund 4,2 Millionen Einwohner, war damals als deutsche Hauptstadt auch die größte Stadt des Landes. Zu dieser Zeit existierten in Deutschland 52 Großstädte, definiert durch eine Einwohnerzahl von mindestens 100.000 Menschen.

Durch die Tatsache bedingt, dass Berlin zentraler Rüstungsstandort sowie Industriestandort war, wuchs die Stadtbevölkerung alleine im Zeitraum der zwanziger Jahre bis 1933 um eine Million Einwohner. Diese Urbanisierung veränderte die Stadtgesellschaft maßgeblich, die Arbeiterquartiere wuchsen, Wandel, sowie Tempo und Verdichtung prägten das Großstadtleben. Durch die Einteilung in 20 Stadtbezirke war Berlin dezentral aufgebaut – anders als andere Metropolen, wie London oder Paris.

Berlin war eines der Zentren der Künste (Theater, Gesang, Film, Varieté) in den „Goldenen zwanziger Jahren“; auch bedingt durch die russische Revolution kam von dort die künstlerische, intellektuelle Elite nach Berlin. Die Stadt war eine der Hochburgen des Kommunismus sowie der Sozialdemokratie. Dies zeigte sich auch (zumindest bis zur Weltwirtschaftskrise 1929/30) in den schwachen Wahlergebnissen der NSDAP zu Zeiten der Weimarer Republik, die jeweils weit unter dem deutschen Schnitt lagen. Den Gegensatz zu den „roaring twenties“ bildete die Wirtschaftskrise (Inflation, Arbeitslosigkeit) nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg.

Durch die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, den Reichstagsbrand sowie das Ermächtigungsgesetz (alles im Jahre 1933) und im Zuge der politisch und wirtschaftlich schwierigen Lage, übernahm die NSDAP die Macht. Kommunisten und Intellektuelle (aber auch Homosexuelle, Sinti und Roma) wurden in Konzentrationslager deportiert, ebenfalls ab 1933 wurde von den Nationalsozialisten an der „Endlösung“ der Judenfrage gearbeitet. Diese Entwicklungen hatten auch Einfluss auf die Einwohnerstrukturen Berlins; während Regimegegner und Juden zu zehntausenden deportiert wurden (allein 55.000 ermordete Juden in Berlin), bzw. emigrierten (über 100.000 Juden aus Berlin), wuchsen die Arbeiterviertel rasant.

Das sehr gut ausgebaute Verkehrsnetz (Bus, Straßen-, Hoch-, U-Bahnnetz der BVG, damals als weltweites Vorbild des öffentlichen Nahverkehrs) führte dazu, dass die Arbeiterviertel nicht zwingend in unmittelbarer Nähe zu den Produktionsstandorten liegen mussten. Das typische „Berliner Mietshaus“ als Mietskaserne (mit Vorderhaus, Seitenflügeln und Hinterhaus – wie es auch Fallada schildert) stammte noch aus der städtebaulichen Entwicklung während der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts. Auch die Infrastruktur mit Straßen- und Abwassersystem entstand in dieser Zeit.

2. Die Großstadt als Ort des Widerstands

Während München als Hauptstadt der Bewegung und Geburtsstätte des Nationalsozialismus bezeichnet wird, gilt Berlin als die Hauptstadt des Widerstands.
In Berlin gab es zahlreiche Formen des Widerstands – angefangen von den Attentätern des 20. Juli 1944 (um Graf von Stauffenberg), die sich regelmäßig in Berlin versammelten, bis zum Ehepaar Hampel mit ihren handgeschriebenen Karten und Briefen. Vor allem linke Gruppen und Kommunisten waren maßgeblich in Berlin aktiv. Zu nennen wären exemplarisch die Gewerkschaften, die SPD und die KPD. Mitglieder dieser Gruppen und Parteien gehörten zu den meistverfolgten „Illegalen“ in Berlin. Die Vorwürfe lauteten von Vorbereitung zum Hochverrat über den Landes- und Hochverrat bis zur Heimtücke und Wehrkraftzersetzung. Der Großteil dieser Menschen wurde Opfer der Nationalsozialisten. Wesentlicher Widerstand in Berlin entstand aus der Arbeiterschaft – nicht aus bürgerlichen Kreisen.

Fallada überträgt diese Tatsachen im Wesentlichen in seinen Roman unter Darstellung des mehr oder weniger unorganisierten Widerstands im Kleinen und Verborgenen.

 3. Örtlichkeiten, Wohnsituation, Anonymität

Jeder stirbt für sich allein ist insofern ein Großstadtroman, als Berlin (mit seinen Straßen, Häusern, markanten Punkten) den Hintergrund bildet und im Wesentlichen das Leben der Arbeiter (mit ihrem Dialekt, ihrer Wohnsituation, ihren Arbeitsstellen) geschildert wird. Dargestellt werden typische Merkmale der Großstadt mit Gedränge in der U-Bahn, der Elektrischen oder Geräuschen in einem Bürohaus.

Fallada verlegte den Wohnort des Ehepaars Quangel in die Jablonskistraße 55 im Stadtteil Prenzlauer Berg im Osten der Stadt, nahe dem Alexanderplatz. Somit erfolgt eine Verlegung vom damaligen (französischen) Westsektor in den (sowjetischen) Ostsektor. Die Hampels, als Vorbilder des Romans, lebten tatsächlich in der Amsterdamer Straße 10, Berlin-Wedding. Andere markante Punkte und Adressen entsprechen den Tatsachen, u.a. das Polizeipräsidium am Alexanderplatz oder das Gefängnis Plötzensee, in welchem auch Otto Quangel im Roman hingerichtet wird.
Dem historischen Hergang entsprechend wurden die meisten der Postkarten gegen das NS-Regime von Otto Hampel tatsächlich in und um Wedding abgelegt. Demgegenüber dreht Fallada im Roman diese Tatsache um: Der Kommissar Escherich kommt Otto Quangel auch deswegen auf die Spur, als dieser gerade um seinen Wohnort herum keine Karten verteilt (lediglich die eine vergessene Karte wird dann in der Wohnung der Quangels gefunden). Vielmehr markiert der Kommissar u.a. nördlich vom Alexanderplatz die Fundorte der Postkarten und Briefe mit seinen roten Fähnchen im Stadtplan, die Ausnahme bildet der Bereich um die Jablonskistraße, der unmarkiert bleibt. Die Topographie Berlins spielt also bei der Jagd nach Otto Quangel durchgehend eine wichtige Rolle.

Das Haus in der Jablonskistraße 55 wird im Roman als Mietshaus in der Berliner Tradition geschildert. Mehrere Mietparteien wohnen unter einem Dach, das Haus besteht typischerweise aus Vorder- und Hinterhaus sowie Innenhof. Bereits in den ersten Kapiteln werden die Bewohner im Wesentlichen vorgestellt: So wohnen hier die Quangels (Otto als Werkmeister), die Persickes (der Vater als ehemaliger Kneipier) und der arbeitslose Denunziant, Dieb und Spitzel Emil Barkhausen. Auf der anderen Seite werden als Bewohner aber auch die Juden Rosenthal (ehemalige Eigentümer eines Wäschegeschäfts, der Mann zu Beginn des Romans bereits verhaftet) sowie der ehemalige Kammergerichtsrat Fromm vorgestellt. Damit entspricht diese Schilderung einer typischen Wohnsituation mit sozialer Durchmischung in Berlin, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts zur Vermeidung von Slums (anders als z.B. in London) geschaffen wurde.

Das Haus kann durch die Wahl und Darstellung der Mietparteien als Art Miniaturausgabe des Dritten Reichs und als das genaue Gegenteil einer Hausgemeinschaft definiert werden. Tatsächlich finden sich in der Personenauswahl viele Protagonisten des Dritten Reichs wieder (Partei- und SS-Angehörige, Mitläufer, Arbeiter, Denunzianten, Juden, Widerständler, usw.). In Falladas Roman ist eine strenge Typisierung der Figuren feststellbar. Auf der einen Seite stehen die Widerstandskämpfer (Otto Quangel, die Frauen in Form von Anna Quangel, Trudel Hergesell und Eva Kluge) und die Helfer (Rat Fromm, Dr. Reichhardt, Pastor Lorenz). Demgegenüber stehen die Gegenspieler (in Form der Gestapo, vertreten durch Kommissar Escherich, die Nazis, wie der Obergruppenführer Prall) sowie die Handlanger (die Familie Persicke, Enno Kluge und Emil Barkhausen). Die Sympathien sind fest verteilt: Während Quangel mit der Zeit dazugewinnt, sind die genannten Frauen (wie bei Fallada vielfach feststellbar) durchwegs positiv gezeichnet. Die Gestapo tritt – mit Ausnahme von Kommissar Escherich, der zuletzt fast Menschlichkeit gewinnt – betrunken, feist und schreiend auf.

Berlin dient also als authentische Kulisse, das Berlin mit seinem Dialekt, seinen Straßen, Kneipen, Hinterhöfen, Häusern. Fallada entwickelt ein realistisches Bild vom Leben der sog. „kleinen Leute“‘ im Berlin der NS-Zeit und folgt damit einer neusachlichen (antiexpressionistischen) Forderung nach Realitätsnähe und Aktualität.

Interkulturelle Differenzen, also die Begegnung verschiedener Völker oder Gemeinschaften spielen im Roman eine untergeordnete Rolle. Die Differenz der Kulturen, ausgedrückt in der ästhetischen, der moralischen und der weltanschaulichen Dimension, wird im Roman Jeder stirbt für sich allein weitgehend ausgespart. Die Rolle der Juden und ihre Vernichtung während der NS-Herrschaft werden von Fallada nur am Rande thematisiert. Das Ehepaar Quangel wird von Fallada beschrieben als „keine Judenfreunde“ – wie die Mehrheit der Deutschen. Ansonsten  wird dieser Aspekt des Dritten Reichs aber weitestgehend ausgespart. Der Anlass der Quangels für ihre Form des Widerstands im Roman ist (alleine) der Tod des Sohnes.

Die Kriegsgegner Deutschlands spielen ebenso kaum eine Rolle. Lediglich Frankreich kommt eine etwas herausgehobene Rolle zu. So wird bereits am Anfang des Romans die Kapitulation Frankreichs thematisiert (was dann zugleich die zeitliche Einordnung und den Beginns der Handlung – das Jahr 1940 – anhand der historischen Gegebenheiten zulässt). Dieses Ereignis zieht sich anfangs durch den Roman, ist als Zeitgeschichte (neusachlich) aktuell und zeitnah, ohne dass jedoch interkulturelle Aspekte weiter beleuchtet werden.

Viel interessanter sind die intrakulturellen Begegnungen und Differenzen. Die Inhomogenität der Gesellschaft, die verschiedenen kulturellen Orientierungen der einzelnen Mitglieder, ob ideologisch, berufsbezogen, sozial oder anderweitig differenziert, sind zu untersuchen. Dabei verhalten sich die Quangels, Dr. Fromm, Dr. Reichhardt, Pastor Lorenz, Eva Kluge, Grigoleit und der Säugling (letztere im Rahmen einer kommunistischen Zelle) abweichend zum Großteil der Gesellschaft, indem sie – jeder auf seine Art und Weise und mit unterschiedlichem Erfolg – Widerstand leisten. Dies wird auch deutlich darin, als jeder der Widerständler sich der herrschenden Moral (oder Nicht-Moral) im Dritten Reich widersetzt. Die Anonymität der Großstadt spielt im Roman eine große Rolle, alleine dadurch kann Otto Quangel seine Art des Widerstands durchführen. In willkürlich gewählten mehrgeschossigen Berliner Häusern (oftmals Bürohäuser, Häuser mit Arztpraxen, aber auch mit Privatwohnungen) legt Quangel die Karten immer im Treppenhaus ab. Gerade die (Groß-)Stadt bietet Anonymität, die fehlende Bekanntschaft der (Hauswand an Hauswand nebeneinander wohnenden) Bewohner untereinander. Fallada beschreibt diese Anonymität gerade als den großen Vorteil von Otto Quangel.

4. Das Andere, Fremde

Angst kann als konstruktives und konstituierendes Merkmal dieses Romans bezeichnet werden, Angst wird zum ausschlaggebenden Paradigma der grundlegenden Krisenstimmung und die Protagonisten unterliegen vollkommen ihrer Angst. Das Motiv der „Angst“ zieht sich durch den ganzen Roman, was wieder als (Zeit-)Aktualität und realistische Darstellung gedeutet werden kann. So sind (v.a. die Täter-)Figuren alle angstbeladen und Fallada spielt mit den spezifisch kleinbürgerlichen Ängsten und Hoffnungen. Alleine schon mit dem Anwachsen der Stadt, mit dem Moloch Berlin kann Angst assoziiert werden. Und im Kleinen, in einem winzigen Ausschnitt Berlins, spielen sich die gleichen Mechanismen ab, wie im Großen, im Weltgeschehen.

Fremd ist immer der Andere: Fremd sind sich alle im Roman – auch bedingt durch die herrschende Angst, erzählt aus der Perspektive und im Überlebenskampf eben des kleinen Mannes bei Fallada. Angefangen bei den Quangels, die sich trotz des langen Zusammenlebens fremd geblieben sind, Otto Quangel, dem sein Sohn stets fremd geblieben ist, die Entfremdung der Eva Kluge von Mann und Söhnen, der Kriminalkommissar Escherich, dem die NS-Vorgesetzten fremd bleiben, Fremdheit in Form verschiedener Zellengenossen und –genossinnen von Anna und Otto Quangel, die Fremdheit in den anderen geschilderten Familien. Die bei Fallada öfter auftretende Fremdheit bzw. das Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Land wird auch in Jeder stirbt für sich allein thematisiert. So werden die Eltern der Anna Quangel, das Ehepaar Heffke, als in ihrem armen Dorfsitzend charakterisiert, als hart arbeitende Menschen und Parteimitglieder, dem Führer ergeben.

Das Fremde ist immer auch das Unvertraute. So gibt es im Roman nur wenige „Lichtblicke“ der Annäherung. Hierunter fallen könnten (zeitweise) die Hergesells, durch ihre Liebe und die Abneigung gegen das Dritte Reich verbunden. Zu nennen wären auch Eva Kluge und ihr neues Glück mit Mann und Sohn auf dem Lande. Zuletzt entwickelt sich zwischen den Quangels eine Vertrautheit: Das sonntägliche Schreiben der Postkarten sowie ein gegenseitiges Verständnis im Gerichtssaal. Diese Darstellung widerspricht aber (wie mehrfach nachgewiesen) der Wirklichkeit: In Wahrheit haben sich die Eheleute nach der Verurteilung zum Tode gegenseitig beschuldigt und versucht, auf Kosten des jeweils anderen eine Begnadigung zu erreichen. Die Fremdheit und Abgrenzung stellt wiederum eine Beschreibung der Tatsachen, der Realität dar. Die Weimarer Republik und das Dritte Reich mit all den Verdrängungen des Er- und Durchlebten hatten innerhalb der Familien, innerhalb der Gesellschaft gerade auch diese Fremdheit hinterlassen. Am Ende liegt dann nicht nur Berlin in Trümmern, auch die (moralischen) Beziehungen der Menschen untereinander sind endgültig zerstört.

Fallada setzt – aus seiner Sicht – mutigen Menschen, die im Kampf mit dem System untergegangen sind, ein literarisches Denkmal. Der Roman gilt als das erste antifaschistische Buch der Nachkriegszeit.


Zum Weiterlesen:

Fallada, Hans: Jeder stirbt für sich allein. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 5. Auflage 2011

Berlin im Nationalsozialismus – Politik und Gesellschaft 1933 – 1945, Hg. von Rüdiger Hachtmann, Thomas Schaarschmidt und Winfried Süß. Göttingen: Wallstein Verlag 2011 (= Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Band 27)

Giebel, Wieland: Berlin Geschichte. Berlin: Berlin Story Verlag 2009

Hans Fallada, Autor und Werk im Literatursystem der Moderne. Hg. von Patricia Fritsch-Lange und Lutz Hagestedt. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG 2011

Hans Fallada, Beiträge zu Leben und Werk. Hg. von Gunnar Waldeck und Roland Ulrich. Materialien der 1. Internationalen Hans-Fallada-Konferenz in Greifswald vom 10.06. bis 13.06.1993. Rostock: Hinstorff Verlag 1995

Kuhnke, Manfred: Falladas letzter Roman. Die wahre Geschichte. Friedland: Steffen Verlag GmbH 2011

Schmiechen-Ackermann, Detlef: Nationalsozialismus und Arbeitermilieus. Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. GmbH 1998

Zurek, Adam: Psychologie der Entfremdung. Kröning: Asanger Verlag GmbH 2006

Williams, Jenny: Mehr Leben als eins. Hans Fallada – Biographie. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG 2011


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Donald Trump als US-Präsident – und darum ist das gut!

Donald Trump wurde soeben – aller Voraussicht nach – zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt, Hillary Clinton hat verloren.

Nach einem Experiment „Barack Obama“ als erstem schwarzen Präsidenten der USA scheint eine solche Wende unvermeidlich gewesen zu sein; zu sehr hat Obama enttäuscht, zu sehr war er (trotz seiner Wiederwahl) in weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung verhasst. Und zu groß waren die Vorbehalte gegen Hillary Clinton, leider nicht zuletzt, weil sie eine Frau ist.

Aber die Wahl Trumps hat aus meiner Sicht viele Vorteile, ich behaupte sogar, diese Wahl ist (auf lange Sicht) gut. (Auf kurze Sicht werden das zumindest vier Jahre ungewisser, unberechenbarerer Politik in den USA, in denen viele Weichenstellungen relativiert – man denke an Obama-Care, Klimaabkommen, usw. – werden können.)

Aber folgende Punkte sprechen meines Erachtens für eine langfristige positive Perspektive, die sich mit der Wahl Trumps verbinden lässt:

  1. Hillary Clinton repräsentiert eine überkommene Vorstellung demokratischer (in Deutschland würde man sagen: links-mitte-liberaler) Politik. Nicht zuletzt die Nähe zur Finanzwirtschaft, die Unregelmäßigkeiten bei Spenden (zumindest Bill Clintons) aus der Wirtschaft und ein auf jeden Fall fragwürdiges Verständnis des Umgangs mit privaten bzw. sensiblen Daten sprechen hier eine klare Sprache. Ein „weiter so“, d.h. ein Zementieren des Status quo hätte ebenso vier „verlorene“ Jahre mit sich gebracht.
  2. Eine Präsidentin Clinton hätte sich in vier Jahren nach meinem Dafürhalten einem noch radikaleren, populistischeren Herausforderer stellen müssen. Wirklich zukunftsweisende Entscheidungen wären in den Clinton-Jahren nicht zu erwarten gewesen (vgl. die Nähe zur Wirtschaft, w.o.). Nach der schon unfassbar dummen und armseligen Sarah Palin war Donald Trump im konservativen Lager der aktuellen Prägung in den USA die logische Fortsetzung. Wer wäre also die nächste, noch extremere Steigerung gewesen?
  3. Wie bereits beim Brexit haben sich wohl vor allem ältere Wähler für die radikale Lösung entschieden; jüngere Wähler haben zwar kritisch, aber doch reflektiert für zumindest das kleinere Übel (hier Clinton) gestimmt.
  4. Donald Trump lässt sich alleine von wirtschaftlichen Interessen leiten. Daher sind kaum Entscheidungen zu erwarten, die „ihn“ tatsächlich Geld kosten würden. Die Turbulenzen an den Börsen aktuell sind sicherlich Alarmsignal genug, dass die US-amerikanische Wirtschaft Druck auf die Republikaner ausüben wird. Und dann hat auch Trump ja Berater, zudem sind – auch internationale – Vereinbarungen nicht ohne weiteres einseitig zu kündigen.
  5. Die Demokraten haben jetzt die Chance, einen wirklichen, zukunftsfähigen Kandidaten oder eine Kandidatin aufzubauen. Das erfordert Mut, Zeit und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Aber die Chance sollte ergriffen werden!

Nach der Welle zumeist linker Regierungen weltweit in den 90-er-Jahren (Deutschland, Frankreich, Spanien, GB, die USA, viele Länder Südamerikas) ist das jetzt eine extreme Gegenbewegung. Dieses aber nicht zuletzt, weil sich linke Politik an rechte angeglichen hat, weil der sog. Neoliberalismus sich gerade in dieser Zeit endgültig etabliert und die Linke den Menschen aus den Augen verloren hat.

Ich glaube fest daran, dass die aktuellen Tendenzen in vielen Ländern, teilweise auch extrem nach rechts zu kippen, der Vorbote für ein neues, echtes linkes Projekt sein können. Eine fremdenfeindliche, chauvinistische, faktenleugnende, realitätsverweigernde, letztlich menschenverachtende Politik kann keine Zukunft haben. Gerade die heute jungen Menschen haben es in der Hand und mehrfach bewiesen, Verantwortung übernehmen zu können und zu wollen.

Dazu benötigt es aber eine wirklich linke Bewegung, die sich auf ihre ursprünglichen Ideen besinnt, das Wohl der vielen gegen das Wohl Einzelner wieder in den Vordergrund rückt, also das Gemeinwohl, den Menschen und nicht ein singuläres Gewinnstreben in den Mittelpunkt und persönliche Interessen hintan stellt, eine Vision entwickelt und auch international zusammenarbeitet. Das wäre eine wahre Revolution.

Packen wir es an!


Zum Weiterlesen:

(Mal wieder) Slavoj Žižek, der eine noch radikalere, dabei vielleicht sogar noch hoffnungsvollere Haltung einnimmt als ich, vgl. u.a. hier:

http://inthesetimes.com/features/zizek_clinton_trump_lesser_evil.html


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Der fußballspielende senegalesische Ministrant.

Der Generalsekretär der bayerischen Regionalpartei „CSU“ hat in einem Interview Aussagen von sich gegeben, die im Kern folgenden Inhalt hatten: „Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist. Weil den wirst du nie wieder abschieben.“ Zur Verteidigung führt Scheuer an, er habe den Satz mit „Entschuldigen´s die Sprache“ und dem Thema der „Wirtschaftsflüchtlinge, für die das Asylrecht nicht gemacht sei“ eingeleitet bzw. begründet. (vgl. u.a. Süddeutsche Zeitung Online vom 20.09.2016, http://www.sueddeutsche.de/bayern/fluechtlingsdebatte-scheuer-wehrt-sich-gegen-kritik-an-abfaelliger-senegalesen-aeusserung-1.3170388 , letzter Zugriff am 21.09.2016, 09:10 Uhr)

Vorab: Nein, Herr Scheuer, die Sprache entschuldigen wir nicht. Wenn man die Erfüllung seines Berufslebens sucht in der Mobilisierung der Menschen (= in der Denke von Herrn Scheuer: der Wähler) ohne Hirn, Verstand, Herz und Mitgefühl, sollte man ehrlicherweise dann auch konsequent dazu stehen.

Schauen wir uns die Aussage per se doch erstens genauer an und untersuchen dann die Reaktionen auf diese Aussagen.

Zur Entgegnung:

  1. Der Senegal als ehemals französische Kolonie wird als sog. „Sicheres Herkunftsland“ gewertet. Somit genießen Menschen aus dem Senegal keinen durch das Grundgesetz gedeckten Schutz aufgrund bspw. politischer Verfolgung. So weit so richtig, zu bedenken gebe ich jedoch einmal, dass die Wertung von Ländern als „Sichere Herkunftsstaaten“ oftmals weniger von der tatsächlichen Situation vor Ort, sondern von politischen Verhandlungen abhängt. So bestehen aktuell die Bestrebungen in der deutschen Politik, mehr Staaten als bisher als sichere Herkunftsländer zu deklarieren. Dabei geht es nicht um die Schutzwürdigkeit eventuell Verfolgter, sondern rein um die Verminderung von Flüchtlingszahlen, die durch das Grundgesetz schützenswert sind. So soll zudem leichter abgeschoben werden können. Verlogen? Aber sicher. Menschenverachtend? Selbstverständlich.
  2. Zudem herrscht zumindest in Teilen Senegals sehr wohl ein Bürgerkrieg durch Rebellen, die sich abspalten wollen; und außerdem ist die Pressefreiheit (als wiederum eine durch unser Grundgesetz gedeckte Freiheit) im Senegal nicht gewährleistet. Wie gesagt: Die Einstufung als „Sicheres Herkunftsland“ scheint willkürlich.
  3. Auf die wirtschaftliche Situation gehe ich nur am Rande ein: Im Human Development Index belegt der Senegal den 170. Platz (Deutschland: Platz 6), das Land ist abhängig von Krediten und Entwicklungshilfe, was – in Verbindung mit Strafzöllen für Waren aus Afrika und dem Exportüberschuss bspw. der BRD – zu einer Spirale ohne Ende und dauerhafter Abhängigkeit führt. Das Thema unseres Reichtums zu Lasten der „Dritten Welt“ soll hier nicht weiter thematisiert werden.
  4. Die BRD hält im Inneren schon immer Wirtschaftsflüchtlinge aus (aus strukturschwachen Regionen in Ballungszentren, vgl. die Situation in Ostdeutschland), ohne dass dieses Thema – mit allen Nachteilen für die Region, die verwaist und die Region, die aufnimmt – wirklich diskutiert wird.
  5. Die Politik fordert immer wieder die Integration von Ausländern, schafft allerdings nicht die Rahmenbedingungen, dass Asylbewerber bspw. arbeiten dürfen. Aber wenn sich ein Asylbewerber dann integriert (im Fußballverein, in der Kirche), wird ihm genau das vorgeworfen. Offene (Lehr-)Stellen könnten bei uns auch mit Menschen aus dem Senegal besetzt werden, was nicht zuletzt zur Sicherung unseres Wohlstands in Zukunft beitragen würde.
  6. Eine Neiddebatte kann man natürlich mit solchen Argumenten auch hervorragend anzetteln. Denn auch in unserem vor Überfluss strotzenden Land gibt es bitterarme Menschen, ohne Hoffnung und Zukunft. Da stellt sich mir dann aber die Frage der Verantwortung, warum das so ist. Und nicht zuletzt die CSU ist in Bayern, aber auch im Bund seit Jahrzehnten in der Regierungsverantwortung, hätte seit jeher und hat also Gelegenheit, diese Tatsachen zu ändern. Eine Erbschaftssteuerreform wird aber bspw. erfolgreich hintertrieben.
  7. Den Wunsch nach Anerkennung, einem besseren Leben, einer Zukunft kann sicherlich jeder von uns nachvollziehen – wohl gerade auch Herr Scheuer mit seinem Schmalspur-Doktortitel (vgl. Ausführungen weiter unten) kennt dieses Gefühl nur zu gut. Und da ging es nur um vermeintliche Karrierechancen, nicht um das bloße Überleben, wie bei so vielen Asylsuchenden, die das Pech hatten, nicht in Passau, sondern in einem Kriegsgebiet zur Welt gekommen zu sein. 

Zu den Reaktionen auf die Aussage:

Zu erwarten war die Empörung von Oppositionsparteien und auch von Ehrenamtlichen in Sportvereinen, Flüchtlingshelfern, Vertretern der Kirchen und Organisationen ausländischer Mitbürger.

Auch einige der Parteifreunde Scheuers haben sich geäußert und Kritik an den Aussagen laut werden lassen, so Alois Glück oder Theo Waigel. Allerdings, und jetzt heißt es genau lesen: Keiner dieser CSU-Politiker hat den Inhalt der Aussage kritisiert. So äußerte Waigel: „Wir müssen Obacht geben, dass wir, wenn wir konservative Wähler wollen, nicht die kirchlichen Wähler verprellen“, Glück sagte: „Die Gesamtpartei leidet immer wieder unter der Sprache einiger ihrer Akteure“ und CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt kann wie folgt zitiert werden, Scheuer habe darauf hinweisen wollen, dass Menschen aus sicheren Herkunftsstaaten nach Deutschland kommen und bei Ablehnung ihres Asylantrags zurückgeschickt werden müssten. Dem stehe aber eine bis dahin geleistete Integration entgegen. (Quellen siehe oben, SZ online vom 20.09.2016).

Es bleibt also dabei: Kritik an der Sprache und der Wirkung, nicht am Inhalt. Es geht um Wählerstimmen, um die Gefahr, christlich und vereinsbezogen Engagierte abzuschrecken. Es geht nicht um Inhalte. Es geht um die Mobilisierung einer mitleidlosen Masse („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“), unter gleichzeitiger (politischer) Einbindung der Ehrenamtlichen. Es geht nicht um schützenswerte Menschenleben. Es geht um Machterhalt. Dass es aus der CSU keine einzige relevante kritische Stimme zum Inhalt der Aussage gegeben hat, ist bezeichnend.

In diesem Sinne: Die Scham- und Armseligkeitsgrenze zum Machterhalt der bayerischen CSU liegt sehr niedrig, geht zu Lasten der Ärmsten (im In- und Ausland) und trotzt jedem „C“ und „S“ im Namen der Christlich Sozialen Union.

Trotz allem – und auch wenn der Herr „Doktor“ ein solches Gefühl nachweislich nicht kennt: Schämen Sie sich, Herr Scheuer, versuchen Sie es wenigstens!


Zum Weiterlesen:

  • Berichterstattung in Print- und Onlinemedien
  • Infos zum Senegal auf www.wikipedia.de
  • Infos zum Abkommen zwischen Prag und München zur Führung eines Doktortitels, der nahezu keinen wissenschaftlichen Kriterien an Promotionsverfahren entspricht: „Im Jahr 2004 wurde ihm an der Karls-Universität Prag für die unter Aufsicht von Rudolf Kučera erstellte Arbeit Die politische Kommunikation der CSU im System Bayerns der „kleine Doktorgrad“ der Philosophie verliehen. Dieser akademische Grad, der der sogenannten 2. Bologna-Stufe (Master-Ebene) zugehört, ist nicht äquivalent zu einer Promotion, berechtigt seinen Inhaber aber zur Führung des Titels PhDr. Dessen ungeachtet – und obwohl in Deutschland (außer auf dem Gebiet der Bundesländer Bayern und Berlin) verboten –stellte Scheuer seinem Namen fortan den Zusatz Dr. voran. Als Dr. Andreas Scheuer bestritt er auch den Wahlkampf zur Bundestagswahl 2005.“ Zu finden auf www.wikipedia.de

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Das Konzept der Mindfulness – achtsamer Umgang mit dem Augenblick.

Das Konzept bzw. Schlagwort der „Mindfulness“ – oft übersetzt mit Achtsamkeit – gewinnt zunehmend an Bedeutung und wird in vielfältigsten Zusammenhängen genannt. Nicht zuletzt in der Wirtschaft wird das Konzept vermehrt eingesetzt, vor allem im Rahmen meditativer Übungen. Leider findet jedoch, gerade in der Wirtschaft, oftmals ein an Missbrauch grenzender Einsatz der Methode statt, insofern diese beispielsweise als Instrument für bloße Leistungssteigerungen eingesetzt wird.
Was ist jetzt aber dieses Konzept der Mindfulness, was hat es an sich mit der Achtsamkeit auf sich? Diese Frage werde ich nachstehend beantworten und nach einer kurzen Hinführung den Versuch einer umfassenden Definition der Mindfulness liefern. Diese Definition soll bisherige Versuche zusammenführen, die meines Erachtens (gerade und auch in deutschen Übersetzungen) nicht endgültig den Begriff allumfassen und in einer griffigen Formel vereinen.

  • Ursprünge des Konzept

Das Konzept der Mindfulness entstammt entscheidend (auch der östlichen) Meditationspraxis, ursprünglich der indio-tibetischen Tradition des Buddhismus und wartet mit einer 2500-jährigen Tradition auf. Gleichzeitig werden immer wieder jedoch auch die philosophisch westlichen Einflüsse (aus unserer griechischen Tradition) genannt. Insbesondere sind für unser Verständnis die Einflüsse Edmund Husserls und seiner Phänomenologie maßgebend, wobei sich diese beispielsweise in der Betonung der Ich-Perspektive (Perspektive der Ersten Person) oder in der Untersuchung von Bewusstseinszuständen zeigen.

Das Oxford Advanced Learner´s Dictionary beschreibt den Begriff der Mindfulness nicht, setzt jedoch die Begriffe mindful und mindless gegenüber. Mindful wird dabei definiert als „giving thought and care or attention to sb/ sth“, mindless dagegen als „not thinking of sb/ sth“. Interessant dabei ist, dass die Substantivierung bei mindless gegeben ist („mindlessness“), während diese beim Adjektiv mindful fehlt. Im deutsch-englischen Wörterbuch findet sich ebenfalls nur eine Übersetzung für den Begriff mindful als „achtsam auf, eingedenk“ sowie mindless als „unbekümmert, geistlos“. Die Substantive fehlen hier in beiden Fällen.

Wenn man versucht, den Begriff der Mindfulness in die deutsche Sprache zu übersetzen, stößt man bereits auf erste Schwierigkeiten, was auch damit zusammenhängen mag, dass bereits die englische Bezeichnung eine Übersetzung aus einem anderen Sprach-, zumindest aber Kulturkreis ist. Die Herkunft des Begriffs entstammt der Pali-Sprache (die indogermanische Wurzeln aufweist); dort bedeutet das Wort sati auf Englisch „to remember“ was wiederum mit „erinnern, behalten“, aber auch mit „denken an“ übersetzt werden kann.

In Folge dessen hat sich im Deutschen die Übersetzung der Mindfulness mit „Achtsamkeit, Aufmerksamkeit“ durchgesetzt, wenngleich diese Übersetzung aus meiner Warte und wie aufzuzeigen ist, unbefriedigend erscheint. Als Hilfskonstrukt kann man diese Übersetzung gelten lassen, nicht umsonst hat sich jedoch auch im deutschen Sprachraum der Begriff der „Mindfulness“ etabliert, gerade weil hier eine Reihe von Implikationen enthalten ist, die ein einziges Wort im Deutschen (auch aus der Tradition und der Rezeption des Begriffs hauptsächlich im angelsächsischen Sprachraum) meines Erachtens nicht leisten kann. Wie der Begriff dann genauer zu fassen ist, soll die weiter unten erarbeitete Definition versuchen.

  • Charakteristika des Konzepts

Die Charakteristika nach Brown et al. (Brown et al. 2007, 212 – 214) lauten:

  1. Clarity of Awareness: Hierbei geht es um die klare Wahrnehmung der inneren und äußeren Welt, inklusive der Gefühle, Gedanken, Aktionen und der Umgebung, die je zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben sind.
  2. Nonconceptual, Nondiscriminatoty Awarness: Diese Wahrnehmung soll zudem vorurteilsfrei, ohne durch die Filter und Register, die wir immer schon anwenden, um uns unsere Welt zu konstruieren, stattfinden. Es geht darum, die Gefühle, Gedanken, Aktionen und die Umgebung im Moment des Auftauchens bzw. Stattfindens nicht kategorial einzuordnen oder zu bewerten, sondern erst einmal einfach zu beobachten und hinzunehmen.
  3. Flexibility of Awareness and Attention: Hierbei geht es um die Forderung im Sinne des Konzepts, Aufmerksamkeit und Erkenntnis der inneren und äußeren Welt flexibel zu gestalten. So kann die Situation als Ganze ebenso wahrgenommen werden, wie einzelne Aspekte (z.B. die Frage: „Wie geht es mir damit?“). Damit einhergehend ist die Selbstregulation, die Beobachtung eigener Gefühle und Gedanken.
  4. Empirical Stance Toward Reality: Hierbei geht es um die Wahrnehmung der uns empirisch umgebenden Realität. Wir sind durch unsere Erfahrungen geprägt und sollen diese Erfahrungen sowie die aktuell auftretenden Ereignisse, in die wir involviert sind, dann gleichzeitig auf- und wahrnehmen. Diese Haltung soll dann zu mehr Interesse und Teilhabe am Leben in Verbindung mit besserer Wahrnehmung der eigenen Gefühle führen.
  5. Present-oriented Consciousness: Das Faktum der Wahrnehmung der uns umgebenden Welt soll zudem stark auf die Gegenwart gerichtet sein. Selbst wenn wir eine je individuelle Geschichte und Sozialisation aufweisen und als Menschen über die Fähigkeit der Antizipation verfügen, existieren wir nur im jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt, mit keinem direkten Kontakt zu Vergangenheit (Erfahrung) und Zukunft (Pläne). Die Konzentration auf den Augenblick soll dabei jedoch nicht dazu führen, in Fatalismus die Zukunft betreffend zu verfallen, vielmehr die Zukunftsgerichtetheit zu verbessern und den Blick in die Zukunft aus dem Moment heraus je zu validieren.
  6. Stability or Continuity of Attention and Awareness: Zudem, und das ist die letzte der hier aufgeführten Charakterisierungen, geht es um eine nachhaltige Anwendung der Mindfulness als Konzept. Mindfulness ist jedem Menschen inhärent eingeschrieben, es geht jedoch um das Bewusstsein dafür und die stetige Übung in der Anwendung.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Charakteristika nach diesen Ausführungen in der aktuellen, gegenwärtigen Wahrnehmung der inneren und äußeren Welt bestehen. Diese Wahrnehmung soll dann zwar je gegenwärtig, sich der Tatsache der Geschichtlichkeit und Zukunft parallel jedoch bewusst sein und dabei nicht wertend oder kategorial gefiltert stattfinden.

  • Kabat-Zinn mit entscheidendem Einfluss

Als ein wichtiger Lehrer, der die Tradition der Mindfulness in die heutige Zeit übersetzt und grundlegende Werke dazu verfasst hat, ist unbedingt Jon Kabat-Zinn zu nennen. Kabat-Zinn entwickelte sein Konzept aus der klinischen Anwendung und hat vielfach mit Schmerz- und Stresspatienten gearbeitet.
In seiner Monographie „Im Alltag Ruhe finden“ geht Kabat-Zinn auf die Bedeutung des Augenblicks, des Hier und Jetzt ein und entwickelt Übungen für den Alltag, dieses Konzept umzusetzen. Er schreibt:

„Der Augenblick ist das Einzige, womit wir arbeiten können. Nur zu häufig jedoch vergessen wir, dass wir da sind, wo wir bereits sind. Augenblick für Augenblick befinden wir uns an der Wegkreuzung des Hier und Jetzt.“

Anfangs der Monographie mit dem Titel „Die Blüte des Augenblicks“ differenziert Kabat-Zinn hervorragend den Begriff der Mindfulness, der Achtsamkeit, aus, ohne diesen jedoch in einer Definition zu fassen. Kabat-Zinn betont die buddhistischen Wurzeln des Konzepts ebenso, wie die Einbettung in einen Gesamtzusammenhang, er betont die Bedeutung des Augenblicks ebenso, wie die Notwendigkeit der Übung (vor allem in der Meditation) und gleichzeitig stellt er das Konzept in den Kontext der Alltagstauglichkeit.

  • Anwendungen und Effekte des Konzepts

Auch wenn die Meditationspraxis in der buddhistischen Tradition schon tausende Jahre alt und eingeübt ist, hat sich die Übersetzung und relevante Übernahme in unseren westlichen Kulturkreis erst seit einigen Jahrzehnten entwickelt. Besonders auf den Bereich der klinischen Anwendungen hat sich das Interesse dann gerichtet bzw. wurden und werden Anwendungsmöglichkeiten untersucht.
Was dann in einen zu entwickelnden, ganzheitlichen Definitionsversuch meines Erachtens zwingend mit aufzunehmen ist, sind die Auswirkungen des Ansatzes auf individuelles sowie kollektives Wohlergehen. Ebenfalls wieder Brown et al. zeigen auf (Brown et al. 2007, 219 – 226), wie sich das Konzept der Mindfulness heute anwenden lässt (bzw. angewandt wird) und welche positiven Effekte dabei mit dieser Anwendung einhergehen.

So werden u.a. diverse klinische Studien aufgeführt, mit denen folgende positive Effekte nachgewiesen werden konnten:

Das persönliche Wohlergehen kann sich mit Einübung und Anwendung des Konzepts verbessern. Die Affektregulation kann dabei zunehmen, was zu Wohlergehen beiträgt. Es geht um das Bewusstsein aktueller (innerer) Zustände, innerer Werte und in Folge dessen ein Verhalten, das sich an diesen Werten orientiert. So konnten z.B. positive Effekte im Zuge der Burnout-Prävention festgestellt werden. Auch im Bereich der physischen Gesundheit wurden positive Effekte des Konzepts der Mindfulness festgestellt. Beispielsweise bei Schmerzpatienten konnten die Leiden durch Einübung der Konzentration auf die Atmung (als Beispiel der Meditation und der Einübung der Konzentration auf das Hier und Jetzt) festgestellt werden. Letztlich wurden in Studien sogar positive Effekte auf das Immunsystem als Ganzes konstatiert. Im Sinne der Einübung der bereits erwähnten Meta-Ebene in Bezug auf Kognition und Affekte trägt Mindfulness zu Verbesserungen der eigenen Reaktionen, des eigenen Verhaltens bei. Indem man sich seine Werte, Ziele, Wünsche, usw. bewusst macht und versucht, jede Situation vorurteilsfrei und nicht schon im Sinne der jeweiligen Sozialisierung gefiltert wahrzunehmen, kann man sich von eingeübten, tradierten Verhaltensmustern lösen und über Selbstregulierung zur Selbstkontrolle gelangen.

Über die positiven Effekte der Mindfulness kann jeder Mensch zudem zu effizienterer Zukunftsplanung gelangen. Die Ziele und Wünsche, die man sich bewusst macht, sind automatisch auch mit zukunftsgerichtet und helfen, Kommendes in einem das eigene Leben verbessernden Sinne zu antizipieren. Nicht zuletzt trägt das Konzept der Mindfulness auch zu stabileren Beziehungen bei. Diese Beziehungen können romantischer Art sein (also die Beziehung zum Lebenspartner), es sind jedoch auch positive Effekte im Rahmen gruppendynamischer Prozesse feststellbar.

  • Zusammenfassung wichtiger Begriffe und Charakteristika

Um also das bisher Erarbeitete zusammenzufassen und zu einem umfassenden Definitionsversuch des Konzepts der Mindfulness überzuleiten, scheinen folgende Aspekte maßgeblich zu sein:
Es geht stets um das Einüben und die Einnahme einer Meta-Perspektive. Dabei steht der Augenblick im Vordergrund, wobei man versuchen soll, diesen – in Bezug auf die innere, aber auch auf die äußere Welt – vorurteilsfrei wahrzunehmen. Indem man sich seiner Gefühle, Gedanken, Wünsche und Ziele (zeitliche Aspekte der Herkunft und Sozialisation sowie der antizipierten Zukunft) bewusst ist, kann man im Sinne selbstregulierender Kräfte Situationen übergeordnet wahrnehmen und auf diese ggf. in sukzessive zu verändernden Verhaltensweisen reagieren. Dabei stehen positive Auswirkungen auf das Individuum (physisch und psychisch) sowie Verbesserungen der sozialen Beziehungen im Vordergrund.

  • Versuch einer allumfassenden Neudefinition des Begriffs

Somit schlage ich für die Erfassung des ganzheitlichen Ansatzes des Konzepts der Mindfulness, der sich in den aufgezeigt vielfältigen Dimensionen zeigt, folgende Definition vor:

Mindfulness ist ein Konzept in östlicher Tradition des Buddhismus sowie westlicher philosophischer Einflüsse stehende Weise objektivierter, vorurteilsfreier und nicht schon kategorial gefilterter Wahrnehmung und Achtsamkeit des je aktuellen Augenblicks, der inneren (Bewusstsein, Gedanken und Gefühle) und äußeren (Situation, Erscheinungen) Welt in einem Gesamtzusammenhang, wobei ein wichtiger Weg der Einübung dessen die Meditation darstellt und als konsequent eingeübte und angewandte Praxis zur Entwicklung eines bestmöglichen Lebens bezogen auf die Innenwelt (Affekte und Kognition), die eigenen Ziele sowie zu positiven Auswirkungen auf die Gesundheit von Körper und Geist und im Rahmen sozialer Beziehungen beiträgt.

Es geht um Selbstverständnis aus subjektiver Erfahrung, individuellem Verhalten und unmittelbarer Umwelt, im Bewusstsein je eigener Entwicklung und Sozialisation, zudem um die Einnahme einer Meta-Ebene und der damit einhergehenden Persönlichkeitsentwicklung, in deren Zuge es zu Verhaltensänderungen (wie Reduzierung von Impulsivität) kommen soll.


Zum Weiterlesen:

Bordt, Michael (2015): Die Kunst, sich selbst zu verstehen. Den Weg ins eigene Leben finden; ein philosophisches Plädoyer. München: Sandmann.

Brown, Warren Kirk et al. (2007): Mindfulness: Theoretical Foundations and Evidence for its Salutary Effects. In: Psychological Inquiry, Vol. 18, S. 211–237.

Didonna, Fabrizio (Hg.) (2008): Clinical Handbook of Mindfulness. Berlin: Springer Verlag.

Kabat-Zinn, Jon (2015): Im Alltag Ruhe finden. Meditationen für ein gelassenes Leben. Übers. von Theo Kierdorf. Erw. Taschenbuch-Neuausg. München: Knaur Taschenbuch.

Rinofner-Kreidl, Sonja (2000): Edmund Husserl. Zeitlichkeit und Intentionalität. Freiburg: Verlag K. Alber.


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Re-formiert den Friedensnobelpreis!

Barack Obama wurde bereits im Jahr seines Amtsantritts als US-amerikanischer Präsident (2009) mit dem Friedensnobelpreis geehrt, ohne tatsächlich herausragend Politisches, Gesellschaftliches, Kollektives für den Frieden geleistet zu haben (und meines Erachtens auch bis heute nicht in einem nennenswerten Umfang hat, weder innen- noch außenpolitisch. So wurde unter Obama weder das Lager auf Guantanamo aufgelöst – wir erinnern uns an dieses zentrale Wahlversprechen – noch wurden de facto Kriege beendet, Heere reduziert, Waffenexporte vermindert oder Atomwaffen abgerüstet. Alleine die Einführung der Krankenversicherung („Obama-Care“) könnte sich als ein wirklicher, wenngleich rein innenpolitischer Verdienst erweisen.) In der Wahl Obamas als Preisträger lag wohl eine Hoffnung auf innere und äußere Einheit begründet, die sich retrospektiv allerdings als wahrlich vollkommene Illusion entpuppt hat – und wohl auch entpuppen musste.

Wer jetzt der Meinung ist, mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Barack Obama (2009) sei eine der fragwürdigsten Wahlen des Komitees in der Historie dieses Preises getroffen worden, der wurde spätestens im Jahre 2015 eines (noch) besseren belehrt, es kam sozusagen noch viel schlimmer: In fraglichem Jahr wurde der Preis an das Quartet du dialogue national aus Tunesien verliehen, an einen Kreis verschiedener politischer, gesellschaftlicher und privater Gruppierungen, der für seinen „entscheidenden Beitrag zum Aufbau einer pluralistischen Demokratie infolge der Jasminrevolution des Jahres 2011“ ausgezeichnet wurde.

Dieser Artikel versucht nachstehend zweierlei zu leisten: Einmal möchte ich exemplarisch begründen, warum die Wahlen der Preisträger 2009 und 2015 zumindest fragwürdig, wenn nicht abzulehnen sind und gleichzeitig klarstellen, dass das Nobelpreiskomitee nicht aktiv Politik betreiben sollte. Und zweitens werde ich für eine Re-Formierung des Friedensnobelpreises plädieren, die auf den eigentlichen Geist und die Begründung des Preises zurückführt und sich dabei zudem weiteren unabdingbaren Prämissen unterwerfen sollte.

Im Einzelnen: Vordergründig scheint die Wahl des tunesischen Quartetts eine nachvollziehbare zu sein. Wer würde nicht zustimmen, dass die weitgehend friedliche Revolution in Tunesien positiv zu sehen ist, dass es darum ging und geht, zur Verständigung von Volksgruppen, auch Religionen beizutragen? Lassen wir uns also auf das Experiment ein, die Begründung des Komitees für das tunesische Quartett zu lesen: Der Preis wurde verliehen für den „entscheidenden Beitrag zum Aufbau einer pluralistischen Demokratie in Tunesien“.

Ein solcher anerkannter Pluralismus, der sicherlich zum Grundkanon menschlicher Primärtugenden gehört oder gehören sollte (dabei aber wohl nicht zwingend auf eine ein politisch-demokratische Perspektive zu reduzieren ist), ist unbedingt wünschenswert. Mit welchem Recht aber maßt sich das Nobelpreiskomitee an, einen vermeintlichen Demokratisierungsprozess in Tunesien gleichsam zu fordern und damit preiswürdig zu sanktionieren? Hier scheint meines Erachtens doch wieder nur eine Kolonialpolitik durch, die rein auf eine Stabilisierung zu Gunsten unserer „westlichen“ Sicherheit und unseres Reichtums abzielt. Denn selbst in den Ländern, in denen (erstmals) demokratisch gewählt wird, wird diese Wahl nur solange von den Hegemonialmächten gefeiert, wie sie den eigenen Interessen in die Hände spielt. Man betrachte hier das plakative Beispiel Ägyptens. Mohammed Mursi als erster frei gewählter Staatspräsident Ägyptens war leider die „falsche“ (demokratische!) Wahl der Ägypter, da er nun mal dummerweise der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbruderschaft angehört. Der Militärputsch kam der „westlichen“ Welt also durchaus zupass – wenn er nicht sogar befeuert wurde. Einen Aufschrei gegen den Militärputsch in Ägypten hat es zumindest nicht gegeben. Demokratie woanders macht also nur so lange Spaß, solange gleichzeitig die Interessen der USA oder Deutschlands und der EU gewahrt bleiben, solange die Außengrenzen in irgendeiner Art stabilisiert werden, unabhängig davon, wer die ganz realen Kosten (auch die für Leib und Leben) dafür zu tragen hat. Für solche Vorgänge gibt es das Feigenblatt der sog. „Realpolitik“, hinter dem man sich stets sammeln und (vor sich selbst) rechtfertigen kann.

Zurück zu Tunesien: Nicht zuletzt rief die Wahl des Quartetts als Nobelpreisträger bei den Tunesiern selbst weder Stolz, noch eine Bewegung in Richtung weiterer Einheit, sondern vielfach blankes Entsetzen, hervor. Warum das? Schauen wir uns die Mitglieder des Quartetts an:

  • Der Gewerkschaftsdachverband scheint vordergründig dabei eine wenig fragwürdige Gruppierung zu sein, die zumal im Laufe ihrer Geschichte immer wieder unter gewaltsamen Gängelungen zu leiden hatte. Nur: Der Vorsitzende, Houssein Abbasi ist ein Syndikalist, der dem Land – aus Sicht der Tunesier selbst – aus reinem Eigennutz Streik über Streik zumutet, die sich die Menschen nicht leisten können.
  • Der zweite Baustein im Bunde, die Vereinigung der Rechtsanwälte, nimmt für sich in Anspruch, für die Intellektuellen Tunesiens zu sprechen – ein Anspruch, den interessanterweise der bereits genannte Gewerkschaftsverband auch für sich reklamiert. Wieso sollten aber Juristen die Gesamtheit der Intellektuellen eines Landes vertreten? Sitzen vielmehr die Rechtsanwälte nicht immer nur deswegen mit am Verhandlungstisch, weil sie sich gebraucht fühlen, wo immer es Verträge zu verhandeln und zu schließen gilt?
  • Der Handels- und Industrieverband unter dem Vorsitz von Frau Widad Bouchemmaoui ist ein weiterer Baustein des preisgekrönten Quartetts. Auch die Industrie spielt volkswirtschaftlich immer eine wichtige Rolle in einem Land, als Arbeitgeber, als Steuerzahler, usw. Was nun den wenigsten Menschen bekannt ist, ist die Tatsache, dass der Bruder von Widad Bouchemmaoui, Tarak Bouchemmaoui, als Vorsitzender dem größten Gasprojekt Tunesiens vorsteht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt – auch vor dem Hintergrund internationaler Gaslieferverträge, die die Versorgung nicht nur Tunesiens sichern.
  • Alleine der Tunesischen Liga für Menschenrechte möchte man zutrauen, sich tatsächlich gemäß ihres Programms eingesetzt zu haben – jedoch schwingt immer die Angst mit, im historischen Fortgang solcher Institutionen eines Besseren belehrt zu werden.

Ein weiterer Grund der Unzufriedenheit der Tunesier seit der Revolution dürfte in dem Empfinden unerfüllter Versprechen liegen, die – wenngleich vollkommen heterogen – mit jeder Revolution (in der Tatsache der Ablehnung des status´ quo als zeitweise einender Tatsache) verbunden sind. Der Prozess der Veränderung setzt dann mit dem Erwachen in der neuen Situation jedoch erst ein und ist erfahrungsgemäß ein langwieriger und beschwerlicher.

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Ganz allgemein hat die Wahl des schwedischen Komitees seit jeher polarisiert. Selbst wenn sich sicherlich die meisten Menschen mit z.B. Martin Luther King (1964) mit Desmond Tutu (1984) oder Aung San Suu Kyi (1991) als Preisträger anfreunden konnten, waren auch mit diesen Entscheidungen je politische Hintergründe verbunden. Ein Faktum auf das es zurückzukommen gilt.

Der Aufschrei war groß, als die Europäische Union 2012 den Friedensnobelpreis erhielt. Eine Institution, zumal eine gerade in der Wirtschaftskrise stark umstrittene, als Träger dieses wichtigen Preises internationaler Aufmerksamkeit? So sehr man auch über diesen Preisträger diskutieren kann, wurden meines Erachtens und sachlich betrachtet, damals – von den Medien, der Öffentlichkeit, den Kritikern – zwei wichtige Punkte übersehen: Einmal wurden seit jeher schon Institutionen und nicht nur einzelne Menschen mit diesem Preis bedacht – man denke an das Flüchtlingshilfswerk UNHCR (1954), die UNICEF (1965), Amnesty International (1977) oder an Ärzte ohne Grenzen (1999). Politische Hintergründe bestehen zumindest auch beim Flüchtlingshilfswerk und der UNICEF – so in der Verteilung von Posten und Vorsitzen zur Versorgung ehemaliger Politiker. Aber eben auch die Verleihung an einzelne Menschen polarisierte seit jeher. Im Falle des bereits genannten Martin Luther Kings zumindest bei Rassisten in den USA, im Falle Desmond Tutus bei konservativen Buren in Südafrika oder im Falle Aung San Suu Kyis bei der Militärregierung Myanmars und anderen Diktaturen. (Am Rande: Einzelne Preisträger sollten dem Komitee zwischenzeitlich hoffentlich selbst unangenehm sein – man denke hier nur an das Jahr 1973 und Henry Kissinger). Aber: Eine polarisierende Wirkung sollte und soll der Preis ja wohl auch stets haben; das Augenmerk soll auf Regionen, Menschen, Zustände gelenkt werden, es geht um das Sichtbarmachen von Engagement gegen Mißstände, es geht um Freiheitskämpfer, um Menschlichkeit, um die Stimmen der Unterdrückten und politisches Engagement.

Und deswegen scheint mir – unabhängig aller bisheriger Ausführungen – stets die Begründung des Komitees zur Verleihung des Preises das ganz Entscheidende zu sein, das für die externe Bewertung der auch allgemein anzuerkennenden Würdigkeit des Preisträgers herangezogen werden kann. Und dafür kann es meines Erachtens – der Preis trägt den Indikator schon im Namen – stets nur um Bemühungen in Richtung Frieden, friedvollen Zusammenlebens, der Lenkung der Blickrichtung öffentlicher Aufmerksamkeit auf Krisensituationen, unhaltbare, unmenschliche Zustände, Krisenherde oder humanitäre Katastrophen gehen.

Dass ich damit nicht diejenigen Preisträger meinen kann, die Kriege anzetteln und führen, um dann im Falle eines Friedensschlusses den Friedensnobelpreis zu erhalten, ist evident. Was für eine Perversion, auch hier lässt sich bestens wieder Henry Kissinger als Negativbeispiel anführen. Hier weitergedacht, wäre dann dieser Logik folgend der Syrer Baschar al-Assad ein potentieller Preisträger, sollte er sich – nach der weitgehend erfolgten Vernichtung seines eigenen Volkes – dann nur irgendwann für einen Friedensschluss einsetzen.

Und hier wird nun eindeutig deutlich, welche Funktion dem Friedensnobelpreis durch das Komitee zugeschrieben wird, dem Preis aber meines Erachtens eigentlich nicht zukommt oder zukommen sollte: Das Komitee versucht, aktiv Politik zu machen, Politik aktiv zu beeinflussen und sei es in der Stabilisierung einer als politisch erhaltenswert empfundenen Situation. Eine Einmischung in politisches Geschehen, die dem Komitee weder zusteht, noch mit der Idee des Preises in Einklang steht und die zumindest einem Teil der bisher Ausgezeichneten tatsächlich auch unwürdig ist.

Die Prämisse des Friedensnobelpreises lautet: Der Friedensnobelpreis soll an denjenigen vergeben werden, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat.

Mein Vorschlag: Diese Prämisse ist einerseits dringend wieder ernst zu nehmen. (Barack Obama hätte damit – bei genauer Lektüre – diesen Preis 2009 nicht erhalten können. Und ebenso wenig hätte das tunesische Quartett somit den Preis erhalten dürfen, zumal, wenn man die o.a. Begründung (“Schaffung einer pluralistischen Demokratie“) und den Wortlaut der geforderten Voraussetzungen potentiell Preiswürdiger abgleicht. Allenfalls hätte die „Förderung von Friedenskongressen“ als Begründung herangezogen werden können, was aber nachweislich nicht passiert ist.)

Und andererseits wäre der Passus unbedingt zu ergänzen um die Tatsachen eines unaufhörlichen, nachhaltigen, auf dauerhafte Humanität, auf wirklichen Frieden förderlichen Hinwirkens, ausnahmslos in der Vergangenheit und unbedingt potentiell in die Zukunft – und keinesfalls beispielsweise nur ein (vergangenes) Jahr isoliert betrachtet.

Bekannte und unbekannte Kämpfer, überzeugte Pazifisten, nachhaltiges Bemühen um Frieden sollten die Ehrung erfahren, nicht Realpolitik, die durch diesen Preis ohnehin nicht beeinflusst werden kann und in ihrem genuin inhärenten und – zumindest übergreifend betrachtet – nationalen Lobbyismus eine absolut ungerechtfertigte Aufwertung erfährt. Keine (nachträgliche oder potentielle) Legitimation der Weltpolitik sollte vorgenommen werden, vielmehr sollte der Blick auf die Landkarte der Ungerechtigkeiten, Kriege, Völkermorde, Unterdrückungen durch das Komitee eingenommen werden. Und auch das Preisgeld wäre damit in vielen Fällen sicherlich besser einzusetzen, als das in der Vergangenheit passiert ist – eben auch bei den wahren und doch oftmals so unsichtbaren, oftmals benachteiligten, unterdrückten und doch unermüdlichen Helden des Kampfs eines friedlichen Zusammenlebens weltweit, zwischen den Völkern, im Kleinen, wie ebenso auf die gesamte Menschheit bezogen.


Zum Weiterdiskutieren:

Gehen Sie in das persönliche Gespräch mit beispielsweise Tunesiern oder Ägyptern! Die Sichtweise auf viele der Entwicklungen gewinnt ungeahnt neue Facetten durch Augenzeugenberichte oder die Meinung und Erlebnisse unmittelbar Betroffener.


Zum Weiterlesen:

Žižek, Slavoj: Ärger im Paradies. Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus. Frankfurt am Main 2015
Exemplarisch lohnt unbedingt der Blick in das 2. Kapitel, v.a. ab S. 86 ff. Darin zeigt Žižek denkbare Hintergründe der Wahl Obamas zum Präsidenten der USA verbunden mit seiner Preisträgerschaft des Friedensnobelpreises auf, was gerade in der Verknüpfung zur Tatsache der Verfolgung der sog. „Whistleblower“ Snowden oder Manning durch die USA ein großes, wie ebenso erschreckendes (Lese-)Vergnügen ist. Und auch das 3. Kapitel (v.a. die Seiten 160 ff.) ist hochspannend: Hier widmet sich Žižek ausführlich der Untersuchung bzw. Diagnose zur gescheiterten Revolution in Ägypten, bzw. der Revolution zur Revolution.

Wikipedia: Eine vollständige Liste der bisherigen Friedensnobelpreisträger findet sich dort. Sie werden es tatsächlich oft nicht glauben, wer diesen Preis seit dem Jahr 1901 verliehen bekommen hat. Vergleichen Sie gerne die bisherigen Preisträger mit der oben zitierten Begründung, die allen Entscheidungen zugrunde lag. Und seien Sie mit mir gespannt, welche Preisträger (und mit welchen Begründungen!) künftig noch dazu kommen werden…!

Die Begründungen des Komitees für die Verleihung an die Preisträger im Wortlaut findet sich unter http://nobelpeaceprize.org.


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Helmut Schmidt mit John Stuart Mill.

Nachbetrachtungen zum Tode und des deutschen Bundeskanzlers (a.D.) Helmut Schmidt 2015.

John Stuart Mill war Nationalökonom und Philosoph, er setzte sich bereits Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts in England für Sozialreformen und das Wahlrecht für Frauen ein. Mill galt als pragmatischer Politiker, er vertrat einen liberalen Utilitarismus. Sein Lebensthema war die Freiheit des Menschen. In seinem Buch „Über die Freiheit“ entwickelte John Stuart Mill ein damals weitgehend bahnbrechendes Menschenbild.

Wenn Pragmatismus in der Politik als Gütezeichen gelten soll: Als Rückbetrachtung zum Tode des deutschen Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt erschienen in vielen deutschen, aber auch internationalen Gazetten Nachrufe, Berichte über ein langes Leben und es kamen Wegbegleiter Schmidts zu Wort. Oft fielen dabei Worte wie eben „Pragmatismus“, aber auch „scharfer Verstand“, „Eloquenz“, „Kultur und Bildung“. Am deutlichsten las sich ein Nachruf im britischen Telegraph, der Schmidt als „Terrier“ charakterisierte, der unduldsam gegenüber Mittelmäßigkeit und sich seiner Größe im Verhältnis zu anderen Politikern durchaus bewusst gewesen sei. Schmidt galt als eben pragmatischer Politiker. Seine Positionen vertrat er dabei selbstbewusst und unbeirrt, man denke an den NATO-Doppelbeschluss, der letzten Endes mit zur Gründung der „Grünen Partei“ in Deutschland beigetragen und der SPD sicherlich Wählerstimmen gekostet hat.

Fast mitleidsvoll musste man dann die letzten Jahre die Auftritte Schmidts in diversen Fernsehformaten verfolgen, in denen er sich als sturer und zuletzt wirrer alter Mann präsentierte, der unablässig rauchend als Abklatsch seiner selbst, aus der Zeit gefallen, herumsaß und dargeboten wurde. Fast genauso mitleidsvoll möchte man aber all´ den Konservativen begegnen, die Schmidt während seiner politischen Laufbahn maximal bekämpft haben – man denke nur an das konstruktive Misstrauensvotum und die Inthronisierung von Helmut Kohl als Bundeskanzler im Oktober 1982. Und eben diese Konservativen, deren politische Nachkommen und deren Medien (BILD-Zeitung) schrieben Schmidt dann in seinen letzten Lebensjahren eine Vorbildfunktion als moralische Instanz ins Buch. Eine Gefahr ging dann ja nicht mehr aus von Schmidt. Puren Opportunismus nenne ich das – damals wie heute.

Die Frage, die sich stellt, ist diese: Würde ein Politiker wie Helmut Schmidt heute gewählt werden? Und warum ist die Mehrheit der Deutschen letztlich zu Schmidt-Fans mutiert, quer durch alle Schichten, über alle Parteigrenzen hinweg?

Meine Antwort unter Beobachtung der aktuellen politischen Landschaft lautet: Nein, solche Politiker gibt es derzeit nicht. Politiker, die Pragmatismus mit Visionen, Standpunkte mit Kompromissbereitschaft und persönlichen Einsatz mit Vorbildfunktion verknüpfen, unabhängig des Zeitgeistes, der politischen Berichterstattung und aktueller Umfragewerte. Vielleicht gibt es eine Sehnsucht der Menschen nach Politikern dieses Schlags? Wenn tatsächlich charismatische Persönlichkeiten auftauchen, dann meist in tatsächlich „neuen“ politischen Gruppierungen und das Argument der drohenden Radikalisierung wird dann sofort herausgeblasen. Im konservativen Dunst, den es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der heute noch bestehenden Form in Deutschland gibt, wird jede Neuerung, jede noch so kleine Gefahr einer Revolution der bestehenden Verhältnisse als unabdingbar im Chaos endend gebrandmarkt. Dabei gehört selbstverständlich jede Ideologie, die sich von universalen Menschenrechten verabschiedet, diese negiert oder nur ausgewählten Menschen zuschreibt, tatsächlich bekämpft.

In der Geschichte der BRD hat es mit der Grünen Partei nur eine Partei gegeben, die es gegen die herrschende Meinung und trotz aller Anfeindungen, Verleumdungen und Bekämpfungen geschafft hat, sich in die politische Situation tatsächlich neu zu inkorporieren. Gescheitert sind die anderen Parteien entweder an Verbotsverfahren (wie die KPD 1956) oder an der eigenen Unfähigkeit (wie die Piraten-Partei). Wohin sich letztlich die – radikale – NPD (Verbot?) und die AfD (Unfähigkeit?) entwickeln, bleibt aktuell zu beobachten und maximal kritisch zu begleiten.

Aber auch innerhalb der sog. etablierten Parteien wird jede Form der Nicht-Konformität, der Unangepasstheit, jede Form neuer Ideen, sofort unterdrückt. Wie sollen da Individualität, Kreativität, Eigenständigkeit im Denken, Esprit, schlicht: wirkliche Persönlichkeiten gedeihen?

Zurückkommend auf John Stuart Mill: Wenn man sich das „verwaltende Personal“ der deutschen Parteien anschaut, gibt es meines Erachtens niemanden, der sich intellektuell und seine Persönlichkeit betreffend mit Politkern vom Schlage Helmut Schmidts messen könnte. Mill schreibt: „Wenn man die Dinge nüchtern betrachtet, so muß man sagen: wieviel Huldigung auch der wahren oder angenommenen geistigen Überlegenheit dargebracht wird, so strebt die allgemeine Neigung doch dahin, der Mittelmäßigkeit die größte Macht über die Menschen zu geben.“ (S. 93)

Allerdings: Ist das wirklich zu bedauern? Oder bekommen wir nicht genau die Politiker, die wir uns als Ganzes, als Gesellschaft suchen?

Wenn es also tatsächlich eine Sehnsucht nach anderen Politkern gibt, die Pragmatismus mit Standhaftigkeit, Überzeugungen mit Eloquenz verbinden, dann ist diese Sehnsucht allenfalls eine diffuse. Als nüchtern würde ich die zitierte Passage Mills nicht bezeichnen, vielmehr als angemessen pessimistisch und als nach wie vor real: Gesucht bleibt meist die Mittelmäßigkeit, die anpassungsfähig mit den Medien, den Meinungen, den Menschen umgehen kann, die niemanden wirklich intellektuell und emotional (Herz und Verstand) fordert, die die Bevölkerung in der Mehrzahl in ihrer – wohl nachvollziehbaren – bestenfalls Mittelmäßigkeit abholt, sofern der Gang an die Wahlurne überhaupt noch angetreten wird.


Zum Weiterlesen:

John Stuart Mill: Über die Freiheit. Hamburg 2011


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Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Das Wort der „Nachhaltigkeit“ ist heute in aller Munde und wir sind vielfach mit diesem Wort konfrontiert. Es geht um nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltige Unternehmensführung, die Politik schreibt sich das Wort auf die Fahne. Es gibt Nachhaltigkeitskonzepte in Schulen und Kindergärten, nachhaltiges Denken und Handeln soll unseren Alltag in Bezug auf unser Verhalten oder unseren Konsum bestimmen.

Was aber bedeutet dieses Wort der „Nachhaltigkeit“ tatsächlich? Nachstehend werde ich ein Konzept darstellen, das versucht, eine umfassende, ganzheitliche Perspektive des Begriffs der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Dieser Begriff wird sich auf unterschiedliche Bereiche beziehen, da Nachhaltigkeit bezogen auf soziales Zusammenleben im Rahmen unserer zunehmend globalisierten Welt eine entscheidende Rolle spielt. Auch der Zusammenhang zwischen heutigen Anforderungen und den Anforderungen künftiger Generationen, also der Zukunftsaspekt im Sinne der Generationengerechtigkeit, ist entsprechend zu würdigen.

Gerade im Bereich der Ökologie und im Bereich wirtschaftlich tätiger Unternehmen spielt der Begriff der Nachhaltigkeit eine prominente Rolle. Eine umfassende Definition des Konzepts verlangt aber mehr, als die reine Konzentration auf Umweltaspekte oder unternehmerisches Tun.

Um sich dem Begriff der Nachhaltigkeit anzunähern, scheint ein Blick in den Duden hilfreich. Dort wird Nachhaltigkeit definiert als

  1. längere Zeit anhaltende Wirkung
  2. forstwirtschaftliches Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann
  3. ökologisches Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann.

Diese Definitionen zielen (historisch) schwerpunktmäßig auf den ökologischen Aspekt der Nachhaltigkeit. Eine Beschränkung, die im heutigen Verständnis des Worts zu kurz gegriffen scheint. Zwar spielt der ökologische Aspekt eine große Rolle, andere Bereiche sind jedoch mitzubedenken und gerade der Aspekt der Dauerhaftigkeit ist ein entscheidender, der auf andere Bereiche ebenso Anwendung finden muss.

Bevor in die verschiedenen Teilbereiche nachhaltigen Denkens und Handelns einzusteigen ist, scheint es mir entscheidend, den Zeitaspekt voranzustellen. Egal, ob es um die nachstehend dargestellten Bereiche ökologischer, politischer, gesellschaftlich-sozialer, wirtschaftlicher oder auf den Lebensstil des Einzelnen bezogener Nachhaltigkeit geht, müssen immer die Aspekte aktueller Bedürfnisse der Gesellschaft in Verbindung der Handlungsoptionen künftiger Generationen betrachtet werden. Wer den Lebensraum unserer Nachfahren erhalten will, der muss bereits heute nachhaltig denken und handeln, und das eben in allen genannten Teilbereichen. Die Beachtung der zeitlichen Komponente und eine damit verbundene Antizipationsfähigkeit möglicher Entwicklungen mit allen daraus resultierenden Wirkungen sind somit unerlässlich. Und dabei muss unbedingt die Dynamik von Entwicklungen mitbedacht werden: Die gesellschaftlichen oder ökologischen Rahmenbedingungen verändern sich und diesen Veränderungen muss sich ein dynamisches Konzept der Nachhaltigkeit aktiv stellen.

Folgende Teilbereiche des Nachhaltigkeitsbegriffs sind ergänzend entscheidend, um eine umfassende Definition vorzubereiten:

  • Ökologische Dimension: Auf den Umweltaspekt wurde bereits eingegangen. Ökologisch-nachhaltiges Denkens und Handelns lässt sich beispielweise im Rahmen der Energiepolitik verdeutlichen. Die Nutzung Erneuerbarer Energien trägt zur Reduzierung von Treibhausgasen bei und kann damit zur Verlangsamung der Erwärmung unserer Atmosphäre führen. Aber auch die Einstellung und Entscheidungen Einzelner spielen eine Rolle, wie unter dem Aspekt des „Lebensstils“ noch verdeutlicht wird.
  • Politische Dimension: Nachhaltiges Denken muss politische Entscheidungen beeinflussen, ob lokal, national oder international. Politik hat die Aufgabe, die Rahmenbedingungen zu schaffen und zu erhalten, um die Zukunft zu sichern. Je nationale Interessen stehen dabei jedoch oftmals im Widerspruch zueinander, was globale Vereinbarungen hemmt, man denke hier an die Ergebnisse bisheriger Klimakonferenzen, die reine Absichtserklärungen, ohne wirklich bindenden Charakter hervorgebracht haben. Ebenso ist der Hunger der Welt nicht besiegt, nicht alle Menschen haben gleichgeartete Möglichkeiten des Zugangs zu sauberem Wasser oder medizinischer Versorgung, Fragen, die oftmals im Zusammenhang der Instrumentalisierung der politischen Entscheidungsträger durch (Wirtschafts-)Lobbyisten stehen.
  • Gesellschaftlich-soziale Dimension: In enger Verknüpfung damit steht diese Dimension, die eine notwendige Ergänzung zur politischen Dimension darstellt. NGOs, Verbände, Stiftungen, Kirchen oder auch Netzwerke unterliegen nicht (oder weniger) dem Druck nationaler politischer Interessen und können sich gerade deswegen auch global unabhängiger für Menschenrechte, Klimaschutz und ökologische Standards oder gegen Krieg und Hunger einsetzen. Aber auch allgemeine Fragen der Interkulturalität oder der Geschlechterverhältnisse spielen eine Rolle. Ein Beispiel einer wichtigen gesellschaftlich-sozialen Dimension (auch im Konflikt mit der politischen) ist die aktuelle sog. „Flüchtlingskrise“. Obwohl es heute Konsens in der Wissenschaft ist, dass gerade die BRD Einwanderer benötigt, um den aktuellen Wohlstand auch nur zu halten, agiert die Politik hier anders. Privates gesellschaftliches Engagement heilt dabei einige der Fehler, die im schwerfälligen und von Umfragen getriebenen politischen Bereich aktuell für die Zukunft gemacht werden.
  • Wissenschaftliche Dimension: Auch in der Wissenschaft ist nachhaltiges Denken und Handeln notwendig, bezogen auf alle o.a. Bereiche und Teilgebiete, insofern man der Wissenschaft einen begleitenden Charakter zuschreibt, aber auch einen Innovationen fördernden und die Einnahme einer Metaperspektive. Der Bereich der „Nachhaltigkeitswissenschaften“ gewinnt eine immer größere Bedeutung, was durch die steigende Anzahl möglicher Studiengänge verschiedener Disziplinen in diesem Bereich verdeutlicht werden kann.
  • Wirtschaftlich-unternehmerische Dimension: Unternehmen sind eingebunden in gesellschaftliche Prozesse und Teil des gesamtgesellschaftlichen Systems, sie nehmen Einfluss auf und unterliegen politischen Entscheidungen und beeinflussen die Umwelt oft genug erheblich. Im Bereich nachhaltigen Wirtschaftens geht es um entsprechende Positionierung, um den langfristigen Erfolg, auch aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive (Unternehmen als Arbeitgeber, Steuerzahler, auch Mäzene). Unternehmen sind gefordert, Entscheidungen zu treffen und diese transparent zu machen. Nur dadurch wird die Glaubwürdigkeit aufrechterhalten und das Vertrauen der Stakeholder, also aller am Unternehmen interessierten Parteien (Eigentümer, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Kreditgeber, Staat) gesichert. Auch wenn wirtschaftlich tätige Unternehmen dem Diktat der Gewinnerzielung unterliegen, stellen sich zunehmend Anforderungen, sich der Verantwortung bewusst zu sein, nicht zuletzt durch die Tatsache, dass sich immer mehr Verbraucher vor Kaufentscheidungen informieren und Aspekte nachhaltiger Produktion (von Sachgütern und Dienstleistungen) hinterfragen.
  • Dimension des Lebensstils des Einzelnen: Eben diese Möglichkeiten und Tatsachen der Verbraucher stellen Chance und Gefahr für die Unternehmen dar: Chance in der Positionierung als nachhaltig wirtschaftende Unternehmen, Gefahr in der Tatsache nicht ernst gemeinter Nachhaltigkeit, als reine Werbeversprechen (das sog. Greenwashing). Jeder Konsument aber auch jeder (aktuelle und potentielle) Arbeitnehmer kann sich zumindest informieren, wie sich das Verhältnis der Belastungen für Gesellschaft, Umwelt und Menschen zwischen Produktion und Gebrauch von Sachgütern und Dienstleistungen verhält. Und diese Information sollte sowohl in die Kaufentscheidung, als auch in die Entscheidungen, die als Angestellter einer Firma zu treffen sind, einfließen. Auf der anderen Seite ist – selbst bei umfassender Information – ein vollständig ethisches, umweltverträgliches, ressourcenschonendes Leben des Einzelnen wohl nicht möglich. Dafür unterliegen wir auch ganz praktischen Zwängen, in der Arbeitswelt ebenso, wie in Wirtschaftssystemen an sich. Und nicht jeder Mensch ist bereit (man denke an Flugreisen), fähig (Bildung) oder in der Lage (Zugang zu Informationen), sich immer vorab zu informieren und dann auch danach zu handeln.

Zusammenfassend lassen sich somit Ziele und Wege der Nachhaltigkeit festhalten: lokal, national und global; heute und morgen; dauerhafte wirtschaftliche, ökologische, gesellschaftlich-soziale und wissenschaftliche Entwicklungen.

Anmerkung: Den Teilbereich kulturellen Lebens (oder das, was heute darunter verstanden wird) habe ich bewusst außen vor gelassen, da dieser unter allen genannten Teilbereichen zu subsumieren wäre. Und nicht zuletzt stammt auch das lateinische Verb colere, von dem unser Begriff der „Kultur“ abgeleitet ist, im Sinne von „bauen, bestellen, bearbeiten“, ursprünglich aus dem Bereich der Landwirtschaft. Was aber mit zu bedenken ist, ist der Bereich der Bildung. Diese ist unabdingbar, in Richtung Nachhaltigkeit zu denken und zu handeln, gleichzeitig muss Bildung selbst nachhaltig sein. Das meint umfassend, lebenslang, am Menschen orientiert, international und vorurteilsfrei.

Aus den aufgeführten Teilbereichen, Aspekten und Punkten kann somit folgende mögliche Definition des Begriffs der „Nachhaltigkeit“ als ganzheitlich-umfassendes Konzept entwickelt werden:

Nachhaltigkeit (die):

„Nachhaltigkeit meint ein ganzheitliches, universales und umfassend einzusetzendes Konzept der Verantwortung im Rahmen menschlichen Denkens und Handelns. N. betrifft die Teilbereiche der Ökologie, Ökonomie, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft sowie die Frage des Lebensstils des Einzelnen. Unter Einbezug von Informationen müssen individuelle und kollektive Entscheidungen getroffen werden, die den dynamischen ökologischen, ökonomischen, politischen, sozial-gesellschaftlich und wissenschaftlichen Rahmenbedingungen und Anforderungen an ein solches Konzept gerecht werden. Es geht um nachhaltige Bildung in Richtung relevanter Konzepte, das Formulieren von Zielen und Wegen, das Erkennen von Chancen und Risiken, von Entscheidungsgrundlagen und Handlungsalternativen. Dabei spielt der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle: Heutige Anforderungen müssen ebenso mitbedacht werden, wie die Anforderungen zukünftiger Generationen an aktuelle Entscheidungen und die Tatsache dynamisch sich verändernder Rahmenbedingungen. N. versucht, Werte zu schaffen und langfristig Werte zu erhalten. N. lässt sich damit wechselseitig zugleich auch als Forderung an ein System prozessual sozial interagierender Individuen und Institutionen im weitesten Sinne verstehen.“

Abschließend möchte ich noch den englischen Begriff der „Nachhaltigkeit“ in die Diskussion einführen, der da lautet: sustainability. Das zugehörige Verb lautet to sustain und meint, neben der Bedeutung „zu erhalten“ ebenso „zu tragen“. Und dieses Bild passt nach meinem Dafürhalten ganz hervorragend für das Konzept der Nachhaltigkeit: Wir tragen die Verantwortung für diese, unsere Welt, und das nicht nur aktuell, sondern auch mit Blick in die Zukunft – in einem nicht abschließbaren Prozess interagierender Sphären, Teilbereiche, Systeme und Subjekte.


Zum Weiterlesen:

Duden 2015, Begriff der Nachhaltigkeit; online abrufbar auf www.duden.de

Göbel, Elisabeth: Unternehmensführung und Moral. Konstanz 2014

Heins, Bernd: Soziale Nachhaltigkeit. Berlin 1998

Lexikon der Nachhaltigkeit, online abrufbar auf www.nachhaltigkeit.info


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